Bachmann Preis: Kein klarer Favorit nach zwei Tagen

26.06.2009 | 17:29 |   (DiePresse.com)

Jens Petersen punktete mit seinem Text bei der Jury wohl am meisten, die Österreicherin Linda Stift fiel dagegen regelrecht durch. Mit den letzten vier Kandidaten findet das Wettlesen am Samstag seinen Abschluss.

Drucken Versenden
 
A A A
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Nach dem zweiten Tag des Wettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis im Klagenfurter ORF-Theater hat sich noch kein eindeutiger Favorit für den Hauptpreis herauskristallisiert. Von den fünf Autoren am Freitag punktete Jens Petersen mit seinem düsteren Text "Bis dass der Tod" bei der Jury wohl am meisten. Die österreichische Teilnehmerin Linda Stift fiel hingegen regelrecht durch. Für Abwechslung sorgte ein Disput zwischen Moderatorin Clarissa Stadler und dem Juryvorsitzenden Burkhard Spinnen.

Mehr zum Thema:

"Die Welt der schönen Dinge" von Linda Stift ist ein Text über illegale Einwanderer, die gegen Bezahlung von Schleppern in Lastwagen über die Grenzen geschmuggelt werden. Stift beschreibt minuziös die Fahrt im Laster, die Gefühle der Insassen, ihre Hoffnungen und Erwartungen. Endlich angekommen, werden sie umgehend wieder zurückgeschickt. Abgesehen von Karin Fleischanderl, die meinte, Stift gebe den Migranten mit diesem Text ihre Würde zurück, schlug der Autorin weitgehende Ablehnung entgegen. Ijoma Mangold ortete gar moralische Erpressung und "Verallgemeinerungskitsch". Andere Juroren machten auch formale Gründe geltend, wie etwa die angewendete Wir-Perspektive, so etwa Meike Feßmann. Spinnen bezeichnete den Text als quasi "Universal Refugee", der sämtliches Flüchtlingselend der Welt vereinen wolle, was nicht funktioniere.

Deutlicher Dissens statt einer Meinung

Petersens Text über eine Beziehung und ihr tragisches Ende kam deutlich besser an. Die Frau des Protagonisten ist durch eine schwere Erkrankung ein Pflegefall geworden. Er muss ihr Morphium spritzen, sie versorgen. Er hat das viele Jahre lang getan, am Ende erschießt er sie, den geplanten Selbstmord führt er nicht aus. Überraschend dabei: Es handelt sich um das letzte Kapitel des von Petersen geplanten Romans. Alain Claude Sulzer zeigte sich "sehr ergriffen und begeistert" von der Geschichte, auch Mangold und Fleischanderl spendeten viel Lob. Paul Jandl war weniger angetan, und Hildegard Keller ortete eine "göttliche Besoffenheit eines auktorialen Erzählers".

Als Clarissa Stadler diese Debatte abschließend zusammenfassen wollte und als Fazit verkündete, es gebe eine ziemlich einhellige Meinung, griff der Juryvorsitzende ein. Er habe deutlichen Dissens und divergierende Ansichten gehört, zudem sei es nicht Bestandteil des Wettbewerbes, nach der Debatte Noten zu vergeben. Worauf Stadler nach dem Text von Nachfolger Andreas Schäfer erklärte, sie verzichte nun auf ein Resümee.

Texte über den Tod und aus der Physik

Schäfer präsentierte ebenfalls einen Romanauszug, "Auszeit" befasst sich mit der Verzweiflung eines Piloten, der seinen Sohn durch einen Mord verloren hat und zwischenzeitlich zu trinken befand. Während Keller sehr angetan war, monierte etwa Fleischanderl, der Text sei "pannenfrei, aber auch spannungsfrei". Jandl fehlte an dem Text die "Tiefe".

