22.05.2012 15:21 | Meine Presse Merkliste 0

Der Weg zur Goldenen Palme

25.05.2009 | 18:41 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Wie Michael Haneke zum Hauptpreis von Cannes kam. Mit einer zweiten Palme für Schauspieler Christoph Waltz ist die heurige Cannes-Bilanz ein „Hammer“-Ergebnis für den heimischen Film.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Zwei Palmen für Österreich: „Das ist ein Hammer!“, war die erste Reaktion des österreichischen Autorenfilmers Michael Haneke, der am Sonntagabend in Cannes den bisher größten Triumph seiner Karriere feierte. Mit der Goldenen Palme für sein Historiendrama Das weiße Band erhielt Cannes-Stammgast Haneke endlich den Hauptpreis des renommiertesten Filmfestivals. Den heimischen Erfolg komplettierte die Schauspieler-Palme für den gebürtigen Wiener Christoph Waltz, der als SS-Offizier in Quentin Tarantinos Weltkriegsepos Inglourious Basterds brillierte.

„Manchmal stellt mir meine Frau eine typisch weibliche Frage: Bist du glücklich?“, begann Haneke seine Dankesrede auf Französisch: „Heute kann ich das aus ganzem Herzen bejahen – und sie wohl auch.“ Auf den Cannes-Sieg hat Haneke lang gewartet, seine Leinwandkarriere ist untrennbar mit dem Festival verbunden: Der 1942 in München geborene Wahlwiener Haneke hatte sich ab den Siebzigerjahren als Regisseur von bemerkenswerten Fernsehfilmen etabliert, bevor er 1989 mit Der siebente Kontinent ein starkes Kinodebüt vorlegte – das er in der Cannes-Sektion „Quinzaine des Réalisateurs“ vorstellte. Dort liefen auch die nächsten beiden Teile von Hanekes „Trilogie der emotionalen Vergletscherung“. Der große Sprung gelang dann 1997, als Hanekes kontroverser Kunstthriller Funny Games in den Wettbewerb eingeladen wurde.

 

Zweimal zuvor schon ganz nah am Sieg

Seither ist Haneke aus der „Sélection officielle“ von Cannes nicht wegzudenken (die Ausnahme zur Regel: das Hollywood-Remake Funny Games U.S. von 2007). Zweimal war er der Goldenen Palme schon ganz nah: Die Jelinek-Adaption Die Klavierspielerin (2001) erhielt den zweitwichtigsten Grand Prix, dazu Darstellerpreise für Isabelle Huppert und Benoît Magimel, mit dem reflexiven Medienkrimi Caché (2005) gewann Haneke den Preis als bester Regisseur. Da schien der Hauptpreis schon zum Greifen nah – doch Jurypräsident Emir Kusturica überlegte es sich im letzten Moment anders.

Nun hat die von der mehrfachen Haneke-Darstellerin Huppert geleitete Jury zugunsten des Österreichers entschieden (sie spielte auch in Wolfzeit, der 2003 außer Konkurrenz lief, zumal der damalige Jurypräsident Patrice Chéreau ebenfalls mitwirkte). Die Situation war durchaus pikant: Die Gerüchteküche wollte erst wissen, dass Huppert Haneke den lang ersehnten Preis geben würde. Dann hörte man das Gegenteil: Huppert würde sich nicht dem Vorwurf der Freunderlwirtschaft aussetzen. Auch wenn sich Haneke gleich bei ihr für das „enorme Geschenk“ bedankte, ist das nunmehrige Happy End über jeden Zweifel erhaben: Das weiße Band galt zu Recht als einer der besonderen Filme des diesjährigen Wettbewerbs.

Mit seiner strengen Ästhetik und einer geheimnisvollen wie gesellschaftskritischen Geschichte über rätselhafte und grausame Ereignisse am Vorabend des Ersten Weltkriegs in einem brandenburgischen Dorf ist das zweieinhalbstündige Schwarz-Weiß-Drama eine quintessenzielle Haneke-Kreation: Alle seine Filme würden um ein ungelöstes Geheimnis kreisen, sagte Haneke bei der Pressekonferenz, um den Zuseher zum Nachdenken anzuregen – Kunst müsse die richtigen Fragen stellen, nicht Antworten geben.

„Der Sieg hat viele Väter, und Sie werden noch sehen, wie viele Väter diese Palme haben wird...“, meinte lachend Produzent Veit Heiduschka von der österreichischen Wega-Film, die seit Dersiebte Kontinent bei Hanekes Filmen dabei ist. Tatsächlich wird der Gewinn beim großen Nachbarn schon als deutscher Sieg verbucht, wegen des Themas und der deutschen Koproduzenten X-Filme – aber diese Palme verdankt sich eindeutig der Handschrift Hanekes.

