Ein Vulkanausbruch an der Höhlenwand?

Felsmalereien in der Höhle von Chauvet könnten die welthistorisch erste Dokumentation einer Eruption sein.

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(c) Nomade et al./ PLOSONE

Die Augen gehen einem über angesichts dessen, was die Künstler in der Steinzeit auf Höhlenwände zauberten, im höchst trüben Licht und Qualm von Kienspänen: Es waren vor allem Tiere, eine ganze Menagerie von Mammuts abwärts über Riesenhirsche und Pferde, die meisten haben nur auf den Wänden überlebt, in der Natur wurden sie ausgerottet. Aber auf den Wänden sind sie noch, etwa in der Höhle von Chauvet Pont-d'Arc in der französischen Ardèche. Diese wurde erst 1994 entdeckt, sie ist nicht allgemein zugänglich, ihre Schätze wurden aber doch bekannter als die vieler anderer Höhlen, durch Werner Herzogs Film „Die Höhle der vergessenen Träume“.

 

Höhle der Träume oder der Albträume?

Vielleicht waren es eher Albträume: Die 37.000 Jahre alten Felsbilder zeigen vor allem „gefährliche Tiere“, Höhlenbären, Wollnashörner, sie sind selten in der Ikonografie der Höhlenmaler. Aber es gibt in Chauvet auch weniger Bedrohliches, Riesenhirsche etwa, groß wie heutige Elche. Einer ist mit Holzkohle auf die Wand gemalt, vor einem Hintergrund mit einem eigenartigen Muster, es sieht aus wie eine Fontäne. Dieses Muster taucht auch anderswo in der Höhle auf, es stach Sébastien Nomade (Gif-Sur-Yvette) ins Auge.

Er ist Geologe und fühlte sich an ganz besondere Fontänen erinnert, an die von Vulkanen vom Typ des Stromboli, der periodisch Lava 200 Meter hoch in den Himmel spuckt. Vulkane gab es in der Region, gar nicht weit weg, 35 Kilometer, in Bas-Vivarais. Sie sind alt und längst erloschen, man weiß nicht, wann sie zuletzt aktiv waren. Deshalb hat Nomade Gesteinsproben gezogen und datiert, an ihrem Argon: Vor 36.000 Jahren (plus/minus 10.000) waren sie aktiv. Und vor ebenfalls 36.000 Jahren kam der Riesenhirsch auf die Wand, ihn kann man aus der Holzkohle datieren: „Die Fontänen könnten die älteste Darstellung eines Vulkanausbruchs sein“, schließt Nomade (PLoS One 8. 1.). Der bisherige Rekordhalter wurde vor 9000 Jahren im anatolischen Çatalhöyük in Stein graviert, und die erste ausführliche Beschreibung lieferte gar erst Plinius der Jüngere beim Ausbruch des Vesuv anno 79.

Ein Vulkanausbruch auf einer Höhlenwand? Es wäre einzigartig: Die Künstler hatten zwar einen wachen Blick auf die belebte Natur, ihr Hintergrund aber, die Szenerie, kommt so gut wie nie vor, auch Schrecken der Natur wie Gewitter wurden nicht auf Wände gebannt. Entweder war irgendetwas besonders mit Chauvet – das Feuer in der Luft würde zu den „gefährlichen Tieren“ passen –, oder Nomaden ist dort erstmals etwas aufgefallen, worauf man früher und andernorts nicht geschaut hat und es nun nachholen sollte. Oder es ist eben kein Vulkan.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2016)

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