Oh, du toter Weihnachtsmann

22.03.2011 | 12:51 |  von Ilona Mayer-Zach (Die Presse)

Saßen vier Weihnachtsmänner am Tisch: Einer war blond, einer betrunken, einer war eine Frau und einer war - tot.

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Paula Ender wähnte sich in einem schlechten Blondinenwitz. Ungläubig blickte sie immer wieder von einem Rauschebart zum nächsten. Schließlich blieb ihr Blick an Rüdiger hängen. So hatte der Weihnachtsmann geheißen, der nun mit weit aufgerissenen Augen auf der Plüschbank lag, als wäre ihm zuletzt noch der leibhaftige Teufel erschienen.
Das hatte Paula nun davon, dass sie kurzfristig beschlossen hatte, mit einer Freundin in ein Lokal in Niederösterreich zu fahren, weil ihr das weihnachtliche Motto so gut gefallen hatte. Jeder, der in weihnachtlicher Kostümierung zur Party erschien, hatte freien Eintritt. Und so wimmelte es rund um sie von Weihnachtsmännern, Christkinderln, Rentieren und Elfen, die sich auf der Tanzfläche zu Technoklängen mehr oder weniger bewegten respektive mit einem Glas in der Hand herumstanden und mit jedem Schluck dem Koma näher rückten. Das rote Gesöff, das sich Punsch nannte, schmeckte und wirkte, als würde der Wirt nur ein Ziel verfolgen: nämlich jeden Gedanken an Weihnachten aus den Köpfen seiner Gäste zu brennen.
Da stand Paula nun, mit Engelshaarperücke und weißem Kleidchen, und starrte auf Rüdigers leblosen Körper. Er war im wahrsten Sinn des Wortes zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Mit der weihnachtlichen Stimmung war es schlagartig vorbei gewesen, als sich Rüdiger nach einem ausgiebigen Schluck Punsch in Krämpfen wand und sein kurzes Leben als Weihnachtsmann aushauchte. Paula bedauerte, dass sie nicht unter den Tanzenden gewesen war, die von all dem nichts mitbekommen hatten. Nicht zuletzt wegen der rotierenden Sterneffektleuchte, die das Lokal immerzu in unterschiedliche Farben tauchte. Noch besser wäre es gewesen, wenn sie den Abend gemütlich bei einer Tasse Tee zu Hause verbracht hätte, anstatt es hier mit einem Toten zu tun zu bekommen, der allem Anschein nach vergifteten Punsch getrunken hatte. Paula wählte den Polizeinotruf und brüllte ins Handy. Sie hoffte, dass die Beamten ihren Anruf nicht für einen schlechten Scherz hielten. Schließlich hatte sie ihnen eben mitgeteilt, dass ein Weihnachtsmann im Lokal gestorben war.
Dabei war sie vergleichsweise stocknüchtern. Die meisten anderen Gäste waren vom Lärm und vom Punsch schon dermaßen zugedröhnt, dass sie sich nicht mehr darum scherten, was um sie herum vorging.
Paula versuchte die schlanke Frau zu trösten, die am Tisch neben dem Toten saß und weinte. Sie hatte nicht gerade die idealen Maße, um ein Weihnachtsmannkostüm auszufüllen. Simone heiße sie, beantwortete sie Paulas Frage zwischen zwei Schluchzern. „Ich mein, der Rüdiger war echt ein Arsch. Aber dass er so elendiglich krepiert, noch dazu heut, wo‘s doch so lustig is, das hätt ich ihm nicht gwunschn." Dann fügte sie erklärend hinzu, dass der Verstorbene ihr ständig nachgestiegen war, obwohl sie ihn immer wieder gewarnt hatte, dass sie ihm die Zähne einschlagen würde, wenn er nicht damit aufhörte. Paula konnte sich nicht vorstellen, wie diese schmächtige Person das hätte bewerkstelligen wollen.
