Mit der Aufforderung an seine Anhänger, um die toten Demonstranten am Montag zu trauern, hat Mir Hossein Moussavi die Getöteten praktisch in den Rang von Märtyrern seiner Bewegung erhoben. Er knüpft damit an einen Märtyrerkult an, der in den letzten Jahren politisch vor allem von den Konservativen gebraucht wurde, nicht zuletzt vom umstrittenen Präsidenten Ahmadinejad.
Die Vorläufer des schiitischen Märtyrerkultes sind wohl in Trauerritualen zu suchen, die es schon Jahrtausende vor der Einführung des Islams gab. Im schiitischen Islam ist der Märtyrerkult hingegen vor allem mit dem Tod des 3. Imam Hossein bei der Stadt Kerbela im Irak verbunden (680 n. Chr.). Von Truppen des Ummayyaden-Kalifen Yazid wurde Hossein, der ein Enkel des Propheten Muhammad war, zusammen mit seinem Gefolge in der Wüste vom Wasser abgeschnitten und am zehnten Tag des islamischen Mondmonats Moharrem in einem ungleichen Kampf niedergemacht.
Im diesem Monat trauern die Schiiten deshalb um Hossein und andere Märtyrer. Es gibt Trauerprozessionen, bei denen auch öffentlich geweint und geklagt wird. Geschichten von Märtyrern und Märtyrerinnen werden von Laien auf provisorischen Bühnen aufgeführt. Am Ende erheben sich die Zuschauer, schlagen sich auf die Brust und rufen: „Tötet mich, aber verschont die Unschuldigen!“ Einer der geistigen Wegbereiter der islamischen Revolution, der islamische Soziologie Ali Shariati, hat den Tod Hosseins als ein Beispiel für den Kampf gegen Tyrannei und für eine gerechte Sache gewertet. Und Khomeini hat in einer berühmten Predigt den Schah von Persien als den „Yazid unserer Zeit“ bezeichnet. Damit wurde der Kampf gegen den Schah mit dem Kampf der religiösen Märtyrer gleichgesetzt.
Botschaft an die Basidj-Milizen
Schließlich kam es so weit, dass sich Jugendliche vor die Gewehre der Soldaten des Schahs stellten, sich das Hemd aufrissen und riefen: „Mach mich zum Märtyrer!“ Als Khomeini im Triumph aus dem Exil zurückkam, fuhr er vom Flugzeug direkt zum Friedhof, um der Märtyrer zu gedenken. Im von Saddam Hussein aufgezwungenen Krieg 1980–88 wurden von Khomeini Jugendliche eingesetzt, die den Märtyrertod sterben sollten, indem sie vor der eigentlichen Truppe über Minenfelder liefen und die Minen so zur Explosion brachten. Obwohl diese Taktik allenfalls geringe Erfolge brachte, wurden auf diese Weise jahrelang 14- und 15-jährige Kinder in Massen in den Tod geschickt.
Indem Moussavi nun auch die Märtyrerkarte spielt, signalisiert er dem Staatsapparat aber auch, dass der Einsatz von extremer Gewalt gegen die Protestbewegung sehr wohl auch kontraproduktiv sein kann. Es mag, so kann man hoffen, die Basidj-Miliz und die Revolutionsgarde abhalten, noch einmal auf Demonstranten zu schießen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2009)














