Der riesige Brocken, der vor 65 Millionen Jahren bei Yucatan in die Erde bzw. das Meer fuhr – er hatte zwölf Kilometer Durchmesser, kam mit 20 Kilometer pro Sekunde und setzte eine Milliarde Mal so viel Energie frei wie die Bombe von Hiroshima –, muss von Süden gekommen sein. Das ist das jüngste Detail in der unendlichen Geschichte des Massensterbens, das die Kreidezeit beendete und mit ihr die Herrschaft der Saurier.
Lange galten Vulkane als Ursache, dann, vor 30 Jahren, fanden Vater und Sohn Alvarez, ein Physiker und ein Geologe, in Italien etwas, was vor 65 Millionen Jahren in die Erde geraten war, viel Iridium. Das ist auf der Erde selten, in Asteroiden häufig, es musste von einem Einschlag stammen, einem „giant impact“. Die Hypothese fand wenig Gehör, man kannte keinen passenden Krater. Dessen Spur fand sich 1985 in Texas: Vor 65 Millionen Jahren wütete ein Tsunami, er war aus der Karibik gekommen. Und dort, an der Küste Yucatans, fanden Erdöl-Bohrer Anfang der 90er-Jahre den Krater, Chicxulub, 180 Kilometer Durchmesser, 30 Kilometer Tiefe.
Gegenhypothese: Vulkane
Nun setzte sich der „giant impact“ durch, fast alle teilen die Hypothese. Aber manche stören den Frieden, vor allem Gerta Keller (Princeton) trägt seit Jahren zusammen, was gegen den „giant impact“ spricht. Das liegt in den Sedimenten beim Einschlagsort, sie zeigen ein anderes Bild: Chicxulub kam 300.000 Jahre vor dem Iridium und dem Massensterben. Keller vermutet einen zweiten Einschlag und, vor allem, wieder Vulkane: 600.000 Jahre vor dem Massensterben öffnete sich in Indien (Deccan) die Erde und spie und spie, neben kochendem Gestein SO2 und CO2. Ersteres brachte sauren Regen und schattete die Erde ab, aber auf Dauer wurde es doch wärmer, die CO2-Wirkung überwog. Diese Vulkane waren noch während des Massensterbens aktiv.
Das wiederholt Keller bei jeder Gelegenheit, nun liegen die Nerven so blank, dass das Imperium zurückschlägt: 41 Experten – unter ihnen Christian Köberl, Uni Wien und bald Direktor des Naturhistorischen Museums – mustern noch einmal alles durch und schließen, „dass der impact von Chicxulub das Massensterben auslöste“ (Science, 327, S.1214). Und die 300.000 Jahre älteren Zeichen in Chicxulub-Sedimenten? „Wenn man die Sequenz der Ereignisse entwirren will, ist der letzte Ort der Erde, auf den man schauen sollte, der beim impact, wo die Sedimente am stärksten durcheinandergebracht wurden“, erklären die Forscher und suchen einen klareren Blick aus der Distanz: Die Iridium-Anomalie gibt es rund um die Erde, und das Auswurfmaterial nimmt mit der Entfernung von Chicxulub stetig ab.
Auch die Aussterbemuster passen dazu, am stärksten litt Nordamerika. Aber es gibt ein neues Rätsel, Timothy Bralower (Penns) hat es bemerkt: Nicht nur die großen Saurier auf dem Land verschwanden, sondern auch das winzige Plankton in den Meeren, 93Prozent der Arten gingen. Aber in den nördlichen Meeren gingen viel mehr als in den südlichen, im Norden brauchten die Überlebenden auch viel länger zur Erholung. Für Bralower gibt es nur eine Erklärung: Schwermetalle. Der impact muss sie nach Norden geschleudert haben, also muss er von Süden gekommen sein (Nature Geoscience, 1.3.).
Das findet nicht nur Anklang: „Die Ozeane sind ein einziger“, kritisiert Steven D'Hondt (Rhodes Island): Nach tausend Jahren hätten sich die Schwermetalle verteilt, auch in den Süden (Naturenews, 28.2.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2010)













