„Und jede Höhle fühlt sich anders an“

Höhlenforschung. Zahlreiche Disziplinen befassen sich mit dem – nur teilweise erstarrten – Leben unter der Erde. Eine neue Publikation widmet sich der Wissenschaftsgeschichte in der Monarchie und der Ersten Republik.

NEUE HOEHLENHALLE IM DACHSTEIN-MASSIV (Gletschergang)
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NEUE HOEHLENHALLE IM DACHSTEIN-MASSIV (Gletschergang)
(c) APA (ROBERT SEEBACHER (VHO))

Es sind Forscher und Forscher, die sich ins Dunkle hinabbegeben. Die einen Höhlenforscher sind die 2500 Mitglieder des Verbandes Österreichischer Höhlenforscher, die anderen sind die Wissenschaftler an den Universitäten und der Abteilung für Höhlenkunde am Naturhistorischen Museum (NHM), die sich der Speläologie, der Höhlenforschung, widmen. „Wir brauchen die Höhlenforscher, die nicht aus der Wissenschaft kommen“, sagt Erhard Christian vom Zoologieinstitut der Boku Wien. Denn in vielen kleinen Spalten, in die sich etwa Professoren im fortgeschrittenen Alter nicht mehr abseilen können, erledigen die Hobbyforscher wichtige Arbeiten: Sie erkunden Höhlenverläufe, befördern Steine oder seltene Insekten ans Tageslicht.

Höhlenkundliche Vereine gewannen ab dem 19. Jahrhundert an Bedeutung, als kundige Führer einem interessierten Publikum den Blick in die Höhlengänge eröffneten. Johannes Mattes hebt in seinem eben erschienenen Buch „Reisen ins Unterirdische. Eine Kulturgeschichte der Höhlenforschung in Österreich bis in die Zwischenkriegszeit“ (410 Seiten, 44,90 Euro, Böhlau) den Geografen Adolf Schmidl (1803–1863) als „ersten und kühnsten Höhlenforscher Österreichs“ hervor. Für den Wissenschaftshistoriker und Speläologen Mattes hatte die höhlenkundliche Wissenschaft in der österreichisch-ungarischen Monarchie auf ihrem Gebiet eine führende Stellung inne. Schmidl widmete sich den Höhlen im slowenischen Karst und wurde von der k. k. Geologischen Reichsanstalt in Wien gefördert. Wie für andere Forscher war auch für ihn die Faszination der Höhle von Postojna in Slowenien (der Adelsberger Grotte) der Anstoß für seine weitere Forschungstätigkeit.

 

Eigene Lehrkanzel in Wien

Nach dem Ersten Weltkrieg zogen sich viele Wissenschaftler aus der Monarchie nach Wien zurück, wo an der Universität von 1929 bis 1938 eine eigene Lehrkanzel für Höhlenkunde bestand. In diesen Jahren kam es zur Akademisierung der Höhlenforschung. Nach dem Zweiten Weltkrieg stagnierte der Forschungszweig. „Seit 20 Jahren nimmt die Verwissenschaftlichung wieder einen unerhörten Aufschwung“, sagt Erhard Christian, dessen Forschungsgebiet sich auf die unterirdische Fauna erstreckt.

Gegenwärtig befassen sich viele Disziplinen mit der Höhlenforschung: Geografie, Geologie, Hydrologie, Erdwissenschaften, Tektonik, Klimaforschung und Archäologie. In dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Neotektonikprojekt erforschen die Uni Wien und das NHM die geologischen Störungszonen der Alpen, deren Alter anhand des Höhlensinters und mit Hilfe von Mikrosalzvermessungen datiert werden kann.

Selbst die Soziologie hat die Höhlen – genauer: die Höhlenbesucher – entdeckt und geht deren Faszination nach. Bei der Vorstellung des Mattes-Buches an der Uni Wien lieferten aber auch die Spezialisten die geeigneten Argumente. „Das Dunkle zieht an“, sagt der Salzburger Höhlenforscher Walter Klappacher. „Jede Höhle ist anders, fühlt sich anders an“, fügt Pauline Oberender (NHM) hinzu. Und Buchautor Matters nennt ein weiteres schlagendes Argument: „Da gibt es keinen Kontakt zu Handynetzen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2015)

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