Was Tiere und Pflanzen angeht, hat Madagaskar eine der seltsamsten Gesellschaften der Erde: Es gibt sehr wenige Ordnungen, aber die haben sich zu extremer Artenvielfalt ausdifferenziert, nirgends auf der Erde gibt es etwa so viele verschiedene Chamäleons (aber keine Salamander), und nirgendwo sonst überhaupt gibt es Lemuren (aber keine „echten“ Affen). Sie alle haben sich auf der Insel, die sich vor 120Millionen Jahren von Afrika verabschiedet hat und seitdem durch den 430Kilometer breiten „Mozambique-Kanal“ vom Kontinent getrennt ist, auf ganz eigenen Wegen entwickelt.
Aber wie kamen sie hin, die Lemuren etwa und die anderen (nur) drei Säugetierordnungen? Vor 120Millionen Jahre gab es sie noch lange nicht, sie müssen später einen Weg gefunden haben. Man weiß auch wann: Die Lemuren kamen vor 50 bis 60Millionen Jahren; zehn bis 30Millionen Jahren später kamen die Tenreks (igel- und mausähnliche Tiere), vor 20Millionen Jahren endlich Nager und Raubtiere. Dann kam niemand mehr, außer dem Zwergflusspferd, aber das kann schwimmen.
Wie schafften es die anderen? Eine Hypothese vermutet eine zeitweise Landverbindung mit Afrika (und/oder gar Indien). Aber die Verteilung der Erdplatten spricht dagegen, zwischen Afrika und Madagaskar ragte nie etwas aus dem Meer.
Elefanten schafften den Weg nicht
Deshalb setzt die Gegenhypothese auf den Seeweg: Der würde erklären, warum nur so wenige Ordnungen kamen, zu ihm würde auch passen, dass alle Tiere Madagaskars klein sind, Elefanten oder Löwen schafften den Weg nicht. Aber der ist nicht nur weit, er führt auch in die gerade Gegenrichtung: Sowohl die Meeresströmungen wie die Winde gehen von Ost nach West, von Madagaskar nach Afrika.
Heute. Früher war alles ganz anders, zumindest in den Simulationen, mit denen Paläoklimatologe Matthew Huber (Purdue) die alten Zeiten nachgespielt hat: In den letzten 60Millionen Jahren sind etwa Australien und Indien nach Norden gewandert (2.200 bzw. 4.000 Kilometer), Afrika und Madagaskar hingegen rückten um 1.650km näher zum Äquator. Zugleich kamen und gingen Meeresströmungen, zwischen Südamerika und der Antarktis tat sich eine Lücke auf, zwischen Nord- und Südamerika schloss sich eine, der Isthmus von Panama.
Dadurch herrschten zur Zeit der Einwanderungen umgekehrte Strömungsverhältnisse. Wer in Afrika ins Meer fiel, konnte nach Madagaskar driften, sofern er ein Floß fand, einen Baum etwa, und sofern er zäh und klein genug war: 25 bis 30Tage dauerte die Reise ohne Wasser, große Tiere hätte nicht überlebt. Auch kleinen gelang es selten: Jede Ordnung kam nur einmal (Nature, 20.1.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2010)














