Das große Krabbeln

26.07.2010 | 13:56 |  von Christian Klinger  (Die Presse)

Die schwarzen Biester waren überall: lebende Kräuter auf dem Salat, schwimmende Punkte in der Limonenschaumcreme oder krabbelnde Flecken auf dem weißglänzenden Marmorboden.

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Der Padrone schaffte es gerade noch rechtzeitig, die Notverriegelung der automatischen Türschleuse zu betätigen, bevor die Invasion im Gästebereich begann.

Marco Martin, Privatermittler, versuchte mit angestrengter Miene die Hose über sein Gesäß zu bekommen. „Nein, nein!", gebot ihm der Verkäufer Einhalt. „Sie zerreißen mir ja das gute Stück. Ich hab Ihnen doch gesagt, Sie brauchen den Anzug mindestens eine Nummer größer." Martin drückte seine Lippen zusammen und das Jackett dem Verkäufer in die Hand. „Papperlapapp! Was ich benötige, ist professionelle Beratung." Nachdem er sich wieder ein seinen alten Anzug gequält hatte, verließ er schnellen Schrittes das Modehaus. Was er vor allem brauchte, gestand er sich ein, war wieder etwas mehr Bewegung.
Er hatte in den letzten acht Minuten 1,2 Kilometer auf seinem Heimtrainer absolviert, als sein Telefon die Melodie von „Ich will keine Schokolade" trällerte. Nach dem Gespräch hatte er jegliche Ambition, sein Fitnessprogramm fortzusetzen, verloren. Luigi Marini hatte ihn zum Essen eingeladen, um ihn in einer, wie er sagte, delikaten Sache, um seine Hilfe zu bitten. Die Enoteca Marini, bekannt für auf der Zunge schmelzendes Saltimbocca, hatte es dieses Jahr in den Gault Millau Führer geschafft. Dieser Auftrag war der Sekundentod jeglichen diätetischen Vorsatzes.
Wenig später wickelte Martin hausgemachte Tagliatelle con Porcini. Allein der duftige Teig war ein Gedicht. Allerdings schien ihm die Oberssauce eine Spur zu sauer. Signor Marini schilderte den Vorfall vom Vortag. Plötzlich holte er einen Behälter hervor und drehte ihn auf dem Tisch um. Eine Kakerlake purzelte heraus. Sofort flitzte das kleine Ungetüm auf Martins Teller zu, machte dann aber einen Schwenk. Dem Detektiv blieb der Bissen im Hals stecken. Er würgte die Nudeln auf die Serviette und spülte schnell mit einem Schluck Chianti nach.
„Was ist denn das?", fragte er angewidert. Marini hatte das inzwischen auf dem Boden gelandete Ungeziefer zertreten. „Blatta orientalis."
„Ich weiß, dass das eine Küchenschabe ist. Ich will nur wissen, was die bei Ihnen im Lokal macht."
„Das, lieber Freund, iste Ihre Auftrag."
Martin schob den Teller beiseite. Kein Diätarzt hätte ihn effizienter von der weiteren Mahlzeit abhalten können. Marini führte Martin in die verwaiste Küche. „Ich glaube, Sie brauchen eher einen Kammerjäger."
„No, wir haben gestern alle Ungeziefer tot gemacht unde dann Küche mit scharfe Essigsäure geputzte."
Martin stieß die Soße auf. „Haben Sie die Polizei verständigt?"
„Sind Sie verrückt? Polizei kommt und verständigt Marktamt und die sperrte meine Lokale su. Nein, nur Sie können mir helfen."
Martin gab sich einen Stoß. Widerwillig legte er sich flach auf den Boden und begann die hinteren Winkel der Küche abzusuchen. Die übergezogenen Gummihandschuhe dienten dabei nicht dem primären Zweck, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Nach guten zehn Minuten war er unter der Spüle fündig geworden. Er fischte mit einem Stiel eine Kuchenbackform hervor. Nach eingehender Untersuchung erläuterte er Luigi: „Sehen Sie? So hat er es gemacht: Er hat das Geschirr oben mit einem Zuckerguss verschlossen. Dadurch konnte er sicher sein, dass die Biester erst einige Zeit, nachdem er sie hier versteckt hat, losstürmen konnten. Sie mussten sich erst durch die Schicht knabbern. Wer könnte Ihnen denn schaden wollen?"
„Vasile Dimetrucu", kam die prompte Antwort.
„Und wer ist dieser Herr?"
Marini erklärte, dass es sich um einen gebürtigen Rumänen handle, der gern auf Nobelitaliener machen würde und in der Vergangenheit keine Gelegenheit ausgelassen hätte, ihm zu schaden.
„Aber er muss Hilfe von jemandem aus Ihrer Belegschaft gehabt haben."
„Von meine Leute?" Luigi lachte operettenhaft los. „Nie, die lieben mich."
„Ein Halsabschneider ist das. Ein echter Leuteschinder. Ständig hat er was zu meckern. Und beim Trinkgeld bescheißt er uns auch." Carolina, die auf den bürgerlichen Namen Gabi Wokalek hörte, ließ kein gutes Haar an ihrem Chef. So wie der Koch und der Abwäscher gehörte sie zu den ersten, die gestern ihren Dienst angetreten hatten
„Warum kündigen Sie dann nicht?"
„So leicht ist das nicht mit den Jobs in der gehobenen Gastronomie. Wir Laufenten sind halt nicht so gefragt wie ein Koch."
Diese Anspielung weckte Martins Interesse. Er ließ sich das im Lokal kursierende Gerücht schildern, dann nahm er sich Marco, den Koch, vor. „Sie haben also ein Angebot vom Konkurrenten Ihres Chefs erhalten?"
„Woll", antwortete Marco in breitem südsteirischen Dialekt. „Oba i hob o´glehnt. Und da Chef hot a bissl wos draufglegt. Mir geht's da guat. Warum soit i gehn?"
Marco betrachtete den Leibesumfang des Küchenchefs, was diesem nicht entging. „Schaun S' mi o, wia soit i unter die Abwasch kumman? Fragen S liaba den Ahmet, der hot's mit die Pferdln."
Ahmet war ein ausgemergelter Tunesier, der zwar in jeden Winkel des Lokals gepasst hätte, doch bedauerlicherweise kaum Deutsch sprach. Das schien ihn aber nicht davon abzuhalten, einem kostspieligen Hobby nachzugehen. Luigi bestätigte Martin später, dass Ahmet ihn ständig um einen Vorschuss anpumpte. Die Rennbahn wäre seine zweite Heimstatt. Und das, obwohl ihm Marini nicht einmal den Mindestlohn zahlte.
Am Abend saß Martin mit dem Padrone an einem Tisch. Lustlos schob er die Schalen der Miesmuscheln von einer Seite des Tellers zur anderen. Unter dem erwartungsvollen Blick von Marini reichte er diesem einen Umschlag, beinhaltend den seiner Meinung nach für die Ungezieferattacke Verantwortlichen.

Frage: Wessen Name befindet sich im Umschlag?

P.S.: Nach einer Woche Appetitlosigkeit schlüpfte Martin unter den angespannten Blicken des Verkäufers ohne Probleme in die neue Anzugshose.

 

>>Zur Lösung

Der Autor:
Christian Klinger, Jahrgang 1965, ist Jurist im öffentlichen Dienst, spielt E-Bass in mehreren Bands und schreibt seit 2001 Kurzgeschichten und Romane („Die Spur im Morgenrot", „Tote Augen lügen nicht").

www.krimiautoren.at

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