Drei im Kino

16.11.2010 | 15:33 |  von Harald Mini (Die Presse)

Oberinspektor Otto Doblhofer war in die Villa des Schauspielers Bruno Hofstätter ge-rufen worden. Bruno Hofstätter - der Name sagte Doblhofer eigentlich nichts.

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Das war auch kein Wunder, denn der Schauspieler war der Fern¬sehwelt weit besser unter sei-nem Pseudonym bekannt, das aber hier nicht verraten werden soll. Hof¬stätter legte im konkreten Fall nämlich überhaupt keinen Wert auf Publicity. „Ich will nicht, dass in all diesen Klatschzeitungen steht, dass bei mir eingebrochen wurde", sagte er mit seiner prägnanten, auch von zahlreichen Hörbüchern bekannten Stimme. „Vor allem möchte ich nicht, dass jedermann aus der Presse erfährt, dass ich in meiner Villa solche Kunstschätze besitze. Besitze! Besaß, muss ich nun wohl eher sagen."
„Haben Sie schon einen Verdacht?", fragte Doblhofer.
„Verdacht!? Natürlich hab ich einen Verdacht. Es kann nur einer meiner drei Bediens-teten gewesen sein. Sie müssen wissen, Herr Kommissar, ich lebe zur Zeit allein in der Villa - von meiner Lebensge¬fährtin hab ich mich vorübergehend getrennt und mit meiner letzten Frau leb ich in Scheidung, aber das wissen Sie wahrscheinlich sowieso alles aus den Zeitungen. Nicht wahr? Na, egal. Jedenfalls bin ich, wenn ich nicht ge-rade fürs Fernsehen drehe, Hörbücher aufnehme oder amerikanische Filmstars syn-chronisiere, allein in der Villa. Na, und da ich mich nicht um alles kümmern kann - man wird einem Mann wie mir wohl auch nicht zumu¬ten, staubzusaugen, zu bügeln und all das..." - „Natürlich nicht!" - „...hab ich eben drei Angestellte. Eine Köchin, ei-ne, die sich ums Haus kümmert - na, eben eine Putzfrau, wenngleich sie den Aus-druck nicht gern hört, und einen - tja, nennen Sie es Butler."
„Und eine dieser drei Personen muss es getan haben?"
„Hundertprozentig. Nur sie wussten, wo der Schlüssel zur Vitrine lag, in der ich meine Antiquitäten auf¬bewahre, und das würden selbst Kottan und Trautmann merken - wo ich übrigens auch schon mehrmals mitgespielt habe - also, selbst die würden merken, dass der Einbruch ohne jede Gewaltanwendung begangen wurde. Der Dieb hat sich des Schlüssels bedient!"
„Ja, da haben Sie sicher recht. Und wo waren Ihre drei Angestellten gestern Abend?"
„Das ist ja das Schwierige. Ich habe ihnen gestern Abend freigegeben, damit sie ins Kino gehen können. Man hat mir drei Freikarten fürs Kino-Center gegeben, als Fern-sehstar hab ich da ja gewisse Quellen, und weil ich keine Zeit hatte - ich war bei einer jungen Schauspielschülerin zum Essen eingeladen, eine ganz rei¬zende Person, ich konnte ihr einiges beibringen - also, da hab' ich ihnen die Karten geschenkt."
„Sehr nobel von Ihnen. Ihre drei Angestellten waren gestern also im Kino. Geben sie sich gegenseitig ein Alibi?"
„Eben nicht. Es ist wiegesagt ein Kino-Center, in dem verschiedene - meist alte - Fil-me in verschiedenen Sälen laufen. Und jeder war in einem anderen Film."
Oberinspektor Doblhofer begab sich sodann ins Wohnzimmer, wo die drei Verdächti-gen geduldig dar¬auf warteten, ins Verhör genommen zu werden. Zunächst wandte er sich an die Köchin. Diese behauptete, sich den Film ‚Kramer gegen Kramer' angese-hen zu haben. „Der Film ist so wunderschön traurig, ich hab mein Taschentuch voll-geheult", sagte sie.
