Berlin. Am Ende verlief alles ganz schnell, dank einer kuriosen Regel. Lange gingen die deutschen Grünen schwanger mit der Idee einer Urwahl zweier Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2013. Beim „Länderrat“, einem kleinen Parteitag, wurde sie am Sonntag beschlossen. Eine Debatte blieb aus. Weil keine Frau das Wort erheben wollte, verstummten auch die Männer. Denn auf grünen Parteitagen dürfen nie mehr Männer als Frauen zu einem Thema sprechen.
Dabei ist die Entscheidung umstritten. Die Briefwahl der 60.000 Mitglieder nimmt zwar der neuen Konkurrenz der Piraten Wind aus den Segeln: Seht her, auch wir meinen es ernst mit der Basisdemokratie. Aber die Nachteile wiegen schwer: Mehr als drei Monate lang wird die Castingshow Inhalte verdrängen. Die Grünen werden sicher nicht den Kanzler stellen. Wozu also ein Schönheitswettbewerb, der an US-Vorwahlkämpfe erinnert? Offiziell geht es ums Gesicht der Kampagne. Tatsächlich geht es um Macht: Die Spitze sichert sich Ministerposten in der erhofften rot-grünen Regierung. Drei „Dinosaurier“ treten an: Jürgen Trittin, Renate Künast und Claudia Roth. Für die Alt-68er ist es die letzte Chance, noch einmal mitzumischen.
Ein Duo wahrt den Proporz
So wirft sich Fraktionsvorsitzender Trittin als Euromahner in die Pose des künftigen Finanzministers. Kovorsitzende Künast könnte ein zweites Mal die oberste Verbraucherschützerin geben, und Koparteichefin Roth empfiehlt sich mit leidenschaftlichen Plädoyers für Menschenrechte als Schatten-Außenministerin. Warum aber ein Duo? Noch bevor sich Trittin um den Job bewarb, zeichnete sich breite Zustimmung für den Parteilinken ab. Um einen einzelnen Mann zu verhindern, pochte Roth auf die Frauenquote und meldete ihre eigene Kandidatur an. Das alarmierte den Realo-Flügel: Ein linkes Duo war ihm dann doch zu viel. Für die Realos stieg Künast in den Ring, die seit der missglückten Berli-Wahl – sie wollte Bürgermeisterin werden – ihre Felle davonschwimmen sieht. Und schließlich Katrin Göring-Eckardt: Die stille 46-Jährige steht schon für einen halben Generationswechsel. Als Vizepräsidentin des Bundestages genießt sie breiten Respekt, vielen Grünen aber ist ihre demonstrative Frömmigkeit fremd. Weil sich die evangelische Kirchenfunktionärin kaum Chancen ausrechnet, plädierte sie für ein Viererteam statt der Urabstimmung – ohne Erfolg.
Das Getöse kaschiert grüne Orientierungslosigkeit. Seit dem Höhenflug 2011 mit 20 Prozent in den Umfragen sind die Grünen wieder bei 13 Prozent gelandet. Mit der Energiewende schnappte Merkel den Grünen ihr liebstes Thema weg. Und in der Eurokrise klaffen alte Gräben auf: Während die Realos Sparen als Ausdruck grüner Nachhaltigkeit sehen, will Roth Griechenland um ziemlich jeden Preis retten und bezeichnet Bundesbankchef Weidmann implizit als „Anti-Europäer“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2012)















