Wien. Noch lässt Österreichs Teamchef Marcel Koller im Training die Zügel schleifen. Das hat mehrere Gründe, denn seine auserwählten Spieler befinden sich noch nicht auf dem gleichen Niveau. Die einen klagen über Müdigkeit, andere sind angeschlagen, manchen fehlt es noch an Spielpraxis. Martin Harnik beispielsweise ist stärker lädiert, der Stuttgart-Spieler wird vermutlich erst am Donnerstag ins Mannschaftstraining einsteigen können. Zu diesem Zeitpunkt wird der Teamchef auf den Trainingsfeldern aber bereits Vollgas gegeben haben. „Ab jetzt wird es intensiver.“
Marcel Koller beobachtet genau, er probiert verschiedene Varianten aus. Am Wochenende wird dann bei den Übungseinheiten der Rollbalken heruntergelassen. Vorerst fand sich Christian Fuchs, gegen die Türkei im Mittelfeld im Einsatz, wieder in der Viererkette. Das muss aber noch nichts bedeuten. Viele Trainer mischen, tauschen, tarnen – und täuschen. Vor allem vor den wirklich wichtigen Spielen. Und Deutschland am 11. September im ausverkauften Happel-Stadion ist so ein wirklich wichtiges Match.
„Wir sind noch nicht dort, wo wir hin möchten“, bremst Koller aufkeimende Euphorie. Das Lob von Joachim Löw („Österreich hat sich in puncto Organisation und Struktur stark verbessert“) kann der Schweizer schon richtig einstufen. „Ich sehe auch eine positive Entwicklung. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir die zweitbeste Mannschaft der Welt wegputzen werden.“ Eines kann er aber jetzt schon versprechen: „Wir werden nicht in Ehrfurcht erstarren – sondern dagegenhalten.“
„Entscheidung gegen mein Ego“
Unter besonderer Beobachtung steht Marc Janko, der erstmals als Türkei-Legionär ins Teamcamp eingerückt ist. Im vergangenen Länderspiel gegen die Türken hat der Mittelstürmer sein Können nicht zeigen dürfen, da hatte er auch noch nach Verletzungen körperliche Defizite. Jetzt wirkt Janko schon viel weiter, auch wenn er keine allzu große Matchpraxis mitbringt. Am Wochenende wurde er bei der 0:1-Niederlage von seinem neuen Verein Trabzonspor bei Gaziantepspor erst in der 72. Minute eingewechselt.
Janko macht aber einen zufriedenen Eindruck. Seine neue Mannschaft kann man natürlich nicht mit der Auswahl des FC Porto vergleichen. „Wenn man sich den gesamten Kader anschaut“, gibt der Torjäger zu, „ist es ein Schritt zurück.“ Aber Janko ist letztlich nichts anderes übrig geblieben, als sich zu verändern. Sechs Tage vor Transferschluss hatte man ihm mitgeteilt, dass er bei Porto keine Aussicht auf ein Leiberl habe. „Deshalb habe ich mich dazu durchgerungen, mich nicht mit dem Status der zweiten Wahl zufriedenzugeben. Zu Trabzonspor bin ich gegangen, weil ich regelmäßig spielen will. Zu einem Verein, der mich wirklich haben wollte.“
Die Türken haben bereits im Winter angeklopft, Janko gilt dort als echter Wunschspieler. Rein sportlich gesehen ist das aber kein Aufstieg. „Es war eine Entscheidung gegen mein Ego“, gesteht Janko. „Ich habe mir nicht gern eingestanden, dass ich bei Porto keine Chance mehr habe. Aber manchmal muss man im Leben einen Schritt zurück machen, um vorwärts zu kommen.“
Der 29-Jährige hofft nun, sich bei Teamchef Marcel Koller aufdrängen zu können. „Deutschland ist zwar ganz klarer Favorit – aber manchmal gewinnt im Fußball eben auch der Kleine.“ Die fehlende Matchpraxis, so Janko, sei kein Problem. „Miroslav Klose hat bei den Bayern auch nur wenig gespielt – und dann immer seine Leistung gebracht. Das eine schließt das andere nicht aus.“ Aber im Angriff spricht derzeit alles für Martin Harnik.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2012)
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