Zum schwarzen Kameel

08.02.2012 | 15:10 |  von Christian Klinger (Die Presse)

Martin fürchtete die jährliche Schlussbesprechung bei seinem Steuerberater wie einen Termin beim Zahnarzt, nur mit dem Unterschied, dass das Wehklagen erst später, nämlich mit der Finanzamtsvorschreibung eintrat.

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Martin fürchtete die jährliche Schlussbesprechung bei seinem Steuerberater wie einen Termin beim Zahnarzt, nur mit dem Unterschied, dass  das Wehklagen erst später, nämlich mit der Finanzamtsvorschreibung eintrat. Er war als Privatdetektiv besser im Auffinden verborgener Hinweise als im Verbergen seiner Einkünfte.

Martin verließ die hinter der Peterskirche liegende Kanzlei und bog vom Graben in die Bognergasse Richtung Hof, wo er das Auto in der Tiefgarage abgestellt hatte, ein. Um den Kummer zu vertreiben, wollte er sich ein Gläschen gönnen. Als er das gelbe Schild mit dem Doppeladler erblickte, wusste er, dass er hier an der richtigen Adresse war. Das Stiebitz, gemeinhin als „Zum schwarzen Kameel“ bekannt, war ein Ort der Gastlichkeit, in dem die Zeit stehen geblieben war. Das Lokal öffnete ein Fenster in eine Epoche, in der die Lust an gutem Essen oder genussvollem Trinken noch ohne schlechtes Gewissen gelebt werden konnte. Das Jugendstilinterieur spiegelte ebendiese Philosophie wieder: Die Wände in dunklem Holz getäfelt, Vitrinen mit Flaschen und Delikatessen befüllt und etwas unterhalb der Decke eine Reihe von Keramikfliesen, die Schiffsmotive zierten,  als wollten sie bezeugen, dass der ehemalige K&K Hoflieferant die dargebotenen Spezereien aus aller Herren Länder herbeischaffte.  Einzig der Flachbildschirm bei der  Kasse und der Bankomat-Terminal durchbrachen die Nostalgie.
Martin steuerte das Stehpult in der Mitte des Raumes an, wo an der Wand oberhalb der Weinkarte ein Madonnenbild über das Wohl der Gäste wachte. Dort war bereits ein lustiges Trüppchen versammelt. Die jungen Leute unterhielten sich angeregt, tranken und labten sich an kleinen Häppchen aus der Küche. Martin, belauschte die Konversation einiger Herren in dezenten grauen Anzügen als Zaungast. Sie plauderten über Jobs, Dienstreisen, Familie und auch über Auszeichnungen.

„Hast es gehört, der Lukas hat einen Orden bekommen.“
„Was, echt?“
„Ja, vom Land.“
„Na, fein“, mischte sich ein Dritter ein, „da hat er gleich was für seinen Smoking, dass er  am nächsten Ball nicht so nackert auf der Brust umanandrennen muss. Wart, da kommt er eh, wir werden ihn gleich fragen.“
Ein weiterer junger Mann mit Brille bahnte sich den Weg durch die Menge zum Stehtisch. Er trug einen grauen Wollmantel und ein triumphierendes Grinsen im Gesicht. Sofort wurde er auf die Auszeichnung angesprochen. Er öffnete den Mantel und präsentierte diese am Revers seines Sakkos. Als er aufgefordert wurde, das Metallstück zu zeigen, nahm er es ab, um es weiterzureichen. Manch einer der Betrachter konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich den Orden selbst anzustecken. Das ging so lange, bis der echte Ordensträger dessen Rückgabe einforderte. „Geh, jetzt habt’s mir die Nadel verbogen, die haltet nimmer.“  Verärgert ließ er das gute Stück in seiner Manteltasche verschwinden. Dann hängte er ihn an einem der im Durchgang zur Küche befindlichen Garderobehaken auf. Der Kellner blieb bei Martin stehen und der bestellte noch ein Glas vom Muskateller. Zwischenzeitig machte ein Neuzugang die Runde. Er begrüßte die Freunde mit Handschlag und bestellte sich ein kleines Bier. Auch er lächelte selig. Seinen Mantel hängte er ebenfalls an einen Haken. Der Dresscode war der Jahreszeit entsprechend wohl grau und wollen.

