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Eine Stadt, zwei Unis – man geht getrennte Wege

24.09.2008 | 09:29 |  VERONIKA SCHMIDT (Die Presse)

Seit 1968 werden Flamen und Wallonen getrennt voneinander unterrichtet.

Die einzigen Dinge, die Belgien zusammenhalten, sind der König, das Bier und die Fußballmannschaft – egal, wie schlecht die ist“, lautet eine alte Weisheit der Flamen und Wallonen. Beide Bevölkerungsgruppen sind Belgier. Doch die niederländischsprachigen Flamen wohnen im nördlichen Flandern, die französischsprachigen Wallonen im südlichen Wallonien.

Zwar wurde zwischen den beiden Landesteilen kein „großer Graben“ gezogen, wie dies Albert Uderzo im gleichnamigen Asterix-Heft am Beispiel eines Dorfes vorzeigte. Aber die Trennung der Universität Leuven in einen flämischen Teil, der in Leuven bleiben durfte, und einen wallonischen Teil, der aus Flandern auswandern musste, klingt fast wie eine Geschichte aus der Feder eines ideenreichen Comiczeichners (deren es in Belgien ja viele gab: Lucky Luke und die Schlümpfe sind ebenso belgisch wie Tim und Struppi). Denn so wie der Anführer der linken Dorfseite in „Der große Graben“ verkündet, dass „unser Viertel die bessere Hälfte ist“, wurde 1968 in Leuven auf der Straße gebrüllt: „Leuven flämisch! Wallonen raus!“.

Es waren die Studentenproteste im 1968er-Jahr, die zur Trennung der altehrwürdigen Uni Leuven führten (immerhin die älteste katholische Uni der Welt). Während anderswo Love, Peace und Einigkeit herrschten, verlangten die belgischen Studenten 1968 die Uneinigkeit. Wie kam es dazu?

 

Streit um die Sprache

Im frühen 19. Jahrhundert wurde an der Uni Leuven noch eine einzige Sprache gesprochen: Französisch. Schon damals gab es Bestrebungen, die niederländische Sprache auch an Universitäten anzuerkennen. „Es war auch ein sozialer Kampf“, meint Ellen Van Impe dazu, die selbst an der Uni Leuven mehr als zehn Jahre studierte. „Die oberen Gesellschaftsschichten sprachen Französisch, die unteren Schichten eher flämischen Dialekt.“ Aber 1898 wurde auch das „niedere“ Niederländisch als Amtssprache in Flandern anerkannt und das Land „vernederlandst“, wie Van Impe es in ihrer flämischen Sprache ausdrückt.

In ganz Flandern wurden daraufhin auch die Universitäten offiziell niederländischsprachig, in Gent war es um 1930 so weit. Ganz Flandern sprach niederländisch.

Ganz Flandern? Nein! Eine von unbeugsamen Belgiern bewohnte Stadt behielt sich die Zweisprachigkeit vor. In Leuven wurden die Studienkurse weiterhin in beiden Sprachen angeboten. Erst in den 1960er-Jahren bekamen es die Flamen mit der Angst zu tun: Könnte die steigende Zahl frankophoner Studenten dazu führen, dass das niederländischsprachige Leuven bald an das französische Gebiet von Brüssel angeschlossen wird? Ein Plan musste her, wie man die flämische Uni erhalten konnte.

„Die französischsprachigen Professoren mussten ausziehen“, beschreibt Van Impe die Trennung. Die Frage war nur: Wohin? Um Lösungen nicht verlegen, wurde 1971 eine völlig neue Stadt (eine Trabantenstadt?) direkt südlich der Sprachgrenze in Wallonien aus dem Boden gestampft: Louvain-la-neuve. Das neue Leuven. Urbane Strukturen wurden errichtet, damit die französischsprachige Uni Leuven eine neue Heimat bekommt. Skurrilitäten blieben nicht aus: „Verrückt war die Trennung des Bibliotheksbestands“, so Van Impe. Bücher mit ungeraden Registernummern blieben in Leuven, die mit geraden Nummern kamen nach Louvain-la-neuve.

 

Erasmus im eigenen Land

Die nächsten Jahrzehnte waren von Feindseligkeiten geprägt, die sich zwischen den beiden Universitäten abspielten. Erst in jüngster Zeit wurde das Klima wieder freundlicher, zahlreiche Kooperationen wurden in die Wege geleitet. „Seit Jahren wird aktiv für bessere Zusammenarbeit geworben“, erzählt Van Impe, „aber ich habe auch erst im Doktoratsseminar Studenten von Louvain-la-neuve kennengelernt“.

Gerade in Belgien, jenem Land, dessen Hauptstadt Brüssel quasi der Inbegriff, das Herz Europas ist, mutet das Modell der getrennten Universitäten etwas seltsam an. Vor allem dann, wenn die eine oder andere Idee, die das Zusammenwachsen Europas unterstützen sollen, hier ad absurdum geführt werden: Denn die wohl kurioseste Förderung der Zusammenarbeit zwischen den beiden Unis ist wohl, dass Belgier sogar ein Erasmus-Stipendium erhalten können – für eine Uni innerhalb des eigenes Landes: Heuer gingen 20 flämische Studenten nach Louvain-la-neuve und 40 wallonische nach Leuven. Immerhin, vielleicht kommt man sich auf diese Weise ja doch wieder ein wenig näher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2008)


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