Ralf Bönts Erzählung "Der Fotoeffekt" befasst sich mit Michael Faraday und Heinrich Hertz und deren Entdeckungen auf dem Gebiet der Elektrizität, Erzähler ist dabei ein "Phonon", ein Schallteilchen. Diesen Kunstgriff wertete Keller als "tollkühn", Jandl kritisierte hingegen sprachliche Inkohärenzen. Mangold und Feßmann spendeten dickes Lob.

Ambivalente Bewertungen gab es für den Schweizer Karl-Gustav Ruch für seine Erzählung "Hinter der Wand", die Szenen aus einem Mietshaus in Barcelona und die Geräusche der Bewohner beschreibt. Während Sulzer den Text zu langatmig fand, bezeichnete Mangold ihn gar als "ehrbare Trivialliteratur". Jandl ortete versteckte Ironie, es sei ein Text der Einsamkeit, fast eine "Kammeroper".

Preisvergabe am Sonntag

Das Wettlesen findet am Samstag seinen Abschluss mit Gregor Sander, Andrea Winkler, Katharina Born und Caterina Satanik. Am Sonntag ab 11 Uhr wird über die Preisvergabe diskutiert und abgestimmt.

(APA)

 
Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

Umfrage

  • Sind Sie für eine Frauen-Wehrpflicht in Österreich?
  • Ja.
  • Nein.
  • Ich bin prinzipiell gegen die Wehrpflicht.
  • Christian Kern: Die ersten 100 Tage

    Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) traf am Samstag die deutsche Kanzlerin, Angela Merkel. / Bild: APA/BKA/ANDY WENZELEine Schonfrist sind die ersten hundert Tage im Amt für einen Politiker schon längst nicht mehr. Wohl aber eine Gelegenheit, eine erste Bilanz zu ziehen.

  • Die Tücken der türkischen Invasion

    Die Offensive der türkischen Armee um die Grenzstadt Jarablus vom IS zu erobern, war erfolgreich. Doch nun stürzen sich die Türken dort auf den wahren Gegner: die Kurden.

  • Asyltreffen: Merkel kommt nach Wien

    Kanzler Kern traf seine deutsche Amtskollegin in Berlin - und verteidigte sie gegen Kritik seines Parteifreunds Doskozil. In der Türkei-Frage will Kern hart bleiben.

  • Hart an der Grenze

    Ein Jahr nach dem Kontrollverlust: Österreicher patrouillieren an der serbisch-ungarischen Grenze, der Flüchtlingsstrom ist abgeebbt. Zugleich berichten Migranten von Übergriffen durch Ungarns Polizei. Das Klima ist vergiftet.

  • Trump will als Präsident sofort illegale Einwanderer "entfernen"

    Grenzmauern, keine Sozialleistungen und Ausweisen nach Ende des Visums. Der US-Republikaner bekräftigt seine harte Politik gegen Ausländer.

  • Stöger: "Möchte Österreichern Slums ersparen"

    SP-Sozialminister Stöger sieht sich als "größten Pragmatiker, den es gibt". Im Interview verlangt er Ausgleichszahlungen bei der Mindestsicherung von Bundesländern, die Flüchtlinge vertreiben.




  • Rolando Villazón, auf Händen getragen

    Der mexikanische Publikumsliebling gab bei den Salzburger Festspielen einen Abend mit Liedern unter anderem von Verdi und Rossini, einfühlsam begleitet von Carrie-Ann Matheson.

  • Die 20 besten Filme seit der Jahrtausendwende

    Die BBC wollte wissen, welche die besten Filme aus jüngster Zeit sind und befragte 177 Filmkritiker. "Die Presse" stellt die Top 20 vor.

  • Ben Hur wird König des Kitsches

    Der Neuverfilmung des Filmklassikers von 1959 durch Timur Bekmambetow fehlt es in vieler Hinsicht an Format. Action wie in einem Videospiel.

  • Mord als Medienmarke

    Die Krimibranche boomt, weil Verbrechen fasziniert. Drei Crime-Magazine sind seit Sommer 2015 neu erschienen. Auch die „Krone“ will profitieren.