Porträt Christoph Waltz', Seite 10

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2009)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

16 Kommentare
Gast: Palmen-Zögling
29.05.2009 12:40
0 0

Sechsmal in Cannes

In den letzten Tagen habe ich oft gelesen, dass Haneke sechsmal in Cannes vertreten war. Zumindest war er mit Funny Games, Code inconnu, La pianiste, Caché und Das weiße Band fünfmal im Wettbewerb um die Goldene Palme vertreten, was war aber der sechste Film, der wohl in einer Nebenreihe gelaufen sein muss?

Gruß
Palmen-Zögling

Gast: Blitzky
25.05.2009 22:39
0 0

Kunst wird leider von der Politik gemacht!

Handke nahm öffentlich für Serbien Stellung. Damit kam er für den Heine Preis nicht mehr in Frage.
Sein fast Namenskollege Haneke macht den 1000-sten Anti-Nazi Film und schon bekommt der die Goldene Palme.
Klarer kann die Instrumentalisation der Kunst durch die Politik gar nicht sein. In China und Russland ist das nicht anders.....

0 0

Re: Kunst wird leider von der Politik gemacht!

Dass "Das weiße Band" 1913 spielt soll uns nicht weiter stören, solange es Vorurteile zu erhalten gilt...

Antworten phuter
25.05.2009 23:00
0 0

So schreibt man nur...

Wenn man außer einem Vorurteil keine Ahnung hat:
Haneke hat bereits in Cannes mit der Klavierspielerin abgesahnt - da ging es mit nichten um Nazis.
Seidl hat mit Hundstage abgesahnt - da ging es um Leute wie sie. Ebenfalls nicht um Nazis.
Darwins Nightmare, We feed the World - kein einziger Nazi weit und breit.
Virgil Widrich - Oskarnominiert - mit Copyshop - ebenfalls nix mit Nazis.

Die erfolge österreichischer Filmschaffender sind beeindruckend. Um das Potential, das unser Land verliert, weil diese Talente abwandern müssen ist es jammerschade.

knoffs
25.05.2009 22:32
0 0

armes österreich

richtig so von ruzwitzky darauf hinzuweisen, überall in aut heißts nur noch "triumpf für österreich".

keine frage das österreich reich an talenten ist, doch wenn sie kein geld bekommen, werden ihre filme nicht produziert oder sie müssen im ausland betteln gehen

Gast: Gast
25.05.2009 22:10
0 0

Je preiser gekrönt desto durcher gefallen

Jeder Anfänger braucht Förderung - ab einem gewissen Alter (und über 60 ist da weit darüber) sollte man entweder vom Publikumserfolg leben können oder wenigstens imstande sein, private Förderer auszunehmen!

Antworten phuter
25.05.2009 23:02
0 0

naja...

Dann verantelt der Film. Und das mit dem Förderer - juche - zurück in den Schoss der Kirche, auf in die Zeiten der Monarchie... Ich weiss nicht.

Gast: John Wayne
25.05.2009 17:41
0 0

Dieses Teil können die sich in die Haare schmieren

Es gibt z.Zt. wohl dringendere Probleme als die Frage, wer sich das Blechteil in die Vitrine stellen darf.

Gast: coco
25.05.2009 16:10
0 0

Kleingeisterei

Die Frage, wer den Gewinn für sich reklamieren darf, ist so unsinnig wie der Nationalismus im Sport. Gewonnen haben jene Personen, die für diesen Film in geistiger Weise etwas beigetragen haben. Mitfreuen dürfen sich dann alle, in besondere Weise natürlich jene, die dafür etwas investiert haben. Es kann aber kein Filmschaffender erwarten, dass ein kleines Land für mehr oder weniger Nischenproduktionen im Übermaß Steuergeld aufwendet. Filme sollten grundsätzlich Selbstläufer sein und nicht am Markt vorbeiproduzieren, sondern sich selbst tragen. Alle anderen -und seien sie auch Preisträger- können höchstens eine Anschubfinanzierung erwarten und müssen mit dem zufrieden sein, was die Melkkuh Staat hergibt und dzt. ist das Euter für das Privatvergnügen Einzelner ziemlich leer.

Murray
25.05.2009 15:38
0 0

Soll Politik Filme machen?

