Der Opferstock

07.06.2011 | 13:30 |  von Jennifer B. Wind (Die Presse)

Mit einem Zipfel seiner Stola wischte sich Pfarrer Norbert Wallner den Schweiß von der Stirn. Obwohl er stark erkältet war und fieberte, hatte er trotzdem die Messe gelesen.

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Er nahm seine Berufung ernst. Neben ihm riss sich ein Ministrant das Rochett vom Leib. Norbert Wallner seufzte. »Martin, pass auf die Sachen auf.«
»Hab‘s eilig, Herr Pfarrer«, krächzte Martin unter dem Chorrock. Man hörte, dass er gerade im Stimmbruch war. Die anderen Ministranten kicherten. Gierig schob sich Guido einen Schokoriegel in den Mund. Fritz, der älteste der Ministranten, klopfte Martin auf die Schulter. »Wartet die Lisa auf dich?«
Martins Wangen glühten. Peinlich berührt blinzelte er auf seine Fußspitzen.
»Woher hat denn Lisa das neue Armkettchen?« Das Schmuckstück war Norbert Wallner nicht entgangen, als er Lisa die Hostie auf die Hand gelegt hatte. »Hast du ihr das geschenkt?«
Martin nickte betreten. »Bis nächsten Sonntag. Wiederschauen.« Ohne die anderen anzusehen flitzte er davon. Aus Guidos Richtung raschelte es wieder. Kopfschüttelnd sah Norbert Wallner ihm beim Essen eines neuen Schokoriegels zu. Wenn das so weiter ginge würde er in keines der Chorhemden mehr passen. Weil Guido so klein war, fiel sein Leibesumfang umso mehr auf. Norbert Wallner kniete sich vor ihn hin. »Sag mal Guido. Ich dachte, deine Mama hat dich auf Diät gesetzt.«
Mit den Schokofingern kratzte sich der Ministrant am Kopf, dann grinste er breit. »Die sind von der Oma.«
»Die Oma sollte auch auf deine Gesundheit achten. Ich werde nächsten Sonntag mit ihr reden.« Der Pfarrer stand auf. Über Guidos Gesicht liefen Tränen. »Alle sind gegen mich.«
»Aber nein, wir wollen nur dein Bestes«, beschwichtigte ihn Wallner. »Wir machen uns Sorgen. Sieh doch wie dein Chorrock schon über dem Bauch spannt.«
Mit dem Handrücken wischte sich Guido über die Wangen. »Wenn sie mit Oma reden, schimpft sie sicher mit mir.«
»Gut«, sagte Pfarrer Wallner mit ernstem Tonfall. »Aber lass dir in Zukunft lieber etwas anderes schenken. Ein Buch zum Beispiel.« Guido kämpfte mit dem Chorrock, aber er schaffte es nicht ihn über den Kopf zu ziehen. Fritz kam ihm zu Hilfe. Freundlich lächelte Guido ihn an. »Danke, magst eine Schoko?« Mit erhobenen Händen lehnte Fritz ab und wandte sich an den Pfarrer. »Sie sollten sich hinlegen.« Irgendwann würde Fritz sicher einen guten Arzt oder Sanitäter abgeben. Er kümmerte sich immer rührend um alle. Norbert Wallner nickte. »Du hast recht. Schließt du bitte ab?«
»Sicher Herr Pfarrer, hab ich doch schon öfter gemacht.«
»Wie geht's eigentlich deiner Mutter?« erkundigte sich Wallner. Zusammen mit fünf Geschwistern wohnte der Ministrant bei seiner schwerkranken Mutter am desolaten Rotnerhof. Seine älteste Schwester verdiente kaum genug, um für alle zu Sorgen. Also kellnerte Fritz jeden Nachmittag nach der Schule in der Dorfschenke.
