Ein Toter zum Dessert

05.07.2011 | 15:20 |  von Ilona Mayer-Zach (Die Presse)

Unter dem Tisch lag ein Toter. Wenn Paula nicht versucht hätte, mit dem Fuß ein Stück Fleisch, das ihr beim Schneiden im Kochstudio hinunter gefallen war, unauffällig unter das bodenlange Tischtuch zu schieben, hätte ihn fürs Erste niemand bemerkt.

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„Wirst sehen, im Kochstudio ist alles anders", hatte Paulas Freundin versprochen. Wenn sie geahnt hätte, wie recht Clea wieder einmal behalten sollte. Allerdings in einem anderen Zusammenhang.
„Dorthin kommen die verschiedensten Leute, kochen nach Anleitung des Chefs und danach werden die gemeinsam zubereiteten Gerichte gegessen." Wenn Clea von etwas überzeugt war, dann davon, dass Paula auf diese Weise endlich die Freude am Kochen finden würde. Sie hatte sich nicht lumpen lassen und die Freundin auf den ungewöhnlichen Kochabend eingeladen, sodass Paula nicht Nein sagen wollte.
Auf ihren Einwand, dass auch der nichts daran ändern würde, dass sie eine Niete in der Küche sei, hatte Clea sie beruhigt: „Jeder tut dort, was er kann. Du bist zu nichts verpflichtet." So hatte Paula insgeheim ihren Beitrag zu dem bevorstehenden Kocherlebnis festgelegt: Sie wollte den anderen beim Kochen zusehen! Das konnte sie am besten. Und das war auch das Sicherste für alle. Ihre Kochkünste beschränkten sich auf Packerlsuppen und Fertiggerichte.
Bereits einmal hatte Paula einen Kochkurs besucht. Doch den musste sie vorzeitig verlassen, nachdem sich ihre Kartoffeln im Wasser aufgelöst hatten und die Schnitzel verkohlt waren. Der Koch war über ihr Unvermögen derart frustriert gewesen, dass er im wahrsten Sinn des Wortes das Handtuch geschmissen hatte.
„Halt dich da raus",kam Clea auf die Leiche unterm Tisch zurück. Sie wusste nur zu gut, dass Paula keine Gelegenheit ausließ, um ihre Nase in kriminelle Angelegenheiten zu stecken. Doch die Warnung kam zu spät. Alle packten mit an und schoben den Tisch zur Seite. „Den kenn' ich", meinte die Dame im dunkelgrünen Leinensakko und starrte ungerührt in die toten Augen des älteren Herrn mit dem fettigen, schlohweißen Haar. Sein Anzug stammte vermutlich aus der Altkleidersammlung.
„Der Typ geht auf die verschiedensten Veranstaltungen und futtert sich kostenlos durch die Büffets. Ich meine natürlich er ging. Eigenartig, dass er sich hier in einen Kochsalon schleicht, wo man bezahlen muss", fuhr die Frau mit der grünen Jacke fort und schüttelte den Kopf.
Die Anmeldeliste! Dass Paula nicht gleich daran gedacht hatte. Sie ging zum Chef, der im Vorraum mit der Polizei telefonierte. Nachdem er geendet hatte, studierte er eine Weile die Namen.
„Stimmt", sagte er schließlich zu Paula. „Da steht ein Teilnehmer auf der Liste, der nicht bezahlt hat. Kommerzialrat Alois Kreimler. Ob das der Tote ist?" Wer von den Teilnehmern wann eingetroffen war, konnte er nicht sagen, da im Nebenraum eine andere Veranstaltung stattfand, die kurzzeitig seinen Einsatz erfordert hatte. Als er die Gruppe endlich begrüßen hatte können, waren bereits alle anwesend gewesen. Einer von ihnen musste der Täter sein. Der Chef hatte den Tisch höchstpersönlich gedeckt, weil seine beiden Mitarbeiter mit der anderen Gesellschaft überfordert waren. Ein Toter wäre ihm aufgefallen.
Paula ging zu den anderen Hobbyköchen zurück, die am gedeckten Tisch saßen und aufs Eintreffen der Polizei warteten. Kannte jemand von Ihnen den Herrn?", fragte sie in die Runde.
„Wie gesagt, ich habe ihn auf einigen Veranstaltungen gesehen", wiederholte die Frau in Grün. „Aber mit solchen Leuten will ich nichts zu tun haben." Ihr Blick wanderte angewidert über den zerschlissenen Anzug und blieb an seinen abgestoßenen Schuhspitzen hängen.
„Ich hab den Mann noch nie gesehen. Vielleicht war es nur ein Herzinfarkt", mutmaßte ein Herr, der Paula vorhin beim Kochen durch sein penibles Zwiebelschneiden aufgefallen war. Tak, tak, tak ... Hauchdünne Halbkreise waren im Sekundentakt auf das Holzbrett gefallen und hatten ihm die Tränen in die Augen getrieben, während er erklärte, dass Kochen ein entspannender Ausgleich zu seinem stressigen Pilotenberuf sei.
„Sicher nicht", stellte ein sonnengebräunter Herr lapidar fest. Ein Anwalt für Strafrecht, wie er bei der Vorstellung der Teilnehmer erwähnt hatte. „Hier handelt es sich wohl eher um Mord." Die anderen blickten ihn entsetzt an. „Oder glauben Sie ernsthaft, dass ein Infarktopfer so exakt unter einem Tisch zu liegen kommt und vom langen Tischtuch völlig verdeckt wird?" Kopfschüttelnd über so viel Naivität vertiefte er sich wieder in die Menükarte. Paula fragte sich, ob er noch mehr Einzelheiten zum Tod des Mannes kannte. Die anderen Teilnehmer des Kochkurses starrten auf die Leiche. Keiner von ihnen rührte die Speisen an, die sie zuvor gemeinsam zubereitet und auf Tabletts am Esstisch drapiert hatten. War womöglich Gift im Spiel gewesen?
„Vielleicht war der Kreimler ein Spitzel, der den Laden hier auskundschaften wollte", flüsterte der Zwiebelmann verschwörerisch.
„Blödsinn", widersprach die Frau mit der grünen Jacke. „Dazu muss hier doch niemand unter den Tisch kriechen. Es genügt, sich unter falschem Namen anzumelden." Paula traute der Frau auf Anhieb zu, dass sie aus eigener Erfahrung sprach.
„Abgesehen davon, was soll denn hier bitte so besonders sein, dass man es bespitzeln müsste?" Der Jurist tippte sich mit dem Finger auf die Stirn. Wollte er die Sache herunterspielen, um von sich abzulenken? Paula hätte ihm gern erklärt, dass es wohl immer und überall etwas gab, was sich auszuforschen lohnte. Aber sie hatte keine Lust, sich auf ein Gespräch mit dem Sachverhaltsverdreher einzulassen. Sie wusste, dass sie dabei den Kürzeren ziehen würde, egal wie gut ihre Argumente waren. Sie wusste aber auch, wen sie der Polizei als mutmaßlichen Täter präsentieren würde.

Frage: Wen verdächtigt Paula Ender?

 

>>Zur Lösung

Die Autorin:
Ilona Mayer-Zach lebt als freie Autorin inWien und schreibt u. a. Kriminalromane („Schlangenwald“, „Schärfentiefe“ etc.) und Kurzgeschichten, in denen zumeist ihre umtriebige Serienfigur Paula Ender ermittelt.

www.krimiautoren.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)

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