Rohrers Reality-Check
Ein Blog für alle, die von der Politik nicht hinters Licht geführt werden wollen. Die Fortsetzung eines journalistischen Credos – mit anderen Mitteln.
Wenn Erwin Pröll eine Frau wäre
Alles andere als Heinz Fischers Ankündigung seiner Kandidatur für die zweite Amtszeit als Bundespräsident wäre eine Überraschung gewesen. Dafür war Heinz Fischer aber noch nie bekannt, auch wenn er sich mit der Verkündigung via Internet eine für ihn geradezu frivole Abweichung vom Konventionellen erlaubt hat. Fischer hat in den letzten Monaten das Gleiche getan wie in seiner ganzen politischen Karriere: Nerven bewahren und so lange warten bis sich die Situation in seinem Sinn oder eher zu seinen Gunsten verändert hat.
Alle Feinspitze auf den Beobachterposten in der österreichischen Innenpolitik mögen bedauern, dass es doch nicht zu einem Wettstreit zwischen Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) und Fischer kommen wird. Da hat es zuletzt nämlich durchaus interessante Andeutungen gegeben. Bei der Klubklausur der Parlamentsfraktion der ÖVP in Krems durfte der Klubobmann der ÖVP im niederösterreichischen Landtag, Klaus Schneeberger, Erwin Pröll vergangene Woche vertreten. In seiner Begrüßung der Abgeordneten hat Schneeberger dann bedauert, dass Pröll doch nicht der Gegenkandidat Fischers sein wird, obwohl der Landeshauptmann doch ein "Wahlkampf-Eber" und er, Schneeberger, froh sei, dass der Landeshauptmann keine Frau ist, denn dann müsste er sagen "Wahlkampf-Sau".
Im Bericht des ORF über diesen Auftritt war keine Reaktion der anwesenden VP-Politikerinnen zu erkennen. Auf eine Anfrage bei Damen des VP-Klubs reagierten nur drei. Dorothea Schittenhelm ließ wissen: "Die Rede des Klubobmanns Schneeberger löste große Empörung bei den Frauen des ÖVP-Klubs aus. Ich habe persönlich das Gespräch mit dem Klubobmann gesucht, er hat sich in aller Form für seine Aussage entschuldigt und versichert, dass dies auf keinen Fall so gemeint war und er niemanden mit seiner Äußerung kränken wollte." Und Adelheid Fürntrath-Moretti ließ wissen, dass für sie "sogar als Jägerin" diese Aussage unpassend und für alle "nicht witzig sondern geschmacklos" war. Schneeberger habe sich bei "Frauensprecherin Schittenhelm offiziell entschuldigt".
Abgeordnete Ridi Steibl wollte das alles "nicht an die große Glocke hängen" und am liebsten ignorieren. Ein Reaktion aller Frauen des Klubs hat es allen Informationen nach nicht gegeben. "Peinlich berührt" waren laut Steibl alle. Auch bei Klubobmann Karlheinz Kopf habe man nicht protestiert, der könne doch für Schneeberger nichts.
Die Diktion des Niederösterreichers im Zusammenhang mit der Wahl des Bundespräsidenten muss auch deshalb überraschen, weil sich Erwin Pröll noch als Vielleicht-Kandidat in vielen Interviews zuvor große Sorgen um das Ansehen des Amts des Bundespräsidenten gemacht hat. So ließ er Ende August in einem Interview am Boulevard wissen, was ihm "wirklich Sorgen macht": "Dass viele Österreicher sich heutzutage fragen, wozu man einen Bundespräsidenten überhaupt braucht. Das muss zu denken geben. Die Frage ist: "Warum es so weit gekommen ist, dass die Österreicher dieses Amt als so wenig bedeutend einschätzen".