  • Wie man einen Literaturstar bändigt

    Cheryl Della Pietra war Assistentin von Hunter S. Thompson. In „Gonzo Girl“ schildert sie, wie sie für ihn kokste, trank und schießen lernte.

  • Wirklich hier ist nur das Klavier

    Roger Sellers ist aus Austin, Texas, er nennt sich Bayonne, wohl nach der französischen Stadt. Sein bereits 2014 erschienenes Debütalbum „Primitives“ kommt nun bei City Slang heraus.



  • „Der einsamste Job der Welt“

    In der dreiteiligen John-le-Carré-Verfilmung „The Night Manager“ (ab heute Abend in ORF eins zu sehen) glänzt der britische Schauspieler Tom Hiddleston („Thor“) einmal ohne Fantasykostüm.

  • Wenn der Saft den Wein verdrängt

    Ein 23-jähriger Koch und Student hat mit seinem Kollegen den alkoholfreien Speisebegleiter Raureif auf den Markt gebracht.

  • Die Paradeiserjagd

    Seit ich kochen kann, jage ich Paradeisern nach. Paradeisern, die nicht nach Gurken schmecken, nämlich. Bislang war der Erfolg stets nur vorübergehend.

  • Ein Zauber, der nie endet

    Spätsommer. Jetzt ist die Zeit, den Garten zu durchwandern und im Kopf den bevorstehenden Neubeginn zu planen. Die irisch-schottische Gärtnerin Helen Dillen macht es vor.

  • Irgendwo, nur ein einziges Mal: Die Kantine auf neuen Wegen

    Heute Abend wird in Wien wieder abgerissen – und dazu getanzt. Die Macher des Klubs Kantine lieben „das Flair des Vergänglichen“.

  • Côte d'Azur: Spirituelle Einkehr, kultureller Ausdruck

    Südfrankreich hatte auch schon vor dem Terror seine Schattenseiten. Einige nicht ganz gewöhnliche Vorschläge von Nizza ost- und westwärts.










  • Recruiting vom Fließband

    Arbeitsmarkt Ostösterreich. 58 Prozent der Arbeitslosen Österreichs finden sich in Wien, NÖ und dem Burgenland. Um die Vermittelbaren tobt ein heftiger Kampf. Um die anderen nicht.

  • Der holistische Marsianer

    Porträt. „Holistisch“ ist das Lieblingswort von Andreas Dialer. Wie der neue Mars-Austria-Chef sein Leben und seine Karriere anlegt, erzählt er der „Presse“ in seinem ersten Interview.

  • Karriere machen - Acht Experten gaben Tipps

    Der Club Alpbach Südtirol Alto Adige lud acht Experten ins Alpbachtal, um über ihre Karriere zu erzählen.

  • Schöner scheitern

    Wie Sie mit einer Bewerbungsabsage professionell umgehen. Und was Sie daraus lernen können.

Jobsuche




>> zur Detailsuche


  • Nur die pure Essenz

    Hausgeschichte. Wie baut man in Hanglage und an einer Hauptverkehrsader? Man fokussiert sich auf Seeblick und Weinweisheit: „In vino veritas“ lässt schräge, aber keine faulen Kompromisse zu.

  • Es darf auch etwas komfortabler sein

    Studentisches Wohnen. Vor Semesterbeginn raufen sich die Studenten wieder um günstigen Wohnraum. Einige neue Wohnheime haben im Vorjahr für etwas Entspannung auf dem Markt gesorgt, bald kommen weitere hinzu.

  • Nichts vorgaukeln, aber zeigen, was möglich ist

    Home Staging. In vielen Ländern längst Standard, in Österreich immer noch selten.

  • Signa und ARE kaufen Forum Donaustadt

    Der Baubeginn für das Entwicklungsprojekt im Wiener Stadtteil Kagran ist für Ende 2017 anvisiert.



AnmeldenAnmelden