Mit über 30Jahren fühlte sich Paula Frau genug, egal ob verheiratet oder nicht, um auf Verkleinerungsformen jeglicher Art verzichten zu können. Wahrscheinlich war der alten Dame wieder einmal langweilig. In solch einem Fall klapperte Wilhelmine Krusper gern andere Wohnungen ab und läutete Sturm. Unter dem Vorwand, dringend ein wenig Zucker oder Salz zu benötigen, verwickelte sie ihre potenziellen Helfer geschickt wie eine Spinne in ein Gespräch, aus dem sich diese solange nicht mehr befreien konnten, bis das Kommunikationsbedürfnis der Nachbarin gestillt war.
„Fräulein Paula, bitte helfen Sie mir! Auf meiner Party ist ... der Oskar ist tot."
Paula, die gerade unbemerkt von der Eingangstür zurück ins Wohnzimmer schleichen wollte, hielt inne. Fräulein hin oder her, wenn Frau Krusper jemand weggestorben war, dann sah es Paula doch als ihre Nachbarschaftspflicht an, ihr zu helfen. Wahrscheinlich handelte es sich bei den Partygästen allesamt um betagte Personen, und bei solchen war mitunter damit zu rechnen, dass der eine oder andere die Aufregung oder das üppige Essen nicht mehr vertrug.
Während Paula die Nachbarin zu deren Wohnungstür begleitete, erzählte diese aufgeregt von ihrer Geburtstagsfeier. Ihr Sohn Oskar und ihre Tochter Maria seien gekommen sowie die Enkelin Tina mit ihrem frisch angetrauten Bruno.
Als Paula das Wohnzimmer betrat, herrschte beklommenes Schweigen. Dennoch machten Maria, Tina und Bruno keineswegs den Eindruck, als würden ihnen Aufregung oder üppiges Essen etwas anhaben können. Der Einzige, der schlecht aussah, war Oskar Krusper. Der Kopf des Mittfünfzigers lag zwischen all den Krümeln auf dem Tisch. Daneben stand eine geöffnete Packung Knäckebrot. Zweifelsohne war das seine letzte Party gewesen.
„Ich habe ihm immer schon gesagt, dass er dieses trockene Zeug nicht essen soll. Keiner von uns mochte es." Mit einem Handstaubsauger putzte Wilhelmine Krusper die Krümel rund um den Kopf des Toten weg. Paula ließ sie gewähren, die Spurensicherung würde dennoch fündig werden. Denn dass Oskar vergiftet worden war, stand für Paula fest. Bei der Obduktion würde geklärt werden, welches Gift ihm die Zunge blau gefärbt und sein Herz zum Stillstand gebracht hatte.
„Diese lästigen Krümel! Wahrscheinlich hat er es deshalb so gern geknabbert. Er hat ja nie eine Gelegenheit ausgelassen, mich zu ärgern", seufzte Wilhelmine Krusper.
Tochter Maria putzte sich laut die Nase. Ihre Augen waren geschwollen. Paula war nicht klar, ob sie das Ableben ihres Bruders so sehr mitnahm, oder ob sie Allergikerin war. „Ist das zu fassen? Da sitzt er in einem Moment noch fröhlich da, macht seine derben Witze auf unsere Kosten, steckt sich ein Knäckebrot in den Mund, und mir nichts dir nichts hustet er sich zu Tode", jammerte Maria und schüttelte den Kopf.
„Mama, du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Du kannst doch nichts dafür, dass Oskar ausgerechnet an dem Brot, das du ihm mitgebracht hast, gestorben ist", tröstete Enkelin Tina ihre Mutter.
„Wenigstens ist durch sein Dahinscheiden endlich das leidige Wohnungsproblem gelöst", meldet sich nun auch ihr Bruno zu Wort.
Wilhelmine Krusper warf ihnen einen strengen Blick zu. „Also das ist jetzt wirklich kein Thema. Schon gar nicht vor Fräulein Paula. Oskar ist gerade gestorben, und ihr wisst nichts Besseres, als auf ihm herumzuhacken."
„Das hat er doch sein Leben lang auch bei uns getan", konterte die Enkelin Tina trotzig und fuhr zu Paula gewandt unverblümt fort: „Wissen Sie, Onkel Oskar wollte die Oma aus der Wohnung haben, sie in ein Altersheim abschieben und ihre Wohnung teuer vermieten, dieser gierige Mistkerl."
„Papperlapapp, das ist alles Schnee von gestern. Wir hatten gestern ein nettes Gespräch, und da haben wir alles friedlich geklärt, er und ich", stellte Wilhelmine Krusper klar und ließ die Knäckebrotpackung im Mülleimer verschwinden.
Paula fiel das Schreiduell vom vergangenen Nachmittag ein. Ob die Nachbarin diese lautstarke Auseinandersetzung mit dem friedlichen Gespräch meinte?
„Fräulein Paula, warum ich Sie um Hilfe gebeten habe: Ich weiß nicht, wen ich verständigen soll. Für die Rettung oder einen Arzt ist es doch zu spät. Die Polizei will ich nicht bemühen, weil wie sie ja sehen und wir alle bezeugen können, ist unser Oskar einem tragischen Unfall zum Opfer gefallen." Wilhelmine Krusper bekreuzigte sich bei diesen Worten.
Ihre Tochter Maria tat es ihr gleich und nuschelte: „Man könnte sagen, mein Bruder Oskar hat wieder einmal den Mund zu voll genommen." Dann sniefte sie wieder in ihr Taschentuch.
Glaubten die beiden, was sie da sagten, oder hielten sie Paula für dumm?
„Tja, und wir werden dank seiner Lebensversicherung endlich das Geld, das uns dein Onkel Oskar schuldet, zurückbekommen", stellte Bruno fest. Und ohne, dass Paula danach gefragt hätte, erzählte er, dass Oskar eine Vorliebe für Sportwetten gehabt hatte. Bruno machte kein Hehl daraus, dass ihm Oskars Tod gelegen kam. Es war allemal besser eine Lebensversicherung zu kassieren, als einen angeheirateten Hallodri finanziell unterstützen zu müssen.
Je länger Paula nachdachte, umso klarer wurde ihr, dass das Ableben von Oskar Krusper für alle Geburtstagsgäste eine enorme Verbesserung der Lebensqualität bedeutete und sie alle starke Motive gehabt hatten, dieses zu beschleunigen. Und einem von ihnen war es auch gelungen.
„Ich glaube, Sie sollten die Polizei rufen", beantwortete Paula die vorhin an sie gerichtete Frage. Drei Augenpaare starrten sie verwundert, eines bestürzt an. Paula war klar warum: Der Täter hatte nichts dem Zufall überlassen und das Knäckebrot, das niemand außer Oskar Krusper früher oder später zu sich nehmen würde, mit einer tödlichen Substanz präparierte.
Frage: Wer starrt Paula bestürzt an, als sie vorschlägt, die Polizei zu rufen?
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