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Ka schöne Leich

04.10.2011 | 14:07 |  von Claudia Rossbacher (Die Presse)

In den meisten Fällen hatte es Franz Enter mit relativ frischen Leichen zu tun. Nicht so in diesem.

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Der verschrumpelte Kadaver, der bereits monatelang im Bett vor sich hinwesen musste, hätte das Herz eines jeden Horrorfilm-Regisseurs höher schlagen lassen. Das des Kriminalinspektors wäre hingegen beinahe in die Hose gerutscht, als der Kollege von der Spurensicherung die Tuchent hochhob. Abgesehen von dem penetranten Leichengeruch, der ihnen in einer unsichtbaren Wolke der Verwesung entgegenschlug, hatte sich Enter noch nie so sehr vor einem Anblick geekelt wie vor diesem. Außer ein paar dünnen weißen Kopfhaaren, Knochen und grauen Hautfetzen, die mit dem Leintuch praktisch verschmolzen waren, war nichts Menschliches mehr zu erkennen. Angewidert wandte sich der Inspektor ab, um den Ort des Grauens zu verlassen. Wie konnte man nur in einer dermaßen zugemüllten Wohnung leben? Noch dazu neben einem verwesenden Leichnam? Der Gestank war unerträglich. Diesem war es auch zu verdanken, dass die Nachbarin aus dem ersten Stock die Polizei verständigt hatte. Spät, aber doch.
Enter lehnte die Wohnungstür hinter sich an und riss das Gangfenster zum Hof auf, um frische Luft zu schnappen. „Entsetzlich, was?", hörte er eine nasale Frauenstimme hinter seinem Rücken fragen. Abrupt wandte er sich um. Die Mittdreißigerin hielt sich die Nase zu. „Ich habe Sie verständigt. Petra Schenk mein Name. Sie sind doch von der Polizei, oder?" Enter nickte und ließ die Nachbarin weiterreden: „Was glauben Sie, wie oft ich Herrn Fink schon auf diesen elendigen Gestank angesprochen habe, wenn ich ihm begegnet bin? Unzählige Male. Einige Male bin ich sogar extra hinaufgegangen und habe ihn deswegen herausgeläutet. Aber er hat immer bestritten, dass der Geruch aus seiner Wohnung käme. Bei ihm und seiner Mutter sei alles in bester Ordnung. Sie wäre nur alt und bettlägrig."
„Wie lange wohnen Sie denn schon in diesem Haus, Frau Schenk?"
„Ein Jahr und zwei Monate, ziemlich genau."
„Ist Ihnen außer diesem Geruch sonst noch irgendetwas aufgefallen?" Petra Schenk schüttelte den Kopf, die Nase noch immer zwischen ihren Fingern: „Na ja, die Alte hab ich zwar noch nie zu Gesicht bekommen, aber ich hab sie öfters mit ihrem Sohn keifen gehört, wenn die Fenster offen waren. In den letzten Monaten halt nimmer." Enter bedankte sich und kehrte in die Messie-Wohnung im zweiten Stock zurück. Was hatte er doch für einen beschissenen Job?, fragte er sich auf dem Weg in die Küche. Am liebsten hätte er sich wie Petra Schenk die Nase zugehalten. Für einen Polizeibeamten geziemte sich das aber nicht. Karl Fink saß in schäbiger Kleidung vor einem ebensolchen Teehäferl und starrte auf den vollgeräumten Küchentisch - ein blasser, schmächtiger Mann, der optisch in die Schublade des Muttersöhnchens passte. Enter hatte alle Mühe, ihn zum Sprechen zu bringen. Mit 49 Jahren wohnte der ledige Fink noch immer bei seiner Mama, erfuhr er schließlich, und dass er seit vier Jahren arbeitslos war. Dabei merkte man ihm keine Gefühlsregung an. „Sie sind also arbeitslos?", nahm Enter die letzte Aussage wieder auf. Fink nickte, ohne ihn anzusehen. „Sie leben von der Notstandshilfe, nehme ich an?" Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein?", hakte Enter nach.
