21.11.2009 16:14 | Meine Presse Merkliste0

Bachelor – ein Titel unter der Wahrnehmungsschwelle

24.09.2008 | 09:27 |  HEDWIG SCHUSS (Die Presse)

In den meisten Studien ist der Bachelor schon eingerichtet. Trotzdem trauen ihm viele Studierende (noch) nicht über den Weg.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Viele Studienanfänger trauen der gar nicht mehr so neuen Dreiteilung des Studiensystems – festgeschrieben im sogenannten Bologna-Prozess – noch nicht so recht über den Weg. Zwar lockt mit dem Bachelor bereits nach drei Jahren ein vollwertiger Hochschulabschluss, so manchem ist das für einen Berufseinstieg jedoch noch zu wenig. Die Mehrzahl der Studenten – das ergab ein „UniLive“-Rundruf – hat zumindest einen weiterführenden Master-Abschluss im Visier.

Die 19-jährige Vera Ulmann etwa ist sich nach einer Podiumsdiskussion an der Universität Wien ziemlich sicher, dass sie selbst gerne einen Master-Studiengang abschließen möchte. Denn wie sie gerade erfahren hat, werden am Arbeitsmarkt vornehmlich Bachelors der Studienrichtungen Wirtschaft oder Technik händeringend gesucht. In einer geisteswissenschaftlichen Studienrichtung hingegen sei mit einem Bachelor nicht sonderlich viel anzufangen, ist Ulmann überzeugt. Um sich am Arbeitsmarkt überhaupt behaupten zu können, sei deshalb eine längere Ausbildung (ein Master-Studium nach dem Bachelor dauert in der Regel vier Semester; Anm.) sinnvoll.

 

PhD „sicherheitshalber“

Auch Daniel Capek zeigt sich skeptisch, nachdem er mehr als eine Stunde einem Vizedekan und anderen Lehrenden zugehört hat, die versuchten, Vorzüge der neuen Studienarchitektur zu erläutern. Selbst will der Studierende der Biologie und Keltologie nicht vor dem Doktordiplom (PhD) aufgeben. Er glaubt, dass erst die Zeit zeigen werde, was ein Bachelor eigentlich wert sei, und bis dahin mache er „sicherheitshalber“ ein Doktoratsstudium.

Thomas Marchart, 23-jähriger Philosophie-Student, glaubt sogar, dass man überhaupt erst ab dem Master in der Arbeitswelt wahrgenommen wird.

Wozu also ist ein Bachelor dann überhaupt gut? Ist er etwa ein Trostpflaster für Studienabbrecher? Wenn man Vizerektor Arthur Mettinger, an der Universität Wien für Entwicklung der Lehre und Internationalisierung zuständig, zuhört, gewinnt man einen ganz anderen Eindruck. Rund 50 Bachelor und 100 Master-Studiengänge bietet Österreichs größte Uni derzeit an. Und auch wenn Barbara Hamilton, StudienprogrammLeiterin für Molekulare Biologie, einräumt, dass die Studierenden anfangs im neuen System etwas orientierungslos und verloren wirkten, so bestätigt sie doch, dass sich die Möglichkeiten für die Studierenden inzwischen erweitert haben.



„Haben Sie den Mut,

nach dem ersten Semester zu gehen.“

Für Barbara Hamilton, Studienprogrammleiterin für Molekulare Biologie, ist der Bachelor keine Alternative zum Abbruch.

Bis auf die Studienrichtungen Psychologie, Pharmazie, Rechtswissenschaften und Teile der Theologie sei die neue Architektur inzwischen flächendeckend eingeführt. Vom neuen System dürften die Studierenden eine bessere Durchlässigkeit zur Arbeitswelt und auch mehr Anreize zur Mobilität erwarten, weil die Abschlüsse im Ausland ja anerkannt würden, zumindest in der Theorie.

Hier hält Vizerektor Arthur Mettinger mehr Toleranz bei der Anrechnung von Abschlüssen für notwendig. Denn nicht nur die Ausbildung der eigenen Uni sei das einzig Seligmachende. Woran sich aber nach wie vor nichts geändert habe, sei der Umstand, dass die Universität Berufsvorbildung und nicht Berufsausbildung anbiete.

Von Vorteil sei aber, dass Studierende nunmehr an der Erstellung der Lehrpläne mitarbeiten könnten und somit auch mehr Mitspracherecht hätten. Dass Bachelors nach ihrem Abschluss kaum Chancen am Arbeitsmarkt hätten, ist laut Mettinger eine unbegründete Sorge.