In der Aufregung über eine mögliche Kandidatur für die Hofburg dürfte Pröll die Antwort vergessen haben. "So weit ist es gekommen", weil die Amtsführung von zwei Bundespräsidenten der ÖVP nicht optimal war. Kurt Waldheim (1986 -1992) hatte sich durch Lücken in seiner Biografie bis zur totalen Isolation selbst beschädigt, Thomas Klestil (1992-2004) durch die permanente Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit - persönlich wie politisch. Zuerst der Familien-Wahlkampf 1992, dann Trennung und schließlich Scheidung; dann der Machtkampf mit Franz Vranitzky rund um den EU-Beitritt Österreichs 1995; schließlich der permanente erfolglose Versuch, mehr Macht an sich zu ziehen als die Realverfassung in Österreich einem Bundespräsidenten gestattet und schließlich die Angelobung der schwarz-blauen Regierung, zu deren Bildung er nie einen Auftrag erteilt hatte.
Erwin Pröll fragt also, wie es so weit kommen konnte: Die Antwort ist in der jüngeren Geschichte seiner Partei zu finden. Sie stellte von 1986 bis 2004 die Bundespräsidenten.
von zum Thema Allgemein | 9 Kommentare

Endlich jemand, der aus dem bürgerlichen Lager kommend, den sog. "Bürgerlichen", welche großteils nur mehr ihrem Geldbeutel verpflichtet sind, den Spiegel vorhält!
Mehrere solche Persönlichkeiten wie Rohrer würden der österreichischen Zivilgesellschaft gut anstehen!
Gast: Thomas K., Dienstag, 24. November 2009 #
Die Aussage von Schneeberger war absolut peinlich und entbehrlich. Wenn er schon auf Sau-Sager steht: Vielleicht hätte er den Doch-Nicht-Kandidaten Erwin Pröll eher als „Rampensau“ bezeichnen sollen und nicht als „Wahl-Eber“?
Aber mit Sau-Sagern haben sich ÖVP-Politiker nicht das erste Mal vergaloppiert. Man denke nur an den (danach heftig dementierten) off the records-Ausspruch „der (deutsche Bundesbankpräsident) is a echte Sau“. Wobei: fair war das ja nicht von den Journalisten!
Was die harte Beurteilung der Präsidentschaft von Waldheim und Klestil betrifft: da steckt leider viel Wahres drin. Beide waren im Grunde sehr fähige Politiker. Aber: Waldheim hatte aufgrund seiner fatalen Verdrängungsstrategie überhaupt keine Chance mehr auf eine normale Amtsführung, und Klestil war ein überaus eitler und geltungsbedürftiger Mensch.
Der Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Sein und Schein ist manchmal schwer zu bewältigen.
Bundespräsidenten sind halt auch nur Menschen. Das trifft aber auf Heinz Fischer genauso zu.
Ka_Sandra, Dienstag, 24. November 2009 #
Da hat es die, immer wenn es um die ÖVP geht, wortgewaltige Frau Journalistin aber wieder zu Höchstform gebracht, im liebevollen schneebergerschen Sinne eine Zeitungs-Eberin. Nur mit Gedächtnislücken eben.
Denn dass der heutige Bundespräsident ein hohes Maß zur damaligen Waldheim-Isolierung beigetragen hat - verschwiegen.
Klestil zeitlebens kein ÖVP-Politiker Politiker war - verschwiegen.
Sie kommt vielleicht nie mehr wieder, die heile linke Welt der 70er-Jahre. Da freut man sich dann eben schon über präsidiale Reminiszenzen.
Jaja..., Dienstag, 24. November 2009 #
Also bevor da unser ehemaliger BP Kurt Waldheim angesorcht wird, darf ich nur darauf hinweisen, daß die gesamte Nestbeschmutzungsaktion von der Grupper der "Die Padei geht über alles, auch über den Staat"-Politiker angezettelt wurde. Es war eine ähnliche Situation, wo die Roten dann das EU-Ausland um Hilfe gegen den achsobösen "Neonazifreund" Schüssel gerufen haben.