„Ah, ja. Sie können mir wahrscheinlich auch den Inhalt genau erzählen?"
„Freilich. Es geht um das Sorgerecht für einen kleinen Jungen. Dustin Hoffmann spielt den Vater, der von seiner Frau verlassen wird, die will sich selbstverwirklichen, so ein Blödsinn, aber typisch ameri¬kanische Frauen ..."
„Das beeindruckt mich nicht", warf Hofstätter ein. „Über diesen Kramer-Kitsch können Sie in jedem Filmlexi¬kon nachgelesen ha¬ben, und vielleicht haben Sie ihn sogar schon einmal im Fernsehen gesehen. Auch Gerti, meine Putzfrau ..." (Diese gab, als sie sich als Putzfrau bezeichnet vernahm, einen spitzen Ton der Empörung von sich) „hat sich einen Film angesehen, der im Fernsehen schon gelaufen ist und über den sie sich in allen mög¬lichen Büchern informiert haben kann."
„‚Psycho‘", kam Gerti Doblhofers Frage nach dem Film zuvor. „Im Saal Nummer zwei läuft diese Woche eine Hitchcock-Retrospektive. Jeden Tag ein anderer Film. Begon-nen haben sie mit den ‚Vögeln', dann ‚Über den Dä¬chern von Nizza' und gestern eben ‚Psycho'." Mit einem Seitenhieb in Richtung ihres Chefs fügte sie hinzu: „Und ich habe den Film nicht schon im Fernsehen gesehen."
„Nun, es ist allerdings ein sehr bekannter Film", sagte Doblhofer. „Die Duschszene ist ja sehr berühmt und soll damals, beim Start des Films, vielen Leuten auf lange Zeit das Duschen verleidet haben."
„Das glaub ich gern. Es reißt einen ja auch wirklich fast vom Sessel, wenn bei diesem Mord hinter dem Duschvorhang das tiefrote Blut dieser Frau den Abfluss hinunterrinnt ..."
„Allerdings. Und Sie, Herr Butler?"
„Ich habe mir einen James-Bond-Film angesehen. Im Saal 3. Beginn war um 20 Uhr 15. Und wenn der gnädige Herr nun gleich einwerfen wird, dass die James-Bond-Filme alle auch schon im Fernsehen ausgestrahlt worden sind ..."
„Genau das wollte ich eben sagen."
„... so weiß ich dem eigentlich nichts entgegenzusetzen als meine Beteuerung, dass ich niemals eine von der Herrschaft geschenkte Kinokarte verfallen lassen würde, um stattdessen auf hinterhältigen Raubzug zu gehen."
„Mit anderen Worten: Sie haben sich den Film angesehen, obwohl Sie ihn schon kannten."
„Korrekt. Es war im Übrigen einer der frühen James-Bond-Filme, als noch Sean Con-nery den Geheim¬agenten 007 mimte und nicht dieser Roger Moore oder gar die Her-ren Brosnan und Craig später die Leinwand unsicher machten."
„Wie hieß denn der Film?", fragte Doblhofer.
„‚Liebesgrüße aus Moskau‘."
„Ach, das alles ist nicht sehr beeindruckend. Gut vorbereitet, könnte man auch sagen. Sie alle drei haben Ihre Rollen gut einstudiert", knurrte Bruno Hofstätter bissig.
„Und trotzdem glaube ich zu wissen, wer am ehesten als Täter in Frage kommt", sagte Doblhofer.
„Tatsächlich?"
„Ja. Eine Person hat sich aus meiner Sicht verraten."

Frage: Wer macht sich wodurch verdächtig?

 

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Die Autorin:
Claudia Rossbacher wurde in Wien geboren, hat seither aber in Städten von Teheran bis Jakarta gelebt und als Model und Werbetexterin gearbeitet. Seit 2006 schreibt sie als freie Autorin Kriminalromane („Hillarys Blut“, „Drehschluss“) und Kurzkrimis. Zudem zeichnet sie für die Organisation der Österreichischen Krimiautoren verantwortlich.

www.krimiautoren.at

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