In der Sinologie etwa verzichten demnach viele Studierende nach ihrem Abschluss auf das weiterführende Masterstudium, weil sie am Arbeitsmarkt bereits so gefragt sind, dass das Weiterstudieren nicht mehr reizvoll erscheint, berichtet Nikolaus Ritt, Vizedekan der Wiener Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät.

 

Empfehlung: Mut zum Abbruch

Was die Studienabbrecher anbelangt, so hat Studienprogramm-Leiterin Barbara Hamilton den Eindruck, dass viele einen Absprung zu lange vor sich herschieben. „Haben Sie den Mut, nach dem ersten Semester zu gehen“, ermutigt sie Maturanten, für den Fall, dass Sie feststellen sollten, das Uni-Studium sei nicht das Richtige für sie. „Verbummelte erste zwei Jahre sind einfach nicht nötig.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

10 Kommentare
Gast: gast
25.09.2008 16:49
0 0

Völlig vertrottelte englische Titel!

Wer will schon lebenslänglich als armseliger Bachelor (=Junggeselle) durchs Leben gehen. Die Mastertitel sind auch ein schlechter Witz und bestenfalls als Hausmasta, Pizzamaster ... in unserem Sprachgebrauch verankert.
Diese komischen Anglizismen haben in Österreich keinerlei Tradition und daher wenig Prestige für ihre Träger.

Antworten Gast: BA
03.10.2008 17:51
0 0

Re: Völlig vertrottelte englische Titel!

Ich muss Sie leider berichtigen bzw. aufklären:
Der Titel des Bachelor ist nicht wirklich auf Junggeselle zurückzuführen, sondern auf den Geselle. Als Fortführung steht der Titel "Master" ja für Meister.

Sie sehen also, dass von armseligen Junggeselle nicht die Rede sein kann.

Des Weiteren möchte ich darauf hinweisen, dass international die Studiensysteme auf das zweistufige Bachelor/Master-System umgestellt werden bzw. sind.
Das bedeutet, dass in Zukunft nur noch dementsprechende akademische Titel vergeben werden. Dadurch steigt automatisch der Bekanntheitsgrad und damit auch die Anerkennung.

Ich schlage daher, ihren Blick vom Hier und Heute auf die Zukunft zu lenken ...

Antworten Gast: B.A.
03.10.2008 17:46
0 0

Re: Völlig vertrottelte englische Titel!

Ich muss Sie leider berichtigen bzw. aufklären:
Der Titel des Bachelor ist nicht wirklich auf Junggeselle zurückzuführen, sondern auf den Geselle. Als Fortführung steht der Titel "Master" ja für Meister.

Sie sehen also, dass von armseligen Junggeselle nicht die Rede sein kann.

Des Weiteren möchte ich darauf hinweisen, dass international die Studiensysteme auf das zweistufige Bachelor/Master-System umgestellt werden bzw. sind.
Das bedeutet, dass in Zukunft nur noch dementsprechende akademische Titel vergeben werden. Dadurch steigt automatisch der Bekanntheitsgrad und damit auch die Anerkennung.

Ich schlage daher, ihren Blick vom Hier und Heute auf die Zukunft zu lenken ...

Wert des Baccalaureates

Ein Zwischentitel ist prinzipiell nichts Schlechtes. Niemand haelt die Leute davon ab mit dem Master weiterzumachen.

Aber ich erinnere mich an die 1.Diplom Pruefung und wievielen Leuten da die Luft ausgeht. Wenn die schon zu einem Titel fuehren wuerde, dann waere die Motivation das durchzudruecken schon eine andere.

Selbst wenn dass, was *eine* 19 jaehrige Studentin mutmasst stimmt, ist Bachelor zumindest mehr wert als die Zeit nur verbummelt zu haben.

Und im Prinzip hat Wilhelmine Tell sowieso Recht:
"Keine einzige absolvierte Vorlesung ist verbummelte Zeit. Jede Vorlesung, jedes Seminar, jede abgelegte Prüfung erweitert den Horizont."

Wert des Baccalaureates

Ein Zwischentitel ist prinzipiell nichts Schlechtes. Niemand haelt die Leute davon ab mit dem Master weiterzumachen.

Aber ich erinnere mich an die 1.Diplom Pruefung und wievielen Leuten da die Luft ausgeht. Wenn die schon zu einem Titel fuehren wuerde, dann waere die Motivation das durchzudruecken schon eine andere.

Selbst wenn dass, was *eine* 19 jaehrige Studentin mutmasst stimmt, ist Bachelor zumindest mehr wert als die Zeit nur verbummelt zu haben.

