Zu den Schlüsselmomenten der Evolution gehörte der, in dem die Vierfüßler (Tetrapoden) aus dem Wasser an Land stiegen: Aus ihnen wurden fast alle Wirbeltiere des Landes, von Amphibien bis Säuger; auch die Schlangen gehören dazu, bei ihnen bildeten sich die Extremitäten wieder zurück. Um so vernehmlicher war das Aufatmen, als vor vier Jahren der Ahn gefunden war: Tiktaalit, ein zwei Meter langes Mischwesen aus Fisch und Tetrapod, das eine Rückenflosse hatte, aber sonst aussah wie ein Krokodil und Arm/Fußgelenke hatte (noch keine Zehen). Dieses Tier lebte vor 375 Millionen Jahren im heutigen Alaska, damals lag das am Äquator (Nature, 440, S.764).
Der Fund wurde rasch mit dem des Archaeopteryx verglichen; das könnte sich ironisch bewahrheiten: Bei Archaeopteryx ist man nicht mehr sicher, ob er wirklich der Urvogel war. Und nun wird Tiktaalit entthront: Vor 397 Millionen Jahren stapfte jemand durch eine Lagune an der Küste des heutigen Polen, auch das lag damals am Äquator. Von diesem Tier sind zwar keine Fossilien erhalten, wohl aber Fußspuren; sie zeigen, dass es um die zwei Meter groß wurde. Aber es hatte schon, was Tiktaalit noch nicht hatte: Zehen. Und es ist eben über 20 Millionen Jahre älter.
Damit verschiebt sich der Ursprung der Tetrapoden weit: Fische steigen nicht so einfach an Land, erst muss ihr ganzer Körper umgebaut werden, von der Atmung über das Skelett, auf dem an Land alles lastet. Viele Anpassungen mussten vor dem ersten Schritt da sein – zu anderen Zwecken entwickelt, aber nun nützlich – das brauchte Millionen Jahre.
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„Diese Spuren aus dem frühen Devon erzwingen eine radikale Neueinschätzung des Zeitpunkts und der Ökologie des Übergangs von Fischen zu Tetrapoden“, erklären die Forscher um Per Ahlberg (Uppsala University), die den Fund gemacht haben bzw. die Funde; es sind Dutzende versteinerter Fußspuren, darunter durchgehende und vereinzelte, im tieferen Wasser: Die Tiere sind vermutlich in der flachen Lagune gepaddelt und haben sich zunächst ab und zu mit einem Fuß abgestützt, bevor sie ein Stück auf den von der Ebbe freigelegten Strand gekrabbelt sind und sich dort nach angeschwemmtem Fressbaren umgesehen haben.
Das ist das von der Ökologie/Lebensweise her Neue: Bisher vermutete man, die „tetrapodomorphen“ Fische seien in Flussdeltas aus dem Wasser gestiegen, um neue Beute zu erschließen: Insekten. Aber dazu hätten sie gleich auch Jagdweise und Ernährungsapparat umstellen müssen. In Lagunen mit angeschwemmtem Futter hätten sie allmählich umstellen können (Nature, 463, S.43).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2010)