„Sag, was gibt’s bei dir Neues?“, fragte schließlich einer, dem dieser freudige Gesichtsausdruck nicht entgangen war. Der Bursche strahlte wie ein frisch lackiertes Hutschpferd und holte aus seinem Sakko eine kleine Schatulle. „Ich werde meine Sabine heiraten“, verriet er den Freunden. Natürlich  folgten die Fragen nach dem Wann und Wo. Der hoffnungsfrohe Bräutigam grinste. „Sie weiß es noch nicht, ich mach ihr erst den Antrag.“ Kaum hatte er die Schatulle geöffnet, erntete er für den funkelnden Ring einige anerkennende Pfiffe. „Aber ihr dürft’s niemandem was verraten, noch nicht. Wir fahren am Wochenende nach Ischl, da will ich sie fragen.“

Martin verspürte ein leichtes Hungergefühl, zu schwach, um im Restaurant nebenan zu speisen, aber stark genug, um sich zur Glasvitrine hinter seinem Rücken umzudrehen. Er entschied sich für Jour-Gebäck, gefüllt mit Rohschinken, und zwei Brötchen mit Beinschinken und frischem Kren. Der Kellner brachte den Teller wenig später und Martin biss genussvoll vom Brot ab. Währenddessen kehrte der Bräutigam von der Garderobe an den Tisch zurück, seine Miene war nun weniger fröhlich, er lutschte an seinem rechten Zeigefinger. „Was ist denn los?“, fragte einer. „Ich weiß nicht“, antwortete er, „ich hab mich vielleicht bei der Schatulle eingeklemmt, als ich sie eingesteckt habe.“
Doch es dauerte nicht  lange, bis die fröhliche Unterhaltung fortgesetzt und Martin immer weiter abgedrängt wurde. Er suchte sich ein neues Plätzchen an der langgezogenen Bar neben der Kasse, bei den zwei Blondinen, die zwar schön anzusehen waren, sich aber wenig spannend über Schönheitschirurgie austauschten.

Mit der Zeit leerte sich das Lokal. Martin war inzwischen zum Bordeaux, einer Spezialabfüllung  für das Haus, übergegangen. Das Auto würde er heute stehen lassen, Taxirechnungen zu sammeln hatte ihm sein Steuerberater ohnehin empfohlen. Der Ordensträger hatte sich als Erster von der Runde verabschiedet, wie mit der Zeit auch andere. Nur mehr der harte Kern war verblieben. Plötzlich entstand ein Tumult. „Das  gibt es nicht, das darf nicht wahr sein.“ Der Bräutigam schlug Alarm. „Jemand hat den Ring gestohlen, das war ein Einzelstück vom Skrein! Jemand muss die Polizei rufen.“

Der Chef eilte herbei. Es war ein schlanker Mann in den besten Fünfzigern mit Rollkragen und Jackett. Mit seinem hageren Gesicht wirkte er, als ob er sich den eigenen Köstlichkeiten verweigerte. „Ich bitte Sie“, sagte er, „wir wollen doch hier keinen Skandal.“
Martin hatte plötzlich ein klares Bild vor Augen, sein Blick fiel auf die Darstellung der heiligen Mutter Gottes mit dem Jesuskind. Er sagte: „Keine Sorge, unter den Augen der Madonna wird doch nichts Unrechtes geschehen...“


Was wird Martin damit  meinen?

 

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Der Autor:
Christian Klinger, seit jeher der Musik zugewandt, betätigt sich neben seinem erlernten Beruf als Jurist immer wieder als Bassist. Nach der Auflösung seiner Band 2001 wechselte er das Metier und tauscht Basssaiten gegen Buchseiten. Aktuell: Codewort Odysseus (Resistenz 2011).

www.krimiautoren.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)

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