Wenn "die Saat aufgegangen ist", wieso sind dann Förderungen notwendig? Dann sollte die Finanzierung ja aus dem Cash-flow möglich sein. Oder sind die in Cannes ausgezeichneten Filme etwa nur für verschwindend kleine Randgruppen produziert worden?
Wenn aber eh niemand die Filme ansehen will, gibt es erst recht keine Gründe, ihre Produktion zu fördern.
Daher ist weder der Applaus der Politik verständlich noch die Kritik an ihr.

Gast: hansimglück
25.05.2009 14:56
0 0

"Nazifilm"

Ist schon ok daß sich Österreich zurückhält- sorry; nix als Nazi Filme und Produktionen:
Das weisse Band, Die Fälscher, Inglourious Basterds..bis hin zu den Producers...

Da werden Stücke einfach nur für die Premiere und Zwangsbeglückung von Schülern produziert.

Echte neue Filme gibt es nicht zusehen- sollen doch die deuschen weiter mit der Nazimasche machen....

0 0

Re:

Das weiße Band spielt 1913, Die Fälscher haben international 20 Mio Dollar eingespielt (von wegen Schüler-Zwangsbeglückung), Inglourious Basterds ist kein österreichischer, die Producers überhaupt kein Film.
Österreichische Filme der letzten Monate: Revanche, La Bohème, Echter Wiener, Falco, Der Knochenmann, In 3 Tagen bist du tot, Let's make money... Wo sind mit der Ausnahme Fälscher sonst "Nazifilme"? Sollten selbst die ältesten Vorurteile die Wahrheit niocht wenigstens streifen?

Antworten Gast: Kinogeher
25.05.2009 19:04
0 0

Re:

Das sehe ich leider auch so.

Und stolz auf Preise die mehr oder weniger nur wegen des Nazi-Themas und einer political-correctness vergeben werden, braucht auch keiner sein.

Schade nur dass deswegen und weil man diese Tatsache weiss, so manch unterhaltende Filme junger Filmschaffender gar nicht bekannt werden oder gar nicht produziert werden.

Gast: plebs potus
25.05.2009 14:42
0 0

einer ÖVP-dominierten Finanzpolitik

darf man sich bei Kunstbudgetanfragen nur buckelnd nähern, denn kritische Geister, Projekte und Filme wollen die Despoten ihrer eigenen "christlichen" und angeblich Werteorientierter Kleinbürgermentalität nicht und schon garnicht ihre eigenen Kritiker finanzieren.

Unter der FPÖ wird das nicht anders, solche Menschen würden gerade mal Propagandistische Heimatfilme und "Schlosshotel Orth"-Foglen sponsern.

Antworten Tom93
25.05.2009 14:50
0 0

Re: einer ÖVP-dominierten Finanzpolitik

und wieso tut die lasche spö nichts dagegen? stellt diese partei nicht sogar die unterrichts- und kunstministerin?

Antworten Antworten Gast: Beobachter
25.05.2009 15:18
0 0

stellt diese partei nicht sogar die unterrichts- und kunstministerin?

Ja, aber der liegt mehr an der Bemalung ihres eigenen Gesichtes als an Filmförderung.


Meischberger ist "im richtigen Biotop geschwommen"

Informationsaufnahme sei eine große Leistung, rechtfertigt Lobbyist Meischberger seine 500.000-Euro-Provision für einen Tipp an Makler Plech.



"Keine erhöhte Krankenstandsrate bei AUA-Piloten"

AUA-Bordbetriebsrat Minhard bestreitet vermehrte "unfit-to-fly"-Meldungen. Es gebe zu wenig Piloten - die AUA-Spitze habe schlecht geplant.



Song Contest: Österreich kämpft um Einzug ins Finale

Am Dienstagabend nehmen es die Trackshittaz mit 17 Konkurrenten auf, um eines der zehn Finaltickets zu lösen. Gewalt überschattet den Wettbewerb.



Italien-Nachbeben bis nach Innsbruck zu spüren

Allein in der Nacht auf Dienstag hat es in Noprditalien wieder 22 Nachbeben gegeben. Heute soll der Notstand ausgerufen werden.



Wettbewerbshüter: Ende Juni Klarheit zu Orange-3-Deal

Der Chef der Bundeswettbewerbsbehörde hat zwar Bedenken gegen den Handy-Deal in seiner jetzigen Form, aber bald soll Klarheit herrschen.



Filmfestspiele Cannes: Brad Pitt kam ohne Angelina

Die bessere Hälfte von Angelina Jolie kam allein an die Croisette. Über die anstehende Hochzeit verlor Brad Pitt kein Wort.