Wien. Am 17.September wird der Prunksaal des Rogner Hotels in Tirana gut gefüllt sein. Der heimische Stromkonzern Verbund wird an diesem Tag die Eröffnung des Wasserkraftwerks im albanischen Ashta feiern. Tags darauf kommen auch der albanische Präsident Sali Berisha und die österreichische Nationalratspräsidentin Barbara Prammer an den Drin-Fluss, um das Kraftwerk zu bewundern.
Doch eigentlich ist das nicht gerade der ideale Moment, um das Auslandsengagement des Konzerns in die Auslage zu hängen. Denn zu dieser Zeit kommt auch ein Geschäft in die heiße Phase, das den Anfang vom Ende des Abenteuers Ausland für den Verbund bedeuten könnte.
Schon seit Längerem verhandelt Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber mit dem deutschen Energiekonzern E.On über den Verkauf des Verbund-Anteils am türkischen Joint Venture Enerjisa – „Die Presse“ berichtete. Im Gegenzug sollen die Deutschen Inn-Kraftwerke an den Verbund abgeben. Wenn nicht in letzter Minute etwas passiert, sollten die Verträge Ende September unterschriftsreif sein. Damit würde sich der Verbund von seinem großen Hoffnungsmarkt im Ausland trennen. Denn die Beteiligung in Frankreich wurde zu großen Teilen bereits wieder abgegeben, und auch das Engagement in Italien steht seit Längerem auf der Abschussliste.
Kapitalmarkt sieht das positiv
Der Verbund würde sich nach dem Rückzug in den Heimmarkt wieder auf das konzentrieren, was er kann: Wasserkraft im Inland. Ein Schritt, der auch auf dem Kapitalmarkt positiv beurteilt wird. Allerdings bedeutet eine Beendigung der Auslandsengagements auch, dass der Stromkonzern wieder dort stünde, wo er vor rund 15Jahren war. Und er muss froh sein, wenn er nicht mit allzu großen finanziellen Blessuren nach Hause zurückkehrt.
„Wir investieren nur dort, wo es sich rechnet“, sagte der ehemalige Verbund-Chef Hans Haider vor zehn Jahren, als die Expansion des Verbund ins Ausland noch am Anfang stand. Zuerst steckten die Österreicher ihr Geld in das italienische Joint Venture Energia, die 1999 unbenannte heutige Sorgenia. Anfangs brachte dieses Engagement gute Gewinne, weshalb der Einstieg in Frankreich (Poweo) und schlussendlich in der Türkei vollzogen wurde.
Doch seit einiger Zeit läuft das Geschäft im Ausland nicht mehr rund. Frankreich sorgte im Halbjahr für 34,1Mio. Euro Miese, Italiens Sorgenia drückte mit 30,5Mio. auf die Bilanz. Die Türkei brachte zwar wieder ein Plus von 12,2Mio. Euro, im Vorjahr musste jedoch noch ein Verlust von 47,3Mio. Euro hingenommen werden.
Zieht Anzengruber nun also die Reißleine? Am diesjährigen Europäischen Forum in Alpbach war der Manager redselig wie eh und je. Nur als die Rede auf die Türkei kam, wurde er wortkarg. Offiziell will der Konzern „sommerliche Marktgerüchte“ nicht kommentieren – aber auch nicht dementieren.
Doch warum ist das Abenteuer Ausland für den teilstaatlichen Verbund eigentlich schiefgelaufen? Und wer trägt die Verantwortung? Ein Problem zieht sich durch alle drei Auslandsbeteiligungen: Der Verbund hat überall stark auf Gaskraftwerke gebaut. Das Management habe dadurch nur auf eine Karte gesetzt, heißt es aus dem Unternehmen.
Unter den gegenwärtigen Bedingungen sind die Gaskraftwerke jedoch nicht rentabel (dies gilt auch für das neu errichtete Kraftwerk im steirischen Mellach). Der Strompreis ist seit der Krise im Keller. Gleichzeitig hat der Verbund Gaslieferverträge abgeschlossen, die sogenannte „Take or Pay“-Klauseln beinhalten. Der Stromkonzern muss also eine bestimmte Menge Gas kaufen, egal ob er es braucht oder nicht. Da der in diesen Verträgen festgelegte Gaspreis aufgrund der Ölpreisbindung zudem sehr hoch ist, verliert der Verbund mit jeder produzierten Kilowattstunde Strom bares Geld.
Doch auch abseits des operativen Geschäfts agierte der Verbund nicht immer ganz glücklich, unken Analysten. In Frankreich wartete der Konzern jahrelang vergebens auf die Liberalisierung des Strommarktes. In der Türkei wiederum „vergaß“ der Verbund im Vorjahr einfach, sich ausreichend gegen Währungsverluste in der Türkei abzusichern – und stieg mit einem Minus von Millionen aus.
Einige der Probleme – etwa die Grundsatzentscheidung für den Einstieg im Ausland – hat Anzengruber von seinen Vorgängern geerbt. Doch auch unter seiner Führung wurden noch neue Kraftwerke gebaut und Gasverträge abgeschlossen. Und die mangelnde Währungsabsicherung fiel ganz in seine Verantwortung.
Abschreibungen drohen
Entscheidet sich der Verbund nun für den Rückzug auf den Heimmarkt, dürfte es noch einmal teuer werden. Die türkische Enerjisa könnte zwar mit einem kleinen Plus abgegeben werden. Und auch in Frankreich stehen die beiden verbliebenen Gaskraftwerke bereits mit null in den Büchern – hier mussten bereits Verluste von fast einer halben Mrd. Euro hingenommen werden.
Allerdings könnte die Beteiligung in Italien noch ein tiefes Loch in die Bilanz reißen, sind sich Beobachter einig. Die Tochter Sorgenia steht mit 700Mio. Euro in den Büchern und macht keinen Gewinn. Wenn ein Käufer gefunden wird, dürfte dieser deutlich weniger zahlen wollen. Dann stünde dem Verbund eine weitere Abschreibung in dreistelliger Millionenhöhe ins Haus.
Strategiewechsel beim Verbund. Der heimische Stromkonzern bereitet den Rückzug aus dem Ausland vor. Die Beteiligung in der Türkei steht vor dem Verkauf, auch die verlustreichen Töchter in Italien und Frankreich würde im Verbund niemand vermissen. Viele Baustellen hat Verbund-Chef Anzengruber geerbt. Unschuldig an der gescheiterten Internationalisierung des Staatskonzerns ist er aber nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2012)
















