Charlotte. Je stärker der Platzregen niederprasselte, desto härter, schneller und lauter drosch Jeff Bridges auf die Gitarre ein. Der „Dude“, der Kultstar aus „The Big Lebowski“, nahm beim inoffiziellen Auftakt des Parteitags der Demokraten in Charlotte seine Oscar-prämierte Rolle aus „Crazy Heart“ als zauseliger Country-Rock-Sänger auf. Mit seiner Band „The Abiders“ sollte der Hollywood-Star, ein Propagandist gegen Kinderarmut, das Wahlvolk der Finanzmetropole und Nascar-Hauptstadt in North Carolina auf die Jubelfeier des Präsidenten einstimmen.
Die Party war beim Volksfest zum Labor Day, dem Feiertag, der in den USA traditionell das Sommerende markiert, jedoch schnell vorüber. Die Schwüle hatte sich in einem Wolkenbruch entladen, und die Musiker waren gezwungen, ihre Instrumente einzupacken. James Taylor – ein Sohn North Carolinas und prominenter Verfechter einer progressiven Politik – kam als Haupt-Act des Abends nicht mehr dazu, seinen Hit „Fire and Rain“ zu intonieren.
Dabei hätte der Song die Leitmelodie der Obama-Anhänger getroffen, die zur Unterstützung des Präsidenten nach Charlotte gepilgert sind. Beim Fest in der Tryon Street marschierte die bunt schillernde Regenbogenkoalition von 2008 auf: Afroamerikaner, Studenten, Latinos, Schwule und Lesben – die Minoritäten, die Obama vor vier Jahren ins Weiße Haus gewählt haben. Sie versuchen beim Parteikonvent den Geist und den Zauber wiederzubeleben, das Feuer von Neuem zu entfachen. Sie sind abgeklärter und nüchterner, jedoch unverdrossen, ihren Hoffnungsträger gegen die Anfeindungen von rechts zu verteidigen.
Versöhnliches Motto
„Americans coming together“ lautet das versöhnliche Motto, das auf der Bühne der Basketballarena prangt – umrahmt von nationalen Insignien: dem Präsidentenberg Mount Rushmore, dem Lincoln Memorial, dem Washington Monument und der Freiheitsstatue. Vor ihrer Rede in der Nacht zum Mittwoch inspizierte First Lady Michelle Obama den Schauplatz des Parteitags, Heimstatt des notorisch erfolglosen, von Michael Jordan geführten Teams der „Charlotte Bobcats“. Jordan, die Basketball-Legende der „Chicago Bulls“, gilt als eines der Idole Barack Obamas.
Während der Präsident selbst die Hurrikanopfer in Louisiana aufsuchte, setzen die Republikaner ihre Attacken gegen seine Politik fort. In Charlotte haben sie einen „War room“ eingerichtet, und Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan reiste zu einer Kundgebung nach North Carolina. Er muss sich freilich mit einer peinlichen Petitesse herumschlagen. Er hatte bei seiner Marathonbestzeit massiv geschwindelt. Neben Häme handelte er sich den Vorwurf der Umaufrichtigkeit ein, der nun sein Wahlprogramm diskreditiert.
Die Parteigänger in Charlotte sind hoch motiviert, Beim „Youth Council“ im Ballsaal B des Konferenzzentrums schwören Studentenvertreter einander auf den Wahlkampf ein. „Ich kann von einer Wahlmüdigkeit nichts sehen, von der alle reden“, sagt eine Sprecherin der „Young Democrats“.
Obama als Sandfigur
Bis zur Wahl muss der Präsident seine Regenbogenkoalition mobilisieren, der Konvent dient ihm dafür als Plattform. Bei den Frauen, den Latinos, den Jungwählern und den Afroamerikanern ist er klar im Vorteil. „Als Frau kann ich Romney nicht wählen“, erklärt Betsy Hine. Hauptgrund ist für sie die strikte Position der Republikaner in der Abtreibungsfrage.
Rastlos tourt Obama durch die College-Städte. „Er hat alles getan, was in seiner Macht steht. Der Wandel ist ein langer Prozess, er braucht noch einmal vier Jahre“, meint Derrick Skaug, 22, ein Student aus dem Staat Washington. Das ist auch der Tenor der Schwestern Amy, Laurie und Sheryl Monroe, drei Afroamerikanerinnen. „Er ist in ein Schlamassel geraten, und die Republikaner haben ihn blockiert, wo es ging. Er bringt das Land vorwärts.“ Sie posieren vor einer Obama-Sandfigur, die vor Wind und Regen geschützt ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2012)
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