Drei Neffen und La Bohème

21.06.2011 | 14:33 |  von Harald Mini (Die Presse)

Oberinspektor Otto Doblhofer saß im luxuriös eingerichteten Wohnzimmer von Frau Oberregierungsrat Waltraute Schnitzler, die den Polizeibeamten zu sich gerufen hatte, um ihn über den Diebstahl eines ihrer Gemälde in Kenntnis zu setzen: „Es ist während der Bohè-me-Aufführung passiert", sagte sie.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

„Ah, ‚La Bohème', eine wunderschöne Oper", warf Doblhofer ein, um seinen Kunst- und Kultursinn unter Beweis zu stellen. „Abgesehen von den berühmten Arien ist bemerkens-wert, dass die Oper nach ein paar Sekunden Orchestervorspiel gleich mitten im Geschehen beginnt."
„Ja, ja, ganz recht", wehrte die Oberregierungsrätin ab. „Um zum Thema zu kommen: Ges-tern Nachmittag habe ich im Atelier Beurle - Sie kennen ihn sicher, er ist der Experte schlechthin - das Gemälde schätzen lassen. Ein Picasso der mittleren Epoche. Ein ganz kleines, leicht zu stehlendes Bild. Nun, ich bin mit dem Auto zu ihm gefahren - zu Beurle natürlich, nicht zu Picasso - und als ich dann wieder nach Hause kam, habe ich dummer-weise das Bild im Auto liegen gelassen. Am Abend bin ich dann in die Oper gefahren zur Premiere von ‚La Bohème'. Zuvor habe ich noch meine drei Neffen abgeholt. Kurz vor dem Theater ist es mir wieder eingefallen, dass ja mein Bild noch im Auto war. Ich machte auch noch eine Bemerkung zu meinen drei Neffen, dass ich versehentlich meinen Picasso im Kofferraum liegen gelassen hatte. Ach, ich könnte mich ohrfeigen, dass ich meinen Mund nicht gehalten habe!"
„Wieso? Verdächtigen Sie Ihre Neffen?", unterbrach Doblhofer den Wortschwall der Ober-regierungsrätin.
„Aber natürlich, wen den sonst? Es sind drei lebenshungrige junge Männer, die mit ihrem Geld nie auskommen. Ein solcher Wertgegenstand kam ihnen gerade recht."
„Aber wie sollen die drei - oder auch nur einer von den dreien - Ihnen das Bild gestohlen haben?"
„Nun, wir hatten vier verschiedene Logen. Jeder der drei kann sich während der Vorstellung weggeschlichen, das Bild aus dem Kofferraum genommen und in seine Anzugtasche ge-steckt haben."
„Und wie kam er zu Ihrem Autoschlüssel?"
Hier hatte die Garderobenfrau eine zweckdienliche Beobachtung gemacht. Sie konnte sich an die drei Herren in Begleitung der Dame noch gut erinnern und dass dieser, gerade als sie beim Stiegenaufgang zu den Logen waren, ein Schlüssel aus der Tasche fiel. Die Frau Oberregierungsrat hatte nämlich in ihrer Handtasche nach der Eintrittskarte gesucht. Wäh-rend die Dame es nicht bemerkte, hob einer der drei Herren den Schlüssel auf und steckte ihn ein. Nur welcher der drei es gewesen war, konnte sie nicht angeben, da sie die Männer nur von hinten gesehen hatte und alle drei gleich aussahen. Dieselbe Statur, dieselbe Grö-ße, der gleiche Frack ... „Selbst dieselbe Haarfarbe und denselben Haarschnitt haben mei-ne drei Neffen", sagte Frau Schnitzler. „Nein, es ist der Garderobenfrau kein Vorwurf zu machen, dass sie sie von hinten nicht auseinander halten konnte."