„Nein", wiederholte der Befragte leise.
„Himmelherrgott! Jetzt lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase ziehen!", wurde Enter laut. Es reichte ihm. Er hatte keine Lust mehr, die Befragung in dieser stinkenden, verwahrlosten Bude fortzusetzen. „Ich erwarte Sie morgen um neun auf dem Kommissariat! Dort reden wir weiter." Warum er nicht schon früher auf diese Idee gekommen war? Er ließ seine Visitenkarte auf dem klebrigen Küchentisch neben einem Stapel schmutziger Teller liegen und stand auf.
„Nein! Bitte, setzen Sie sich wieder hin!" Erstmals zeigte der Mann Emotionen und sah den Inspektor einen Moment lang an, was diesen bewog, wieder Platz zu nehmen. Offenbar brauchte Fink einen dominanten Umgangston. „Dann reden Sie endlich, Herr Fink!", herrschte Enter ihn an.
„Ich bekomme keine Notstandshilfe mehr, weil ich keine AMS-Kurse machen kann."
„Sie können nicht? Warum nicht? Weil Sie Ihre Mutter pflegen mussten?", vermutete Enter.
„Das war mit ein Grund, ja."
„Und der andere? So reden Sie schon, sonst ..." Enter deutete an, aufstehen zu wollen, was prompt Wirkung zeigte. Fink sprach weiter: „Ich hab die Wohnung seit achtzehn Monaten nicht mehr verlassen. Aus Panik. Ich schaff es noch nicht mal ein Stockwerk hinunterzugehen."
„Aber Sie müssen doch irgendwann einkaufen, Essen und Medikamente für Ihre Mutter besorgen."
„Hab ich alles im Internet bestellt und zustellen lassen. Bis vor die Wohnungstür."
„Und wovon haben Sie das bezahlt?"
„Die Pension meiner Mutter und das Pflegegeld reichen zum Leben."
„Jetzt nicht mehr. Ich empfehle Ihnen ein Therapie, Herr Fink."
Karl Fink sprang mit einem Satz auf, sodass sein Sessel nach hinten flog. „Ich bin doch nicht verrückt!", schrie er. Offenbar doch, dachte Enter. „Das hab ich gar nicht behauptet", sagte er so ruhig wie möglich und beobachtete Fink, der nun beim Fenster stand und auf den Park blickte. „Der Müll in Ihrer Wohnung stammt also aus den letzten achtzehn Monaten?"
„Nicht ganz. Ein wenig davon hab ich im Kachelofen verbrannt. Oder die Toilette runtergespült."
Enter schüttelte den Kopf, was der Mann, der ihm den Rücken zuwandte, nicht sehen konnte. Hier stank mehr zum Himmel als nur die Leiche seiner Mutter und die Müllberge, war sich der Inspektor sicher. Fink hatte ihm eine fette Lüge aufgetischt. Jetzt lag es beim Gerichtsmediziner herauszufinden, ob die alte Dame eines natürlichen Todes gestorben war oder ob jemand nachgeholfen hatte; und beim psychiatrischen Sachverständigen, ob Karl Fink nicht besser in einer geschlossenen Anstalt aufgehoben war.

Frage: Warum ist Franz Enter überzeugt, dass Karl Fink lügt?

 

>>Zur Lösung

Die Autorin:
Claudia Rossbacher hat in Städten von Teheran bis Osaka gelebt und als Model, Texterin und Kreativdirektorin gearbeitet. Seit 2006 schreibt sie Kurzkrimis und Kriminalromane. Ihr aktueller Alpenkrimi „Steirerblut“ hat es auf Anhieb in die österreichischen Bestsellerlisten geschafft. Sie leitet die Organisation des Vereins der Österreichischen Krimiautoren.

www.krimiautoren.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)

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