Die Simpsons sind derzeit die einzige US-Fernsehfamilie, die jeden Sonntag in die Kirche geht, und zwar zur „Western Branch of American Reform Presbylutheranism“. Katholiken kommen aber gelegentlich vor, etwa eine Klosterschwester, die mit Waisenkindern das fröhliche Lied singt: „If you're happy and you know it, it's – a sin! ...“ Daran musste ich bei den Berichten über den neuen Film von Ulrich Seidl denken, dem Meister kinematografischer Freudlosigkeit.
In „Paradies: Glaube“ zeigt Seidl eine auf ziemlich neurotische Art fromme Frau. Ich bin leider unfähig, in Porträts psychisch beeinträchtigter Menschen Metaphern für Größeres zu sehen. Das ging mir schon bei Jelineks/Hanekes schwer gestörter „Klavierspielerin“ oder bei Seidls „Hundstagen“ lebensuntüchtiger Vorstädter so. Dysfunktionale Menschen sind nun einmal für kein halbwegs funktionierendes System typisch.
Laut einem Interview will Seidl die „Scheinmoral der Kirche“ aufzeigen, indem er den verqueren Sex der Protagonistin darstellt: Die Kirche habe Sexualität lange unterdrückt und würde Wasser predigen und Wein trinken. Ich vermute, dass ich auch in „Paradies: Gaube“ unfähig sein werde, mehr zu sehen als eine Frau, die halt auch in Glaubensdingen ein bisschen spinnt. Aber ich bin eben jemand, der in der Institution immer eher das Gute sieht und im individuellen Verhalten das Böse. Darum würde ich auch sagen, dass die Kirche Wasser predigt – und alle Katholiken Wein trinken, manche leider sehr viel.
Die Simpsons-Autoren haben dasselbe Bild der lustfeindlichen Kirche nur lustiger ausgedrückt als Seidl, der ja nicht gerade als Komödiant gilt. Ich könnte jetzt in der Sache darüber sinnieren, dass etwa das viktorianische Zeitalter keine katholische Veranstaltung war. Aber mich stimmt als Katholik nachdenklich, dass die Kirche auf so viele Menschen den ihrer barocken Sinnenfreudigkeit und ihrer Erlösungseuphorie ganz entgegengesetzten Eindruck einer Schlafzimmer-Gestapo macht. Da ist etwas in der Verkündigungsarbeit gewaltig schiefgelaufen.
Wer die Kirche vor allem in ihrer Weite und Freiheit erlebt hat, wird sie mögen, wenn er auch ihren einzelnen Vertretern durchaus Böses zutraut. Wer vor allem Enge und Bedrückung erlebt, wird die Kirche verachten, auch wenn er einzelnen Vertretern Gutes konzediert. Wenn jemand mit der Biografie Seidls – frommes Milieu, beinahe Priester, hartnäckiger Gottsucher – so deutlich zur zweiten Kategorie gehört, sollten katholische „Skandal, Skandal!“-Rufer sich fragen, ob der größere Skandal vielleicht in den eigenen Reihen zu finden ist.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)
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