Gelegenheit macht Diebe

27.10.2009 | 12:40 |  von Ernst Schmid (DiePresse.com)

„Aber das gibt es doch gar nicht", jammerte Rudolf Bär, der Geschäftsführer der Arzneimittelfirma. „Ich war doch nur eine halbe Stunde im Restaurant gegenüber eine Kleinigkeit essen, und dann war das ganze Geld weg. Fünftausend Euro. Die wollte ich meiner Tochter zur bestandenen Matura schenken."

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„Wo hatten Sie denn das Geld verwahrt?", wollte Kommissar Beck wissen.
Bär wies auf die Schreibtischplatte.
„Hier auf dem Tisch! In einem Kuvert."
„Haben Sie vor dem Verlassen des Büros wenigstens die Tür abgeschlossen?"
„Das mache ich nie. Konnte doch keiner ahnen, dass sich jemand einschleicht und das Geld stiehlt."
Beck stieß einen Seufzer aus und schüttelte den Kopf über so viel Naivität. Wie hieß es so schön: Gelegenheit macht Diebe. Ein Sprichwort, das sich wieder einmal bewahrheitet zu haben schien.
„Ist es möglich, dass sich jemand Fremder Zugang zu Ihrem Büro verschafft hat?"
„Normalerweise nicht! Aber das müssen Sie Frau Maier fragen. Sie ist meine Empfangsdame und bewacht den Eingangsbereich mit Argusaugen. An ihr kommt keiner ungesehen vorbei."
„Wie viele Personen sind außer Frau Maier noch in Ihrer Firma beschäftigt?"
„Sechs. Allerdings können Sie drei von vornherein von der Liste der Verdächtigen streichen. Herr Leitner befindet sich zurzeit im Krankenstand, und Herr Helm war mit Fräulein Neuer schon im Restaurant, als ich eintraf. Beide sind erst nach mir gegangen."
Beck begab sich in das Vorzimmer und erkundigte sich bei der Empfangsdame, ob ihr etwas Verdächtiges aufgefallen sei. Sie gab zu Protokoll, dass sie während der Abwesenheit ihres Chefs ihren Platz nicht verlassen habe und in dieser Zeit sicher keine fremde Person an ihr vorbei in den Bürobereich gelangt sei.
Damit stand für Beck fest, dass einer der drei Mitarbeiter, die während der Mittagspause im Büro geblieben waren, der Täter sein musste.
Bevor er mit dem Verhör begann, suchte er noch einmal den Geschäftsführer auf.
„Weiß eigentlich schon jemand, was passiert ist?"
Herr Bär schüttelte den Kopf. „Nachdem ich das Fehlen des Geldes bemerkt habe, habe ich sofort bei Ihnen angerufen."
„Dann ersuche ich Sie, auch jetzt nichts darüber verlauten zu lassen. Schicken Sie mir als Ersten Herrn Wolf zur Befragung!"
„Wo waren Sie zwischen 11.30 und 12.00?"
Herr Wolf schaute Beck überrascht an. „In meinem Büro. Wo sonst? Warum wollen Sie das eigentlich wissen?"
„Ihr Chef ist bestohlen worden."
Wolf machte eine abwiegelnde Handbewegung. „Das wäre nicht das erste Mal, dass er jemanden des Diebstahls bezichtigt. Ein paar Tage später taucht dann das vermeintlich Gestohlene wieder irgendwo auf."
„Ist das schon öfter passiert?"
„Mindestens dreimal! Ich bin mir sicher, dass er seine Sachen nur verlegt hat. Vielleicht sollten Sie ihm besser beim Suchen helfen, als uns von unserer Arbeit abzuhalten."
Der Nächste, den er zur Befragung kommen ließ, war Walter Schuster.
Beck fragte auch ihn, wo er in der fraglichen Zeit gewesen sei.
„In meinem Büro, bis auf ein paar Minuten, die ich auf der Toilette verbracht habe.
Warum fragen Sie?"
„Ihr Chef ist bestohlen worden."
