Wer sich nach einer Liegenschaft entlang der südsteirischen Weinstraße sehnt, sollte dreierlei mitbringen: ein großzügiges Zeitbudget für die Suche, ein hohes Maß an Entschlossenheit für eine rasche Entscheidung und das nötige Kleingeld für den Kauf. Die oft zitierte „steirische Toskana“ hat bereits eine ganze Reihe von Liebhabern gefunden und gewinnt stetig neue dazu. Eine Abkühlung dieser Beziehung ist nicht in Sicht – das Immobilienangebot in dieser Region entsprechend gering. „Besitzer eines Kellerstöckls beispielsweise haben bestimmt schon unzählige Visitenkarten erhalten – mit der Bitte um Kontaktaufnahme, sollte jemals ein Verkauf in Erwägung gezogen werden“, erzählt Gerd Nemetz von Dr. Max Huber Realitäten in Graz.
Über Weingärten in Ratsch an der Weinstraße verfügt Winzer Stefan Potzinger. Er spricht über Preise, die in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind, und einen sogenannten „Südsteiermark-Zuschlag“. Ein Ende dieses Trends ist nicht in Sicht – vor allem in den Lagen, die fast alle Suchenden begehren: Ganz oben, mit grandioser Aussicht und umgeben von einem Weingartenidyll. Denn „die Leute wollen nicht unten im Tal wohnen“, bestätigt auch Edith Strohmaier, die sich auf Immobilien in dieser Gegend spezialisiert hat. Dort gäbe es naturgemäß ein viel größeres Angebot mit moderaten Kosten – etwa für Häuser aus den 1960er- und 70er-Jahren.
Und zu beobachten sei außerdem ein Markt für luxuriöse Liegenschaften, der sich preislich klar von jenem für Einheimische abgrenze. Einen Nährboden für teure Verkäufe von Grund und Boden sieht Makler Nemetz aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Unsicherheiten.
Nebensache Wohnobjekt
Objekte können schon mal zur Nebensache werden, wenn sie durch reizvolle Gegenden bestechen. „Es wird das Grundstück bewertet, das im Vergleich zum Haus ein Vielfaches wert sein kann“, weiß Strohmaier zu berichten und zählt die nicht immer einfach zu erfüllenden Kundenwünsche auf.
Dazu zählen Winzerhäuser, Kellerstöckl, Weingüter oder -gärten. „Man macht vielleicht im mittelpreisigen Segment Kompromisse, im hochpreisigen nicht“, lässt die Expertin keinen Zweifel an der Entschlossenheit ihrer Kunden aufkommen. „Wer schon länger auf der Suche ist, der weiß genau, was er will, und entscheidet im Falle eines entsprechenden Angebots auch schnell. Man muss dann einfach zum richtigen Zeitpunkt zuschlagen“, ergänzt Nemetz. Die Preise differieren erheblich: Jeder Platz für sich stelle einen Mikrokosmos dar und lasse sich nur schwer mit einem anderen vergleichen.
Ein Objekt um eine Million Euro könne so gesehen schon wieder günstig gewesen sein. Mit einer seriösen Immobilienbewertung haben die Preise in manchen Fällen nichts mehr zu tun. Um 750.000 Euro ist aktuell ein 5,1 Hektar großes Grundstück mit einem kleinen Wohnhaus auf einem Hügel im Gemeindegebiet von Gamlitz zu haben. Das ehemalige Hotel Joseph etwa befindet sich ebenfalls auf dem Markt: Mit 7500 Quadratmetern, einem rund 200 Jahre alten Wohnhaus und zwei Gästehäusern – kann es privat oder gewerblich genutzt werden. Kostenpunkt: 1,6 Millionen Euro.
Netzwerken mit südsteirischen Seelen
Auf der Suche nach dem Wunschobjekt empfiehlt es sich, mit Weinbauern der Region Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Ist man im Netzwerk einer Dorfgemeinschaft gut aufgehoben, so lassen sich später einmal die Weingärten auch einfacher verpachten.
„Viele Bewohner verkaufen zudem lieber an Wildfremde als an ihre Nachbarn, denn das wird oft als persönliche Niederlage interpretiert“, erzählt Potzinger über die Merkmale der südsteirischen Seele.
Wesentliche Fragen, die sich Interessenten meistens noch stellen, sind: Welche Gegenden sind begehrt? Und vor allem, gibt es bauliche Einschränkungen? Spezielle Hotspots existieren in diesen Gefilden kaum.
Darüber sind sich die Immobilienexperten einig und stellen der Südsteiermark insgesamt ein sehr gutes Zeugnis aus. Landstriche wie Kitzeck-Sausal-Demmerkogel und Ortschaften wie Gamlitz oder Leutschach sind bei Immobiliensuchenden gleichermaßen gefragt.
Einen Blick über die nahe Grenze wagen
Auf der Suche nach der idealen Liegenschaft empfiehlt Winzer Potzinger, sich auch im benachbarten Slowenien umzuschauen. Besonders die Region rechts der Mur, Richtung Marburg, sei für künftige (Hobby-)Weinbauern sehr reizvoll. Ein niedriges Preisniveau locke so manchen Österreicher über die Grenze.
Und wie bei vielen anderen Dingen auch, sollte Rechtliches im Vorfeld gut abgeklärt werden. Streckenweise erreicht man sogar einige slowenische Orte aufgrund der nahen Autobahn besser als so manches entlegene südsteirische Dorf. Etwa nach Leutschach, Eichberg-Trautenburg, Arnfels oder Glanz an der Weinstraße müsse man schon ein Stückchen weiter fahren.
„Einige Kunden suchen auch genau diese Ruhe und Abgeschiedenheit“, weiß Nemetz. Bevor man sich für ein Stückchen südsteirisches Land entscheidet, sollte der künftige Eigentümer Informationen über etwaige Bewilligungen einholen. Denn es gibt des Öfteren Gemeinden, die Umwidmungen von Grundstücken nicht mehr so leicht akzeptieren wie noch vor einigen Jahren. Damit solle verhindert werden, dass je nach Belieben der Besitzer alles verhüttelt und verschachtelt werden könne – wie es noch vor fünfzig bis sechzig Jahren üblich war, meint Immobilienexpertin Strohmaier.
Tradition und Architektur hinterfragen
Der Grat ist schmal – wenn es um das Spannungsfeld von architektonischer Selbstverwirklichung und Vorgaben durch den Ortsbild- und Landschaftsschutz geht.
Wenn historische Gebäude adaptiert werden, gilt es nach Ansicht von Architektin Marion Wicher von „yes architecture“ nicht, „Traditionen zu kopieren, sondern vielmehr zu hinterfragen“: Warum wurde Lärchenholz oder ein Satteldach verwendet? Wieso ist der Bau eingeschoßig? Warum gibt es hier kleine, dort große Fenster? Antworten darauf liefere eine Formensprache, die dann modern interpretiert werde. Mehr noch: Eine Auseinandersetzung mit der Bausubstanz ermögliche eine Grundlage für den durchdachten Materialeinsatz. Für ganz und gar keine gute Idee im südsteirischen Hügelland hält sie Villen im toskanischen Stil oder weiße Häuser, die Boxen ähneln. Wie ein Fremdkörper wirken solche Immobilien und „tun weh, weil sie im wahrsten Sinn des Wortes ins Auge stechen“.
("Die Presse" Printausgabe vom 21.7.2012)

