Und im Prinzip hat Wilhelmine Tell sowieso Recht:
"Keine einzige absolvierte Vorlesung ist verbummelte Zeit. Jede Vorlesung, jedes Seminar, jede abgelegte Prüfung erweitert den Horizont."

TU Student
24.09.2008 12:14
0 0

Voellig Sinnlos

Der Bachelor Titel ist in vielen Bereichen voellig sinnlos, besonders in der Technik! Seine Berechtigung hat er fuer Volksschullehrer, Kindergaertnerinnen und Krankenschwestern, diese Berufe sollten eine Aufwertung erhalten.

Wenn schon Technik, dann die HTL auf sechs Jahre verlaengern und mit Bac. abschliessen. An der Uni ist dieser Zwischentitel wertlos:

Um eine fundierte technische Ausbildung zu haben, ist es notwendig, anfangs die Grundlagen zu lernen, d.h. Mathematik. Die "interessanten" fachspezifischen Dinge kann man erst DANACH verstehen.

Zu den Geisteswissenschaften: Wer bitte braucht einen Schmalspurphilosophen? Das ist doch bitte laecherlich!

Kleanthes
24.09.2008 12:41
0 0

Re: Voellig Sinnlos

Ihre herablassende Artikulation gegenüber den Geisteswissenschaften zeugt von Ihrer Unreife und reiht sich bedauerlicherweise in die verbreitete amerikanische Sichtweise (Stichwort humanities vs. science) ein. Viele herausragende österr. Kapazitäten, wie Boltzmann, von Förster oder Götschl, war es erst durch die Kombination der Technik (Physik) mit der Philosophie möglich ihre herausragenden Leistungen und Ideen zu substanziieren.

Kleanthes

TU Student
24.09.2008 14:35
0 0

Sorry

Entschuldigung, dass das so ruebergekommen ist.

Ich meine das genaue Gegenteil: Geisteswissenschaften kann man nicht husch-pfusch in drei Jahren "lernen". Ein Philosoph braucht (vielleicht mindestens) 16 Semester; nach 6 hat man bestenfalls ein Heissluftgeblaese - und dafuer ist die WU zustaendig, denn dort hat das seine Berechtigung: Ein Wirtschaftler muss gut reden und wenig hinterfragen um etwas verkaufen zu koennen.

Aus diesem Grund ist es fuer uns Techniker wichtig, zu lernen wo die Ventile sind: Um bei Bedarf die heisse Luft abzulassen ;)

Kito
29.09.2008 12:59
0 0

Re: Sorry

Moment, moment!
Daß das WU-Prinzip genau diese von Ihnen angeführte Eigenschaft leider fördert, soll noch lange nicht bedeuten, daß dies der zwingende Output ist.
Mit "schön reden" alleine "verkauft" sich nix; dummerweise, und da gebe ich Ihnen recht, wird an der WU das fundamentale und korrekte BERECHNEN zuwenig gefördert.

0 0

„Verbummelte erste zwei Jahre sind einfach nicht nötig.“

Keine einzige absolvierte Vorlesung ist verbummelte Zeit. Jede Vorlesung, jedes Seminar, jede abgelegte Prüfung erweitert den Horizont.
Viel besser, als sich über "Abbrecher" aufzuregen wäre es, alle abgelegten Prüfungen als "Wahlfächer" anzuerkennen, auch wenn man den Abschluss in einer anderen Fakultät macht. Der Bachelor ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Wichtig wäre es auch, endlich lebenslanges Lernen zu ermöglichen. Es sollte der Normalzustand sein, dass jeder, der bereits im Arbeitsleben steht, die Möglichkeit hat sich (nicht nur) an der Uni fortzubilden. Der Studienbeitrag soll nicht aufs Semester, sondern auf einen thematischen Teilabschnitt bezogen sein. Dieser Teilabschnitt soll genau definiert sein und im Arbeitsleben anerkannt werden.

Umfrage

  • Die Britin Catherine Ashton wird "EU-Außenministerin", der Belgier Herman van Rompuy Ratspräsident. Schmalspur-Europa oder ausgezeichnete Wahl - was halten Sie von der neuen EU-Spitze?
  • Rompuy, Ashton? Wer ist das?
  • Eine ausgezeichnete Wahl
  • Ein klassischer Kompromiss
  • Beweis, dass eine "starke EU" immer noch unerwünscht ist
  • Endlich eine Frau in einer EU-Spitzenposition
  • Zumindest kein "Störfaktor" für nationale Interessen
  • Ist mir völlig egal

Weitere Meldungen