Den Diebstahl hatte Frau Schnitzler erst zuhause bemerkt, nachdem sie ihre Neffen bereits abgesetzt hatte. Und in den Besitz des Autoschlüssels war sie in der Pause der Vorstellung wieder gelangt, als alle vier sich im Buffet zu einer Flasche Sekt getroffen hatten. Plötzlich lag da der Schlüssel auf dem Tisch. Sie wunderte sich zwar, wie er auf den Tisch gekom-men war, maß dem aber keine sonderliche Bedeutung bei.
Die Frau Oberregierungsrat hatte ihre drei Neffen selbst schon mit ihrem Verdacht konfron-tiert. Wie nicht anders zu erwarten, hatten alle drei geleugnet, das Bild gestohlen zu haben. Und auch nun, vor Oberinspektor Doblhofer, beteuerten sie ihre Unschuld. Gotthilf erschien hiezu als Erster. „Wenn ich gewusst hätte, dass es von Wichtigkeit sein würde, hätte ich mir die Namen der Leute, die sonst noch in meiner Loge saßen, geben lassen. Die könnten bezeugen, dass ich die Vorstellung nicht verlassen habe."
„Wie hat Ihnen die Oper denn gefallen?"
„Na ja. Ich mag eigentlich keine Opern. Aber wenn man schon Karten bekommt ... Mich stört, dass die immer in der Originalsprache singen müssen. Außer ‚amore' und ‚vino' ver-stehe ich leider kein Wort Italienisch. Aber immerhin war die Angelegenheit von kurzer Dauer. Nach knapp zweieinhalb Stunden inklusive Pause war es vorbei. Tantchen hat uns vor Jahren mal in die ‚Meistersinger' geschleppt, das hat vielleicht gedauert ... grässlich ..."
Als nächster erschien Albert, der ebenfalls behauptete, die Vorstellung nicht verlassen zu haben: „Ich mache mir zwar nichts aus Opern, aber ich habe ‚La Bohème' vom ersten bis zum letzten Takt gehört, von dieser grandiosen Ouvertüre bis hin zum traurigen Finale." „Ah, ja?" „Am besten hat mir diese Tenorarie im ersten Akt gefallen: ‚Wie eiskalt ist dies Händchen'. Dabei war es zum Schwitzen heiß im Theater. Na, und das Liebesduett ..." Er versuchte, es anzusingen, bekam die Melodie aber stimmlich nicht in den Griff. „Dideldü, ach, was weiß ich, schön war's halt."
Auch der letzte Neffe - Bodo - schwärmte von der Musik, wenngleich er gegen die Insze-nierung Einwände hatte: „Diese modernen Regisseure verhunzen wirklich jedes Stück. Wo-rin da der Sinn bestehen soll, Opern wie ‚La Bohème', die ja um 1900 spielt, in die Gegen-wart zu transponieren, da fragen Sie mich zu viel."
„Ah, eine moderne Regie?"
„Ja, leider. Der Poet Rudolf als Zeitungsreporter mit einem Handdiktiergerät, der Maler Marcel malt surrealistisch mit dem Personalcomputer, und die Näherin Mimi wird bewusst als türkische Gastarbeiterin geschildert. Schrecklich. Aber wenn sie dann im letzten Akt mit dem Muff in der Hand stirbt, kann nicht einmal eine solche Regie die herrlich traurige Musik umbringen."
Nach der Befragung begab sich der Oberinspektor zur Frau Oberregierungsrat zurück.
„Na, haben Sie den Schuft schon überführt?"
„Ich glaube schon. Einer Ihrer drei Neffen hat nämlich eine Bemerkung gemacht, aus der ich schließe, dass er nicht die gesamte Vorstellung gesehen hat."

Frage: Wen hat Doblhofer in Verdacht und warum?

 

>>Zur Lösung

Der Autor:
Harald Mini, Jahrgang 1960, lebt in Linz und arbeitet als Richter. Als Autor ist er vielseitig tätig: Er schreibt Krimis (z. B den „Tatort“-Sammelband „Räuber und Gendarm“), Satiren („Männer beim Friseur“) und Sketches (u.a. für das Kabarett Simpl).

www.krimiautoren.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Rätsel & Quiz

AnmeldenAnmelden