Tödlicher Fenstersturz

25.11.2010 | 13:08 |  von Helga Weinzierl (Die Presse)

„Ich hoffe nur, er ist direkt auf seiner Schnauze gelandet, dann ähnelt sein Gesicht endlich auch seinem Charakter", hatte die Sekretärin sarkastisch gemeint.

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Welch eine pietätlose Aussage über einen Mann, der gerade aus dem Fenster des siebten Stockwerks gestürzt war, fand Inspektor Gottfried Buchner. Jeder schien diesen Kerl gehasst zu haben, stellte Buchner fest, nachdem alle Mitarbeiter ausgesagt hatten. Normalerweise milderte ein Todesfall sämtliche Wut- und Rachegefühle. Hier aber war niemandem auch nur ein Fünkchen Trauer anzumerken. Max Meier musste seine Angestellten bis aufs Blut gequält haben, um derart wenig Mitgefühl zu verdienen. Ein Unfall konnte ausgeschlossen werden, der Mann hatte sich vor dem Sturz noch an seinem Mörder festgekrallt. Das bewies ein abgerissener Knopf auf einem Stück Leinenstoff, das in seiner rechten Hand gefunden worden war. Der Mörder musste noch im Haus sein, niemand hatte das Gebäude verlassen, nachdem Max Meier, Chef der Immobilienfirma „Trautes Heim", sein Leben auf dem Kopfsteinpflaster ausgehaucht hatte. An der Aussage des Portiers bestand kein Zweifel. „Ein leicht zu lösender Fall", hatte Inspektor Buchners Kollege, Fritz König, gemeint, „wir brauchen nur den Typen mit dem zerrissenen Hemd zu suchen, und schon haben wir unseren Mörder." So einfach zu lösen war der Fall jedoch nicht. Max Meiers Notizbuch war verschwunden. Der Mörder war anscheinend schlau genug gewesen, es mitzunehmen. So konnten die beiden Ermittler nicht mehr feststellen, mit wem der Immobilienchef seine letzte Besprechung gehabt hatte.
„Ich konnte leider nicht sehen, wer zuletzt beim Chef war", hatte die vollschlanke, rothaarige Vorzimmerdame behauptet, „ich war gerade im Pausenraum Kaffee holen, als das Unglück geschah. Auch mit fehlendem Knopf, zerrissenem Hemd oder zerrissener Bluse konnte niemand gefunden werden.
„Gehen wir das Ganze nochmals in Ruhe durch", entschied Inspektor Buchner.
Langsam trottete der hoch gewachsene Polizist mit der gutmütigen Ausstrahlung eines Bärs in Richtung Besprechungsraum, gleich neben dem Büro des Opfers. Fritz König, einen Kopf kleiner und schlanker als sein Kollege, wirkte durch seine Jugend flinker und aufgeweckter, doch das täuschte. Buchner galt als brillanter Ermittler, der kaum etwas übersah. Kollege Fritz König hatte schon eine Menge von dem erfahrenen Polizisten gelernt und eiferte ihm dementsprechend nach.
Inspektor Buchner wies seinen jüngeren Kollegen an, sich ebenfalls auf der mausgrauen Ledercoach in der Ecke des kahlen Besprechungszimmers niederzulassen.
„Alle haben bestätigt, dass der Immobilienchef bei Besprechungen gern auf dem Fenstersims saß. Da war nicht viel Kraft nötig, ihm das Gleichgewicht zu rauben. Ein Stups und schwupps", erklärte König.
„Stimmt, es kann auch eine Frau gewesen sein", erwiderte Inspektor Buchner gelassen, während sein Blick durch den Raum schweifte. Vielleicht befanden sich hier irgendwo Spuren, Hinweise, Indizien. Plötzlich stand er auf. „Sieh mal", meinte er, „diese Tür. Sie führt direkt auf die Toilette. Dieses Besprechungszimmer wirkt so neu und sauber. Wird wahrscheinlich wenig benützt. Hier konnte der Mörder oder die Mörderin rasch herein huschen und sich dann auf der Toilette ungestört umziehen."