Und daß der "Rote Heinzi" jetzt versucht, als "unabhängiger Kandidat aller Österreicher" aufzutreten ist ja absolut lächerlich. Hat er den Faynachtsmann überhaupt um Erlaubnis dafür gefragt? Na wahrscheinlich schon, denn der Faynachstmann hat dann nach der gewonnenen Wahl immer noch die Möglichkeit, es als einen Sieg der SPÖ zu verkaufen, und wenn der Rote Heinzi die Wahl verlieren würde, was mangels geeigneten Gegenkandidaten sehr unwahrscheinlich wäre, dann kann er immerhin sagen, er wäre ja nie für die SPÖ angetreten.
Alien, Dienstag, 24. November 2009 #
Frau Rohrers Fiktionen:
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* ROHRER:
Kurt Waldheim (1986 -1992) hatte sich durch Lücken in seiner Biografie bis zur totalen Isolation selbst beschädigt.
* WAHRHEIT:
Kurt Waldheim ist von einer mittlerweilen klar dokuementierten Rufmordterrorkampagne, gestartet von der SPÖ über die SI bis hin zur Akzeptanz durch das "konservative" Frankreich ruiniert worden.
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* ROHRER:
Erwin Pröll fragt also, wie es so weit kommen konnte: Die Antwort ist in der jüngeren Geschichte seiner Partei zu finden. Sie stellte von 1986 bis 2004 die Bundespräsidenten.
* WAHRHEIT:
Tatsächlich hat die ÖVP mit K. Waldheim von 1986-92 den Präsidenten gestellt. Mit Klestil gewann ein von der ÖVP aufgestellter Mann, der nie Mitgleid er Partei war, nie in einer Regierung und sich letztlich von der ÖVP entfernte sich mit ihr verfeindete.
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Fr. Rohrer, sie mögen unter Österreichs Journalisten angesehen sein, aber wohl nur, weil sie genauso gerne die Geschichte verfälschen wie das Gros ihrer Kollegen.
Gast: Logos, Dienstag, 24. November 2009 #
Wenn Anneliese Rohrer eine Frau wäre...
Gast: UKW, Donnerstag, 26. November 2009 #
Rohrer ist zumind. produktiver als Fle, ihr Kollege.
Fischer hat so lange gewartet, bis er eine hundertprozentige Garantie von der Volkspartei erhielt, dass sie keinen Gegenkandidaten aufstellen wird.
Die ÖVP macht ja irgendwie recht gute "Geschäfte" in letzter Zeit. In Wien hat sie auch auf einen Gegenkandidaten verzichtet, den EU-Kandidaten durfte Faymann bestimmen...
Jetzt könnte man meinen, dafür kriegt die ÖVP was ganz Tolles, z.B. den ORF-GI. Aber nein, Grasl vom Landesstudio NÖ darf die Finanzen des ORF übernehmen und wird spätestens nach einen Jahr für die ORF-Pleite verantwortlich sein. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein? Eh nicht. Die SPÖ hat viele Wahlen verloren in letzter Zeit, ergo sägt die rote Basis an Faymanns Stuhl..ähm..
Also kriegt die ÖVP den Grasl und den Faymann.
Paige Halliwell, Freitag, 27. November 2009 #
einem
Paige Halliwell, Freitag, 27. November 2009 #
Außerhalb Niederösterreichs fragt man sich, wie jemand derart provinziellen Zuschnitts überhaupt auf die Idee kommt für dieses Amt zu kandidieren. Die Antwort kann nur darin liegen, dass es in NÖ keine ernstzunehmende Opposition gibt, die diesem Herrn aus Radlbrunn seine Grenzen aufzeigt. Eigentlich schade, dass er nicht Antritt - die Bevölkerung im übrigen Österreich hätte dem Herrn gezeigt, dass er ohne Hausmacht auch ohne Hosen dasteht.
Gast: Gast, Freitag, 27. November 2009 #