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Große Fische

15.02.2010 | 14:36 |  von Ilona Mayer-Zach (Die Presse)

Langsam stellte sich der Hunger ein. Es war bereits halb zwölf, die Sonne schien unerwartet kräftig für die Jahreszeit, und Paula Ender hatte noch nicht gefrühstückt.

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Spontan hatte sie beschlossen mit zwei Freundinnen ins Mostviertel zu fahren, um den Tag zu genießen. Mit dem Sessellift waren sie auf den Berg hinauf gefahren. Ein, im wahrsten Sinn des Wortes, erhebendes Erlebnis, über eine halbe Stunde in völliger Stille allein in dem kleinen Sessel zu sitzen und hoch über dem Boden zu schweben. Oben angekommen, hatten sie noch einmal so lange gebraucht, bis sie die Wiese, die zum Gasthof führte, durchwandert hatten. Eine Herde Kühe graste dort und sah interessiert zu, wie die Städterinnen über Kuhfladen und Löcher sprangen. Als Belohnung winkte ein freier Tisch auf der Terrasse, die einen herrlichen Blick ins Tal bot. Das einzige, was die Idylle trübte, war die Musik, die aus den Lautsprechern dröhnte: Eine Frau sang von unglücklicher Liebe, Schmerz und Hoffnung. Paula konnte nachfühlen, was sie durchmachte: Auch sie war in der Hoffnung - nämlich dass der Wirt die Dudelei abstellen möge. Wie hätte sie ihn dafür geliebt. Stattdessen schmerzten ihre Ohren.
Paula bestellte einen weißen Spritzer. Ob der Wirt die Katzenmusik deshalb so laut spielte, damit die Gäste bereits vor Mittag im Alkohol Erlösung suchten? Als ein roter Opel Ascona laut quietschend vor dem Eingang des Gasthauses bremste und ein Mann mit ebensolcher Gesichtsfarbe laut „Wo ist der Ferdl?" brüllte, drehte der Wirt die Musik ab. Alle Gäste verstummten. Nur die Vögel zwitscherten. Paula hätte den Ankömmling küssen mögen. Doch die Freude war nur von kurzer Dauer. Der Mann stapfte, mit einer Geschwindigkeit, die Paula der pummeligen Gestalt nie zugetraut hätte, wutentbrannt auf den Wirt zu, packte ihn am Kragen und donnerte ihm die Faust aufs Auge. Die anderen Gäste tuschelten aufgeregt.
„Entschuldigen Sie", wandte sich Paula an den Angreifer. Der ließ für einen Moment vom Wirten ab und fuhr zu ihr herum. Schweißtropfen glitzerten auf seiner Stirn, seine Augen drohten aus den Höhlen zu springen.
„Wos is, Blondi?", fuhr er sie an. Die Ader auf seiner Stirn war gefährlich geschwollen, und er baute sich vor ihr auf, die Hände in die Seiten gestemmt. Paula durchfuhr der einzig sinnvolle Gedanke: Halt den Mund und hau ab!
Doch wider jede Vernunft tat sie das genaue Gegenteil: „Lassen Sie gefälligst den Wirten in Ruhe. Was hat er denn getan, dass Sie ihn grün und blau schlagen?"
Der Mann starrte Paula ungläubig an. Plötzlich begannen seine Lippen zu zittern, und seine Augen wurden wässrig. „Der Ferdl hat mein Teich auslossn. Und jetzt sind olle meine Karpfen weg gschwommen. Solche Fisch warn des...", bei diesen Worten deutete er mit seinen Händen eine Größe an, die nur genmanipulierte Karpfen erreichen könnten. „Die Fischerln warn mei ganzer Stolz", jammerte er.
Der Wirt raffte sich auf: „Jakob, spinnst? Deswegen prügelst auf mi ein? Ich hab 'dacht, weil i mit der Lizzi ... I würd dir doch nie den Teich auslassen! Bei aller Feindschaft. Frag lieber die Anni, die du vorige Woche abserviert hast und die sich seither jeden Tag bei mir voll laufen lässt. Die Weiberleut san doch vü fantasievoller wenn's um Rache geht, als wir Männer."
„Redets ihr grad blöd über mi?" Anni stand unmittelbar hinter ihnen. Das Publikum verfolgte jedes Wort der Stegreifaufführung. „Der Herr meinte, dass jemand seinen Fischteich ausgelassen hätte und vielleicht Sie...?", versuchte Paula zu vermitteln.
„Wer san denn Sie, dass Sie si in unsere Angelegenheiten mischen?", schnitt Anni ihr das Wort ab und zu den Männern gewandt schimpfte sie: „Ihr seids solche Trotteln! Glaubts ihr wirklich, dass ihr so großartig seids, dass i so an Schwachsinn machen tät? Du bist ja net der George Clooney. Und net amal für den würd i mi einsperrn lassn. Das ist doch ka Mannsbild wert." Bevor sich Paula Gedanken machen konnte, wieso Anni so gut Bescheid wusste, gab die einen neuen Hinweis: „Vielleicht war's die Lizzi. Die wird dem Jakob nie verzeihn, dass er sie außegschmissen hat."
Wenn man von der Sonne spricht - soeben erschien die Kellnerin Lizzi, mehrere reichlich beladene Tellern auf den Armen balancierend. „Für wen is der backene Fisch?"
Paula versuchte auf sich Aufmerksam zu machen: „Ich bekomme das Blunzengröstl bitte." Doch Lizzi nahm keine Notiz von ihr. Als es um die Verteilung der Speisen ging, konnte Paula nicht schnell genug schauen, wie ein Gast, der erst nach ihr gekommen war, die Hand in die Höhe riss und sich über ihr Blunzengröstl hermachte. Nachdem Lizzi alles abgeladen hatte, winkte der Wirt sie zu sich. Widerwillig kam sie und bedachte Jakob Gruber mit einem vernichtenden Blick. „Sag Lizzi, du bist doch heut erst nach elf Uhr kommen?" fragte Ferdl Müller.
„Ja, und?"
„Warst vielleicht vorher beim Jakob und hast eam sein Teich auslassn?" Dabei grinste er über das ganze Gesicht. „Kannst es ruhig sagn. I beschütz di schon."
Die Lizzi starrte zuerst den Ferdl, dann den Jakob zornig an. „Der Lift war heut bis Mittag außer Betrieb, drum hab i den ganzn Weg zu Fuß aufe gehn miassn. Lassts mi ja aus eure Streitereien raus. I hab Besseres zu tun, als mei Wut auf'n Jakob seine armen Fischerln auszulassn!"
Paula versuchte dem Gespräch zu folgen. Sie verstand nicht, was für die Fische so schlimm daran sein sollte, dass sie nun endlich schwimmen konnten, wohin sie wollten, anstatt in der Pfanne zu landen. Lizzi eilte in die Küche. Paulas Magen knurrte. Sie hoffte, dass ihr Gröstl bei der nächsten Lieferung dabei war. Dass sie wusste, wer den Teich ausgelassen hatte, machte sie nämlich nicht satt.


Frage: Wer hat den Fischteich ausgelassen?

 

>> zur Lösung

Die Autorin
Ilona Mayer-Zach hat mehrere Jahre im Ausland verbracht und als Journalistin und Gerichtsreporterin gearbeitet. Heute lebt sie als freie Autorin in Wien, schreibt Kriminalromane („Schärfentiefe“) und Kurzgeschichten, in denen die Serienfigur Paula Ender ermittelt.
www.krimiautoren.at

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