Die Evolution ist (auch) eine Geschichte der Katastrophen: Zerstörerische Ereignisse, wie sie für die Geologen oft die Grenze zwischen zwei Erdzeitaltern markieren, haben mehrmals einen beträchtlichen Teil der Arten ausgelöscht – und dadurch den wenigen Davongekommenen Chancen eröffnet, die sie sonst nicht gehabt hätten. Man denke nur an die Kreide-Tertiär-Grenze: Der Einschlag eines Meteoriten vor 65Millionen Jahren brachte unmittelbar oder mittelbar das Ende der Dinosaurier. Erst dadurch konnten die bisher von den Riesenechsen klein und lichtscheu gehaltenen Säugetiere sich in neue Nischen ausbreiten und – im Fall des Menschen – die Erde erobern.
Welche Katastrophe vor 359 Millionen Jahren das Devon beendete und das Karbon eröffnete, wissen wir nicht, vielleicht spielte Gletscherbildung eine Rolle, vielleicht die Veränderung der Atmosphäre durch Entstehung der ersten Wälder. Egal welche Katastrophe, sie hat die Evolution gelenkt. „Alles war betroffen, die Ausrottung war global“, sagt Lauren Sallan von der University of Chicago: „Sie hat die Vielfalt der Wirbeltiere in jeder Umwelt, im Süßwasser und im Meer, verringert und eine komplett andere Welt geschaffen.“ „Es ist, als ob die Rollen gleich geblieben, aber die Schauspieler ausgetauscht worden wären“, ergänzt Michael Coates, der mit Sallan die Daten von über 1250Arten ausgewertet hat (Pnas, 17.5.)
Vorher Fleisch-, nachher Strahlenflosser
Welche Schauspieler? Fische. Im Devon beherrschten Fleischflosser die Gewässer, von dieser Klasse gibt es heute nur mehr die Lungenfische und die Quastenflosser – als lebende Fossilien berühmt. Im Karbon setzten sich die Strahlenflosser durch, zu denen fast alle heutigen Knochenfische gehören.
Vor zirka 359Millionen Jahren ausgestorben sind auch die Stachelhaie (Acanthodii, mit den Haien nicht näher verwandt) und die riesigen, gepanzerten Plattenhäuter (Placodermi); dafür wurde Platz frei für Knorpelfische, etwa Haie. Und für Tetrapoden, Vierfüßer, die Vorfahren aller Landwirbeltiere. Sie (und damit wir) stammen von Fleischflossern ab.
Schon im Devon hatten einzelne Fischarten sich aufs Land gewagt, etwa der 2006 entdeckte Tiktaalik, vor 375Millionen Jahren. Doch aus der Zeit zwischen 360 und 345Millionen Jahren kennt man keine entsprechenden Fossilien, die Paläontologen sprechen von der Romer-Lücke: Es ist, als ob die Geschichte der Besiedelung des festen Landes eine Pause gemacht hätte.
Sie hat tatsächlich eine Pause gemacht, meinen nun Coates und Sallan: Offenbar sind die frühen Landpioniere alle der Ende-Devon-Katastrophe zum Opfer gefallen, und es dauerte eben Jahrmillionen, bis sich neue Fleischflosser entwickelten, deren Flossen bereit für die Landnahme waren.