Ein lauter Rülpser lenkte sie von Simone ab. Die stieß dem betrunkenen Weihnachtsmann den Ellenbogen in die Seite. „Reiß dich zamm, Albert!", fuhr sie ihn an. „Der Rüdiger is tot. Gleich kommt die Polizei."
Ein breites Grinsen zog sich über Alberts Gesicht. „Echt? Is der Depp leicht abkratzt? Na, endlich". Dann sank er sichtlich zufrieden in die Kissen der Bank zurück.
„Falls Rüdiger vergiftet wurde: Haben Sie einen Verdacht, wer ihm das Gift in den Punsch gemischt haben könnte?", wandte sich Paula an den Weihnachtsmann mit den blonden Haaren. Der stellte sich als Ernst vor und war bemüht, seinem Namen gerecht zu werden. Mit gerunzelter Stirn blickte er von einem zum anderen, sichtbar damit beschäftigt, alle Eindrücke zu verarbeiten und miteinander zu verknüpfen.
„Hm, wahrscheinlich war's die Simone. Der hat er ja ein Kind angedreht und sie dann sitzen lassen."
„Hast sie noch alle? Was lügst denn wie gedruckt?", schnauzte Simone ihn an. Und zu Paula gewandt fügte sie erklärend hinzu: „Der Rüdiger hat net mir, sondern dem Ernst seiner Freundin ein Kind anghängt!" Simones Augen glitzerten boshaft. Ernst stierte mit steinerner Miene vor sich hin. Stille Wasser sind tief, dachte Paula. Allein dafür, dass Simone dieses Geheimnis ausgeplaudert hatte, wünschte er ihr sicher die Pest an den Hals. Oder würde auch sie demnächst einen Giftcocktail abbekommen? Bevor Paula ins Grübeln kam, warum Leute, die sich nicht ausstehen konnten, am gleichen Tisch saßen, öffnete Albert wieder die Augen, grinste sie an und lallte: „Ja, was haben wir denn da für zwa fesche Christkinderl?" Paula blickte sich um, doch da war niemand außer ihr. Sah er sie doppelt?
„Albert!", fuhr Simone ihn an. „Tu net so, als wennst so bsoffen wärst. Wir alle wissen, dass du den Rüdiger auf den Tod net ausstehen konntest und dass nur du es gwesen sein kannst, der ihm des Rattengift unbemerkt ins Getränk gschüttet hat." Zu Paula gewandt fuhr sie fort: „Passen würd's ja. Weil der Rüdiger war wirklich a Ratte! Der hat dem Albert seine ganzen Ersparnisse abknöpft. Für so a Kinderhilfsprojekt, das er angeblich auf die Füß stelln wollt. Und dann war das ganze Geld futsch."
„Spinnst du jetzt komplett?", fuhr Albert sie an. Seinen Rauschebart und die rote Mütze mit dem weißen Bommel hatte er wütend vom Kopf gerissen und auf den Tisch geschmissen. Er wirkte tatsächlich nicht so betrunken, wie er bisher vorgegeben hatte zu sein. Doch Paula blieb keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Die Musik verstummte. Die Neonlichter gingen an, und all der weihnachtliche Glitzer im Raum war schlagartig verflogen. Die Polizisten kamen mit raschen Schritten auf sie zu. Paula wusste, welchen Tischnachbarn sie ihnen gleich als Täter präsentieren würde.

Frage: Wen verdächtigt Paula, Rüdiger vergiftet zu haben?

>>Zur Lösung

Die Autorin:
lIona Mayer-Zach lebt als freie Autorin in Wien und schreibt unter anderem Kriminalromane ("Schweigerecht", "Schärfentiefe") und Kurzgeschichten, in denen ihre Serienfigur Paula Ender ermittelt. Im neuesten Roman "Schlangenwald" schickt sie diese kurzerhand in den Urwald.

www.krimiautoren.at

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