„Schon wieder! Im Vertrauen, ich würde nicht viel darauf geben. Er verlegt ständig irgendetwas. Das Geld wird schon wieder auftauchen."
„Trotzdem würde ich gern wissen, ob Ihnen etwas Verdächtiges aufgefallen ist."
Schuster zuckte mit den Achseln. „Eigentlich nicht. Außer dass ich Hengstler aus dem Büro des Chefs habe kommen sehen. Offensichtlich hat er etwas von ihm gebraucht, diesen aber nicht angetroffen. Sonst habe ich nichts bemerkt."
Nachdenklich schickte Beck den Mann nach draußen. Er war sich nicht sicher, ob es Sinn machte, die Befragung fortzusetzen. Vielleicht sollte er zunächst mit Bär gemeinsam nach dem verschwundenen Geld suchen. Tauchte es auf, war die Angelegenheit erledigt, ohne dass noch mehr Staub aufgewirbelt wurde.
Andererseits hatte Schuster ausgesagt, einen Kollegen beim Verlassen des Büros von Bär beobachtet zu haben. Immerhin der erste konkrete Anhaltspunkt auf einen möglichen Täter. Es konnte nicht schaden, mit diesem Hengstler zu reden. Sollte auch dieses Gespräch kein Ergebnis bringen, war es an der Zeit, dem Erinnerungsvermögen des Geschäftsführers ein wenig auf die Sprünge zu helfen.
„Wo waren Sie zwischen 11.30 und 12.00 Uhr?", stellte er zum dritten Mal die gleiche Frage.
„Ausnahmsweise war ich im Büro", gab Hengstler zur Antwort.
„Darf man fragen: Warum ausnahmsweise?"
„Weil ich normalerweise Mittagspause mache. Aber heute möchte ich früher wegkommen, weil ich mir ein neues Auto kaufe."
„Gratuliere, das ist eine gute Entscheidung in Zeiten wie diesen. Waren Sie die ganze Zeit über in Ihrem Büro?"
Hengstler nickte.
„Einer Ihrer Kollegen hat jedoch ausgesagt, dass er Sie aus dem Büro Ihres Chefs hat kommen sehen", wandte Beck ein.
„Das war sicher Schuster, aber er hat sich geirrt. Ich war nicht im Büro des Chefs, sondern einen Raum dahinter im Kopierzimmer. Das können Sie übrigens überprüfen. Das Gerät speichert automatisch, wann wie viele Kopien getätigt werden. Worum geht es eigentlich?"
„Ihr Chef wurde bestohlen."
Hengstler lachte laut auf. „Möchten Sie erfahren, wie oft das angeblich schon der Fall gewesen ist? Ungezählte Male. Vor drei Wochen hat er behauptet, jemand habe seinen Goldfüller entwendet. Die Putzfrau hat diesen dann beim Entleeren des Mülleimers gefunden. Und Schuster ist nur neidisch, weil ich mir ein neues Auto kaufe und er nicht das nötige Geld hat, das ebenfalls zu tun."
Ehrlich gestanden war Beck mit seinem Latein am Ende.
Er beschloss, noch einmal dem Geschäftsführer auf den Zahn zu fühlen, ob nicht doch die Möglichkeit bestünde, dass er das Kuvert nur verlegt habe.
„Sicher nicht!", empörte sich dieser. „Ich habe das ganze Zimmer auf den Kopf gestellt. Und ich bleibe dabei, das Geld ist gestohlen worden."
Plötzlich fiel es Beck wie Schuppen von den Augen.
„Sie haben Recht. Das Geld ist gestohlen worden, und ich weiß jetzt auch, wer der Täter ist."

Frage: Wer ist der Täter? Wodurch hat er sich verraten?

 

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Der Autor
Ernst Schmid arbeitet in Oberösterreich als Hauptschullehrer, hat bereits zahlreiche Gedichtbände und Kriminalromane („Totschweigen", „Katzenblut") veröffentlicht und dafür mehrere Preise erhalten, darunter den Theodor-Körner-Förderpreis 1997.
www.krimiautoren.at

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