Des Osterhasen neue Kleider

24.04.2012 | 15:39 |  Von Christian Klinger (Die Presse)

Martin streckte dem Billeteur seine Eintrittskarte entgegen. Der Uniformierte riss den perforierten Abschnitt ab und machte einen Schritt zur Seite.

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Endlich, Martin hatte es geschafft, denn es war der letzte Donnerstag vor Ende der Magritte-Ausstellung in der Albertina, und diesen Tag hatte er sich in seinem Terminkalender freigehalten. Er betrat die kontemplative Ruhe des ersten Ausstellungssaals, da summte sein Handy. Bitte nicht, dachte er noch, als er das Gespräch annahm. Oh doch; der Beruf als Privatermittler forderte seinen Tribut. Der Anrufer war ein völlig aufgelöster Eberhard Zwängli, der ihn bat, umgehend in die Schokoladenmanufaktur im zehnten Bezirk zu kommen. Man habe ihn bestohlen, gerade eben. Martin war versucht abzusagen, doch der Mann klang verzweifelt, also fühlte er sich seinem Standesethos verpflichtet, und natürlich auch seinem Honorar. Widerwillig verließ er die Stätte der Darbietung surrealistischen Schaffens, um sich der Welt des realen Wirtschaftsverbrechens zu stellen.
Wenig später traf Martin bei dem Backsteinbau ein, der ihn mit intensivem Kakaoduft empfing. Er stellte sich dem Wächter am Einfahrtsschranken vor, dieser nickte und teilte ihm mit, dass er bereits in der Direktion erwartet werde. Das Fräulein in der Eingangshalle schickte ihn mit dem Aufzug in die letzte Etage, wo sich neben der Werkskantine auch die Räume des Direktors befanden. In der Kabine überlagerte ein würziger Küchenduft die bislang vorherrschende süße Note. Auf seinem Weg nach oben studierte Martin den Menüplan. Heute gab es Schinkenfleckerl oder Fogosch serbische Art, davor Nudelsuppe, danach eine Fruchtterrine. Martin lief das Wasser im Mund zusammen, doch der Hosenbund verbat ihm im Moment derlei Genüsse, nicht nur wegen der Fastenzeit. Die Kabine stoppte mit einem Ruck und ein Signal ertönte.
"Man hat sie mir schon angekündigt". Auf Martin stürmte ein kleiner, dicklicher Mann um die sechzig in dunklem Zweireiher zu. Der Silberkranz um die Glatze erschien den runden Kopf wie ein Heiligenschein zu säumen. „Gut, dass Sie es so schnell geschafft haben, kommen Sie!" Der Direktor führte Martin in sein Büro, wo er aus einem kleinen Schränkchen einen Schokoladeosterhasen herausholte.
„Sehen Sie das?"
„Ja, ein Schokohase", gab Martin gelangweilt zur Antwort.
„Moment, sehen Sie her." Der Direktor nestelte an der Verpackung herum und nach wenigen Augenblicken war aus dem niedlichen Tier ein an die Zähne bewaffnetes Monster geworden.
„Aber das ist ja ...", entfuhr es Martin, der aus seinem Entsetzen über die Metamorphose keinen Hehl machte.
„Ja, wunderbar. Dank der neuartigen Verpackung wird aus dem süßen Häschen im Handumdrehen ein Lepuraptor wie aus der Actionserie. Die Kinder werden voll darauf abfahren, wenn ..."
„Wie bitte?"
„Wenn die Konkurrenz nicht schneller ist. Vorhin ist ein Prototyp dieses Wunderdings entwendet worden."
Das also war des Pudels Kern. „Industriespionage, vermuten Sie?" Martin starrte auf die Schüssel mit Konfekt, die in der Mitte des dunkel glänzenden Besprechungstischs platziert war.
Der Direktor erzählte wie er in der Kantine den Hasen seinen Gebietsleitern präsentiert habe. Dann habe es einen Feueralarm gegeben, jeder hätte hinaus in Stiegenhaus gedrängt. In der Hitze des Gefechts, vermeinte Zwängli, habe er den Hasen vergessen. Sobald sich herausgestellt hatte, dass es sich nur um einen Fehlalarm handelte, sei er wieder hinaufgefahren, aber da sei das Muster bereits verschwunden gewesen.
