Die Dame am Eingang lächelte nur milde, als er ihr erklärte, dass er aus beruflichen Gründen das Gelände betreten wolle, also legte er schließlich einen Geldschein hin und nahm sein Eintrittsticket entgegen, Spesen gingen ohnehin zu Lasten seines Auftraggebers.
Er betrat das Freigelände und fand sich plötzlich inmitten eines kleinen Zeltlagers wieder, wo einige Legionäre in Rüstung um ein kleines Lagerfeuer saßen, die Helme auf die Schilde gesteckt, welche wiederum von den Speeren abgestützt, wie ein Schutzwall um das Lager aufgebaut waren. Rote Ziegeldächer leuchteten in der Sonne, das Metall der Waffen glänzte und die steinernen Gebäude um die alte Römerstraße vermittelten tatsächlich neben den in Togen oder Leinenkleidern steckenden Statisten einen lebendigen Eindruck von der Antike. So hatte er sich das als Bub vorgestellt. Lediglich die zu den Marktständen führenden Stromkabel störten das Bild ein wenig. Er wandte sich an einen der Legionäre der Legio tertia styriensis, versuchte mit ein paar aus dem Unterricht hängen gebliebenen Brocken Latein nach dem Zenturio zu fragen. Der zuckte mit den Schultern, also wählte Martin die Nummer seines Auftraggebers.
Das Mobiltelefon am Ohr des ergrauten Mannes mit militärischem Bürstenhaarschnitt, der nur in roter Unterwäsche steckte, passte auch nicht in die vergangene Epoche. Er erblickte Martin und schritt auf ihn zu. „Sind Sie jetzt endlich da?", fuhr ihn Dr. Zernek an.
Wenig später saßen sie im Zelt und sein Auftraggeber erzählte: „In einer Stunde muss ich zum Morgenappell aufmarschieren, aber wie soll das gehen? In Unterwäsche? Meine Rüstung ist gestohlen worden." Er deutete auf einen leeren Holzständer. „Es muss passiert sein, als ich geschlafen habe. Ein Wahnsinn, so eine Ausstattung kostet mehrere tausend Euro."
„Versprechen kann ich nichts, aber ich werde mich umsehen und umhören", sagte Martin zu dem aufgebrachten Mann.
Er untersuchte den Tatort. Es hatte in der Nacht zwar geregnet, doch die Fußabdrücke gaben wenig Aufschluss, denn die Akteure hier trugen dem Vorbild angepasste Lederschuhe ohne Profil. Lediglich ein paar verwelkte Gräser und ein Stück Würfelzucker steckten im Schlamm vor dem Zelt. „Übrigens", setzte der Mann an, „Ihr Latein ist völlig eingerostet, bräuchte dringend etwas Auffrischung."
„Ich weiß", entgegnete Martin mit einem Schulterzucken und ging zum Stand des Waffenschmieds. Der war dabei, ein Schwert aufzupolieren.
„Entschuldigen Sie, aber wenn ich auch so eine Ausrüstung wollte, bekäme ich die bei Ihnen?"
Der Mann blickte zu Martin auf und antwortete geschäftig: „Natürlich, alles, was Sie möchten."
„Und wenn ich es sofort bräuchte, zum Beispiel für heute?"
Der Mann grinste verschwörerisch. „Das ist vor allem eine Frage des Preises, aber da habe ich meine Quellen." Martin runzelte seine Stirn.
„Ja, ein Freund von mir ist Filmausstatter."
Martin querte das Forum, ließ die Therme mit der Villa publica hinter sich und suchte das zweite Soldatenlager auf. Das der Legio prima aureliana. Auch hier sprach er mit dem Kommandanten.
„Es ist natürlich das Schlimmste für einen Legionär", begann dieser zu erklären, „wenn ihm seine Rüstung abhanden kommt. In Rom bedeutete das höchste Schande, und wir leben hier auch diesen alten Kodex. Natürlich gibt es zwischen den Kohorten ein wenig Rivalität", nahm er gleich die nächste Frage vorweg, „aber die manifestiert sich nur in kleinen Streichen, so etwas würde keiner einem anderen Legionär antun."
Martin ging weiter zum etwas abseits liegenden Keltenlager. Er sprach den ein grobgewobenes Hemd tragenden Mann an. Er amüsierte sich königlich über das dem „Römer" widerfahrene Malheur. „Das geschieht ihm recht, dem alten Schundnickel!", lachte er. Er deutete auf seinen roten Schopf. „Ich durfte ja nicht zu seiner Elitetruppe, nur zum Barbaren hat es nach seiner Meinung gereicht. Früher hat er mich gequält und jetzt meinen Sohn, der Herr Lateinprofessor."
„Ah, der Mann ist Lehrer?"
„Ja. Unterm Jahr drillt er seine Schüler und in den Ferien spielt er den Feldwebel. Mein Sohn kann ein Klagelied davon singen. Es ist nicht sein erster Nachzipf."
Die Lautsprecheransage ertönte am Feld und verkündete den bald beginnenden Morgenappell der Truppe.
Martin kam zum Gehege, wo die Schaureiter, die verschiedene Angriffsformen hoch zu Ross nachstellten, ihre Pferde striegelten. Sie sattelten diese mit den nach archäologischen Funden rekonstruierten Reitsitzen, die man ohne Steigbügel ritt. Es gab sogar eine Frau darunter. Sie strich ihrem weißen Camarguehengst zärtlich über den Hals, griff in ihre Tasche und gab dem Pferd eine Belohnung.
„Schönes Tier", sprach Martin sie an.
„Ja, das ist er", sagte sie und führte das Pferd an den Zügeln an Martin vorbei. Er bemerkte ein Hinken in ihrem Gang.
„Beginnen Sie heute die Vorführung?"
„Nein, leider nicht. Vorher wird exerziert. Ich hoffe, dass diesmal die Arena geräumt ist. Letztes Jahr ist mein Pferd über einen vergessenen Speer gestolpert und wir sind zu Sturz gekommen. Aber das hat ja passieren müssen. Was glauben Sie, wie oft ich dem Veranstalter schon gepredigt habe, dass er das Programm umstellen soll."
Martin klopfte dem Pferd an die Flanken und verabschiedete sich.
Er ließ nun genüsslich die Zeit verstreichen, gustierte bei den Ständen, verkostete einige nach alten Rezepten gebackene Köstlichkeiten und schlenderte dann langsam zurück in das Zeltlager, wo Dr. Zernek bereits mit einem Nero zur Ehre gereichenden Zorn auf ihn wartete. Der Morgenappell war inzwischen abgesagt worden.
„Da sind Sie ja endlich, Sie Stümper, Sie kommen zu spät! Haben Sie wenigsten etwas herausgefunden?"
„Sic transit gloria mundi", lächelte Martin ihm entgegen.
„Das verstehe ich jetzt nicht."
„Ihr Auftritt ist zwar abgesagt, aber ich bin sicher, dass Ihre Rüstung heute noch auftauchen wird."
Was lässt Martin zu diesem Schluss kommen?
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)