„Gut beobachtet, wie immer", bestätigte Kollege König.
Inspektor Buchner setzte sich wieder. „Gehen wir nochmals durch, wer den Mord begangen haben könnte. Meiers Stellvertreter Konrad Fritsch kommt natürlich in Frage. Der Mann ist eine Sportskanone, läuft Marathon, rennt sogar täglich fünf Kilometer ins Büro anstatt gemütlich mit dem Auto zu fahren. Dennoch wurde er von seinem Chef gehänselt. Und das nur wegen seines Aussehens.
„Nun, der Kerl ist ja wirklich ein blasser, unscheinbarer Zwerg mit abstehenden Ohren", erwiderte König, ohne zu bedenken, dass er selbst etwas zu kurz geraten war.
„Trotzdem", ergriff Buchner erneut das Wort, „das ist noch lange kein Grund den Mann bis zur Weißglut zu reizen."
„Auch Hans Freitag, der Buchhalter, wurde von seinem Chef erniedrigt. Ein attraktiver netter Kerl, der sich bemühte, seine Arbeit bestens zu erledigen. Immer wieder wurde er als unfähiger Erbsenzähler bezeichnet, der zu nichts nütze sei. Als Endvierziger zu alt, um auf dem Arbeitsmarkt noch zu punkten, brauchte er das Geld, das er vierdiente für seine kranke Frau. Nur deshalb scheute er sich stets vor einer Kündigung. Ich kann mir vorstellen, wie die ständigen Hänseleien an ihm genagt haben."
„Auch die Sekretärin im Vorzimmer hat kein gutes Haar an ihrem Chef gelassen", bestätigte Inspektor König, „eine wirklich hübsche Frau, doch der Mann hat sie behandelt wie eine Sklavin." Er stand auf, stellte sich breitbeinig vor Inspektor Buchner hin und meinte grinsend: „Aber jetzt ist Schluss mit der unsinnigen Motivsuche. Ich weiß bereits, wer der Mörder ist."
„Eins zu null, bravo!", antwortete Buchner lächelnd, „mal sehen, was du zu bieten hast."
„Du wirst staunen. Jetzt holen wir mal die Sekretärin, den Stellvertreter und den Buchhalter zu uns ins Besprechungszimmer, und du hörst einfach nur zu."
Nachdem sich alle versammelt hatten, legte Fritz König los. „Nun, meine Damen und Herren", begann er feierlich, „Sie wissen, dass ein Knopf auf einem weißen Stück Leinenstoff in der Hand des Toten gefunden wurde. Niemand von den Mitarbeitern des Immobilienbüros trug ein zerrissenes Kleidungsstück. Auch sie, die engsten Mitarbeiter, sind alle tadellos gekleidet. Also hat sich der Mörder nach der Tat umgezogen."
Jeder der Anwesenden nickte und wartete auf weitere Ausführungen des Inspektors.
„Und zwar hier, in der Toilette des Besprechungsraumes", fuhr König fort und deutete auf die Tür. Und Sie waren es, Herr Konrad Fritsch, gestehen Sie!"
Der Mann war derart überrascht, dass er kreidebleich wurde. Zitternd stammelte er vor sich hin: "Stimmt, Ich habe ihn gehasst wie die Pest. Ich musste es einfach tun."

Frage: Wie kam König so schnell auf Fritsch?

 

>>Zur Lösung

Die Autorin:
Helga Weinzierl, geboren 1957, arbeitet als Bankangestellte in Linz. Seit 2008 ist sie Obfrau des Vereins "OÖ. Talenteforum für Literatur und Kunst" in Wels. Von ihr stammen die Kriminalromane "Zauber des Falters" (Denkmayr, 2001), "Strömungsabriss" (Innsalz, 2005) und "All in - der Kartenmörder", (Federfrei, 2009).

www.krimiautoren.at

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