»Unverändert«, antwortete Fritz. »Solange wir das Geld für die Spezialbehandlung nicht zusammen haben, wird sich nichts ändern. Aber ich schaffe das schon.« Die Zuversicht des Jungen bewunderte Wallner. Er legte Stola und Kasel ab und verstaute sie im Kasten. Der Messner Viktor Schuster trat ein. Früher einmal hatte er als Mönch im Stift Heiligenkreuz gelebt, aber mit 28 Jahren hatte er sich in Heidrun verliebt. Viktor Schuster blieb schließlich in der Steiermark, trat aus dem Orden aus und heiratete Heidrun. Der Ministrant Martin war einer seiner Söhne und das momentane Sorgenkind der Familie, seit er mitten in der Pubertät war.
»Die Leit hab´n einfach ka Geld mehr.« Viktor Schuster löste den Gummi aus seinem Haar und band den Pferdeschwanz neu ab. »Grad zwölf Euro sind heute im Beutel g´landet.«
Tröstend klopfte ihm Wallner auf die Schulter. »Das Land wird uns bei der Renovierung des Altars unterstützen.«
»Jo, aber Spenden sammeln miass ma trotzdem geh´n.« Müde schlüpfte Viktor Schuster in seine Jacke. »Des wos wir an Dreikönig eing´nommen hab´n, wird ned reichen.«
Auch Wallner machte sich Sorgen. Seit zwei Wochen war zudem der Opferstock leer geblieben, obwohl er sicher war, mehrere Schäfchen seiner Gemeinde bei den Kerzen und Broschüren gesehen zu haben. Hatte es nicht auch einige Male metallisch geklingelt? Vermutlich war er einer akkustischen Täuschung zum Opfer gefallen. Wallner verabschiedete sich von den Jungs und dem Messner. Schon wenige Minuten nachdem er zu Hause angekommen war, kroch er ins Bett und schlief ein.
Erholt kam er am Sonntag darauf eine Stunde vor der Messe in die Kirche. Nachdem er sein Messgewand über die Albe gezogen hatte, schnappte er sich den Schlüssel zum Opferstock, der neben der Tür zur Sakristei hing. Verwundert starrte er auf den Stuhl der darunter an der Wand stand. Mit nachdenklicher Miene trug er den Sessel wieder zum Tisch zurück. Im selben Moment stürzte Martin zur Tür herein. Sein Gesicht war rotzverschmiert, seine Augen glasig. »Grüß Gott.«
Der Pfarrer nickte. »Was ist passiert?«
Martin zuckte die Achseln und krächzte: »Lisa hat Schluss g´macht.«
»Bald wirst du ein andres Mädel haben. Kopf hoch!«
Geräuschvoll zog Martin den Rotz hoch. »Was mich ärgert ist, dass sie die Geschenke behalten will. Soviel Geld hab ich ausgegeben. Ich Idiot!« Wallner reichte dem Buben ein Taschentuch. »Wasch dir das Gesicht und zieh dich in Ruhe um.«
Dankbar nahm Martin das Taschentuch entgegen und schnäuzte sich. Lächelnd verließ Pfarrer Wallner den Raum, schritt zügig durch die Sitzreihen entlang zum Opferstock und schloß ihn auf. Ungläubig starrte er hinein, der Opferstock war leer - schon wieder! Dabei hatte er gestern Traudl Hofer beim Anzünden der Kerzen gesehen. Gewiss hatte sie eine Spende dafür eingeworfen. Verwundert klappte er den Deckel zu, steckte den Schlüssel ein und ging in den Raum zurück. Alle Ministranten begrüßten ihn im Chor. Schmunzelnd musterte Wallner die drei Buben, als ihm klar wurde, dass sich einer davon am Spendengeld zu schaffen gemacht hatte.

Frage: Wen verdächtigt der Pfarrer, das Geld aus dem Opferstock genommen zu haben?

 

>>Zur Lösung

Die Autorin:
Jennifer B. Wind, geboren 1973 in Leoben, lebt südlich von Wien und schreibt seit 1989 Kurzgeschichten und Gedichte, veröffentlicht vor allem in Literaturzeitschriften und Magazinen. Z. B. "Buß- und Bettag" in "Mord am Konradsberg", 2009.

www.krimiautoren.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)

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