„Liebling, ich geh’ dann mal ins Wasser!“
Oberinspektor Otto Doblhofer nickte nur und streckte sich auf seiner Liege aus. Sollte seine Frau ruhig Abkühlung in der Adria suchen, er selbst würde nicht für viel Geld in der Mittagshitze den Schatten des Sonnenschirms verlassen.
Die Doblhofers machten Urlaub in Caorle. Nachdem sie in ihrem nur hundert Meter vom Strand entfernten Viersterne-Hotel das Mittagessen eingenommen hatten, waren sie wieder an den Strand gegangen. Schließlich waren im Hotelpreis zwei Liegestühle und ein Sonnenschirm (konkret Schirm Nr. 46 in Reihe 13) inbegriffen, und das musste man doch ausnützen! Doblhofers Nachbarn zur Rechten dachten wohl genauso, denn im selben Augenblick, als Doblhofers Gattin über den brennend heißen Sand hüpfend in Richtung Meer verschwand, nahte auch schon das Paar, dem Schirm Nr. 47 zugewiesen war.
„Ne, Irma, ich will mich jetzt nicht im Hotelzimmer niederlegen, auch wenn es 32 Grad im Schatten hat“, schimpfte der Mann norddeutsch vor sich hin. „Ich schufte monatelang für diesen Urlaub, da werd’ ich ihn wohl nicht schlafend im Zimmer verbringen.“
„Ist ja schon gut, Olaf“, gab Irma klein bei und entkleidete sich bis auf einen um mindestens eine Kleidergröße zu knapp dimensionierten Badeanzug. „Dann gehen wir halt ins Wasser, um uns abzukühlen.“
„Genau das machen wir“, sagte Olaf und schlüpfte aus seiner Hose. „Und meine Rolex geb’ ich inzwischen hier hinein.“ Er zog die Uhr über seine Hand und schob sie in die Hose, die er auf die Liege legte.
„Ich kapier’ eh nicht, wieso du deine Rolex an den Strand mitnimmst“, gab Irma zu bedenken. „Du wirst sehen, man wird sie dir noch klauen …“
„Soll ich die Zeit vielleicht vom Sonnenstand ablesen?“, keppelte Olaf zurück. „Und du wirst doch wohl nicht von mir verlangen, dass ich mit einer Uhr vom Aldi oder Lidl ’rumlaufe …“
Doblhofer schloss die Augen. Ihn wunderte nicht nur, dass der Mann mit einer dermaßen wertvollen Uhr an den Strand ging, sondern noch viel mehr, dass er so laut darüber sprach. Da konnte er andere Ur¬lauber leicht auf dumme Gedanken bringen! Zwar waren augenblicklich nicht allzu viele Leute am Strand, die meisten hielten wohl in den klimaanlagengekühlten Zimmern Siesta, aber rechts neben dem deutschen Pärchen (unter Schirm Nr. 48) lag ein Mann auf der Liege. Der Mann – Doblho¬fer wusste aus einem kurzen Gespräch, dass er Kärntner war – schien zwar zu schlafen, aber wer konnte ausschließen, dass er nicht ebenfalls gehört hatte, dass Nr. 47 eine Rolex auf der Liege zurückließ?
Doblhofer musste gut eine Viertelstunde geschlafen haben, als ein „Billiger, billiger, billiger“ ihn aus einem Traum riss, in dem er den Fall Foco gelöst hatte. Rechts neben ihm stand ein Schwarzafrikaner, der eine Unmenge von Badetüchern geschultert hatte und einige davon auf den Sand fallen ließ, wobei ein paar Tücher auch auf Olafs Liege fielen.
Doblhofer blinzelte. Er nahm wahr, dass rechts neben ihm alle Liegen unbelegt waren, offenbar kühlten sich Olaf, Irma und ihr Kärntner Nachbar im Meer ab. Glaubte der Strandverkäufer etwa, dass er – Otto Doblhofer – ein Badetuch kaufen würde?
Offenbar glaubte der Mann das, denn er strich ein Badetuch im Sand glatt und fragte: „Deutsch?“.
Doblhofer überlegte, ob der Mann mit dieser Frage die Sprache oder die Nationalität meinte, beschloss dann aber, sich auf derlei Feinheiten nicht einzulassen, und sagte langsam: „Mille grazie, aber ich benötige kein zusätzliches Badetuch.“
„Heute billiger“, behauptete der Verkäufer. „Zwanzig Euro pro Stick.“
Doblhofer schüttelte den Kopf und schloss, um sein Desinteresse zu zeigen, die Augen. So hörte er nur, wie der Afrikaner in einer höchst ausländisch klingenden Sprache irgendeine Verwünschung aussprach, die Tücher wieder schulterte und an ihm vorbei weiterging.
Wenig später war Doblhofer wieder eingeschlafen.
Das nächste Mal wurde er aufgeweckt, als eine Frau, die von links kam, „Massaggio! Buon massag¬gio!“ rief. Doblhofer öffnete ein Auge und sah eine ostasiatisch aussehende zierliche Frau vor ihm stehen. „Deutsch?“, fragte sie ihn.
Doblhofer schüttelte den Kopf. Nein, er war definitiv kein Deutscher.
„Massaggio, buon massaggio“, sagte die Frau wieder und deutete auf eine Mappe, die offenbar Reklamematerial für ihre Massagedienste enthielt.
„Nix massaggio“, entgegnete Doblhofer in fast perfektem Italienisch und drehte sich abweisend auf den Bauch. Als er sah, dass die Frau ein paar Schritte weiter ging und dann ihre Mappe auf Olafs Liege legte, um dem – einstweilen noch schlummernden – Kärntner ihre Dienste anzubieten, machte er die Augen wieder zu.
Kaum zehn Minuten später wurde er wieder geweckt – diesmal nicht von einem Strandverkäufer, sondern von dem lauten Schrei: „Meine Rolex ist weg!“
Doblhofer setzte sich auf. Rechts neben ihm stand Olaf vor seiner Liege und wiederholte: „Meine Hose samt Rolex ist weg! Diebe!“
„Ich hab’s dir ja gesagt!“, erhielt er von Irma, die sich soeben mit einem Badetuch abtrocknete, zur Antwort. „Hättest du sie in den Safe gegeben …“
„Meine Rolex! Polizei!“
Wenn nach der Polizei gerufen wird, kann Doblhofer auch im Urlaub nicht widerstehen. Hilfsbereit gab er seine Beobachtung zum Besten, dass während der etwa halben Stunde, die Olaf und Irma im Wasser verbracht hatten, mindestens zwei Verkäufer – beziehungsweise ein afrikanischer Badetuchverkäufer und eine asiatische Masseuse – an der Liege vorbeigekommen waren.
„Das würde diesen Verbrechern ähnlich sehen!“, rief Olaf. „Haben Sie die zwei auch gesehen?“, wandte er sich an den Mann zu seiner Rechten, der ebenfalls von Olafs Rolex-Rufen aufgeweckt worden war.
„Wie? Welche zwei?“, antwortete der Kärntner schlaftrunken. „Nein, tut mir leid, ich hab’ die ganze Zeit fest geschlafen. Ich nehme an, dass in einer halben Stunde weit mehr als diese zwei hier vorbeigekommen sind. Ihre Uhr sehen Sie wahrscheinlich nie wieder.“
Da war Doblhofer allerdings anderer Meinung. Denn wenn er es recht überlegte …
Frage: Wen verdächtigt Doblhofer?
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)






