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FGM – ein islamisches Problem?

07.02.2007 | 18:31 |  TARAFA BAGHAJATI (Die Presse)

Replik zu „Reaktionäre Islamisten als Verbündete?“ von Mary Kreutzer, 6. Feb.

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Mit Verwunderung habe ich zur Kenntnis genommen, dass uns Mary Kreutzer wegen unserer Mitwirkung bei der letzten Azhar-Konferenz gegen FGM (weibliche Genitalverstümmelung) heftig angreift. Von der deutschen Menschenrechtsorganisation „Target“, die die Zusammenkunft initiiert hatte, waren wir aufgrund unserer erfolgreichen Aktivitäten in Österreich eingeladen worden.

Welche positive Rolle klare Worte aus den Religionsgemeinschaften spielen können, um die grausame Praxis abzuschaffen, wird zunehmend erkannt. Die Vorkämpferin gegen FGM, Waris Dirie, drückte es in ihrem Grußwort vor einer unserer Aufklärungsveranstaltungen so aus: „Kein Gesetz, keine Aufklärungskampagne, keine Strafe und keine politische Überzeugungsarbeit hat eine solche Macht wie die geistlichen Würdenträger. Mit nur fünf Worten – ,Es ist gegen unsere Religion‘ – können sie einen immens wichtigen Beitrag dazu leisten, dass dieser Horror beendet wird.“

Die Azhar-Konferenz wird eine allgemeine Hilfe sein beim Kampf gegen FGM, denn in der Schlusserklärung heißt es unter anderem: (...)
1.Gott hat den Menschen mit Würde ausgestattet. Im Koran sagt Gott: „Wir haben die Kinder Adams gewürdigt.“ Daher wird von Gott jeglicher Schaden verboten, der Menschen zugefügt wird, unabhängig von gesellschaftlichem Status und Geschlecht.
2.Weibliche Genitalbeschneidung ist eine ererbte Unsitte, die in einigen Gesellschaften praktiziert wird und von einigen Muslimen in mehreren Ländern in Nachahmung übernommen wurde. Dies ohne textliche Grundlage im Koran respektive einer authentischen Überlieferung des Propheten.
3.Die heutzutage praktizierte weibliche Genitalbeschneidung fügt der Frau physische und psychische Schäden zu. Daher müssen diese Praktiken unterbunden werden, in Anlehnung an einen der höchsten Werte des Islams, nämlich dem Menschen keinen Schaden zuzufügen.
4.Die Konferenz appelliert an die Muslime, diese Unsitte gemäß den Lehren des Islams zu unterbinden, da jene verbieten, dem Menschen in irgendeiner Form Schaden zuzufügen. (...)


Kontraproduktive Rassismen

Im Kampf gegen FGM versuchen wir, international aktiv zu sein. Wir setzen erfolgreich auf die Strategie, Bewusstsein durch eine aus dem Islam entwickelte Argumentation zu schaffen, die Körperverletzung ablehnt und dagegen das Recht der Frau auf ein erfülltes Geschlechtsleben betont. Da FGM verbreitet als „islamisches Problem“ dargestellt und in diesem Diskurs mit Islamfeindlichkeit gespielt wird, rufen wir hier zu Differenzierung auf, da solche Rassismen nicht nur unethisch, sondern vor allem kontraproduktiv für das Anliegen sind, FGM zu überwinden. Sollte sich bewahrheiten, dass FGM in den kurdischen Gebieten im Irak verbreitet ist (laut Schätzungen von WADI sind ca. 60% der Kurdinnen im Nordirak beschnitten), dann werden wir dies selbstverständlich auch thematisieren und die Bemühungen von WADI diesbezüglich ausdrücklich begrüßen. Auf Anfrage hat uns aber bis heute keine seriöse kurdische oder internationale Quelle eine solche Verbreitung von FGM in diesem Gebiet bestätigt. Auch die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) bezweifelte damals in einer kurzen Stellungnahme die Professionalität der Studie von WADI.

Diese grausame Unsitte gehört bekämpft, egal wo sie stattfindet. Trotzdem ist zu bedenken, dass die Arbeit von WADI wohlwollend von rassistischen und islamfeindlichen Seiten aufgegriffen und verbreitet wird. Aufgeregt krampfhaft versuchten Thomas von der Osten-Sacken und Thomas Uwer (WADI-Führung in Deutschland) in ihrem letzten Beitrag zum Thema, uns als FGM-Verharmloser darzustellen. Über unsere ihnen bekannten Aktivitäten dagegen hüllen sie sich in Schweigen.

Tarafa Baghajati ist Mitgründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen und Vizepräsident von ENAR (European Network against Racism).


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2007)

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