„Haben Sie einen Verdacht?" Die klassische Frage des Ermittlers, auf der Erfahrung beruhend, dass die Opfer in der Regel ganz gut wussten, von welcher Ecke ihnen Gefahr drohte. Zwängli rieb sich die Stirn. „Verzeihen Sie, ich habe Ihnen gar nichts angeboten, hier kosten Sie!" Er schob Martin die Konfektschale hinüber. Der dachte an das beengte Gefühl, ausgelöst von seinem Hosenbund, und winkte ab. Zwängli schob sich eine Buttertrüffel in den Mund „Mpmh, köschtlich, wirklich." Martin zog den Bauch ein und langte nun doch zu. Er stimmte in das genussvolle Raunen des Direktors ein, ehe er fortfuhr. „Also nochmals, wer hat Interesse am Verschwinden, dieses ... äh... Wunderdings."
„Also von den vier Gebietsleitern waren drei anwesend, zweien davon würde ich sowas niemals zutrauen, aber der Pansky, der wollte schon einmal weg, hat sich angeblich der Konkurrenz angeboten, vielleicht, ist das jetzt seine Eintrittskarte bei Hüütli und Co."
„Und die anderen?"
„Der Priel war beim Feueralarm bei mir, den Schantl hab ich dann zwar nimmer gesehen..."
„Und wo war der vierte?"
„Also für den Luf leg ich meine Hand ins Feuer. Der kommt von meiner Mutter, ist unserer Familie gegenüber absolut loyal. Wissen Sie, meine alte Dame ist die Hüterin der Tradition."
Martin bestellte die Herren gesondert zur Befragung in den Speisesaal, der erste war Priel.
„Also ich war mit dem Direktor hier am Tisch, er hat uns den neuen Lepuraptor gezeigt, dann ist der Feueralarm losgegangen. Ich hab nicht gesehen, was mit dem Musterstück passiert ist, da war so ein Durcheinander."
Danach betrat Pansky das Terrain. Martin fiel sofort dessen aufbrausende Art auf. „Hören Sie, des Ding ist mir wurscht. Der Alte hat' s uns gezeigt, geht's in Produktion, dann verklopf ich es an den Handel, und ja, ich will von hier weg. Beantwortet das Ihre Fragen?"
Kaum war der Choleriker verschwunden, steckte Luf seinen Kopf durch die Tür. „Störe ich?"
„Nein, kommen Sie nur", lud Martin ihn ein, am Tisch Platz zu nehmen. Martin bemerkte eine Nudel am dunklen Anzug. „Sie hatten heute Besuche bei Ihren Kunden?"
Bereitwillig beantwortete der Vertriebsleiter Martins Fragen. „Richtig, ich war unterwegs, bin erst gekommen, da war der Feueralarm schon vorbei. Mitbekommen habe ich nichts. Ich war heute noch gar nicht in der Kantine."
Den Abschluss machte Schantl. „Ja, ich kann mich erinnern, ein geniales Ding. Beim Feueralarm, bin ich sogar zurück, weil ich es retten wollte, aber da war es nicht mehr da."

Wer hat hier gelogen?

>>Zur Lösung

Der Autor:
Christian Klinger, geboren 1966 in Wien, versucht als studierter Jurist in seinen Krimis das zu bewirken, was sonst eher selten gelingt: der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen. Nach Einführung der Figur des Alfons Seidenbast in die Welt des österreichischen Kriminalromans („wahrscheinlich der österreichische Wallander“ –Literaturhaus Wien), wurde 2009 die Figur des Privatermittlers Marco Martin für die 5 Minuten Krimis in der Sonntagspresse erschaffen. Dieser begibt sich ab Mitte 2012 in Romanlänge in ‚Winzertod‘ (Stein Verlag) auf Verbrecherjagd.

www.krimiautoren.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2011)

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