Große Ideen räumlich denken

Mit »Enabling Spaces« soll die Innovationskraft von Organisationen gesteigert werden. Doch bevor die Kreativität eine neue räumliche Schale bekommen kann, muss man tief nach dem Kern der Dinge graben.

Kaffeetrinken allein macht nicht kreativ. Obwohl: Die Finnen scheinen es trotzdem mit allen Mitteln zu versuchen. So viel wie sie, trinkt niemand – behaupten sie selbst. „Kafis“ heißt einer der Orte, an dem diese Sitte gepflegt wird, an der Aalto-Universität in Espoo. Dort sitzen Studenten und Professoren auf gleicher Höhe zusammen. Kaffee wird hier gekocht. Und Ideen werden ausgebrütet. Nicht weit davon liegt ein Raum, den man vielleicht früher unter „Hörsaal“ gekannt hätte. Damit hat er heute nichts mehr zu tun. Der Saal ist fast leer, in den Ecken stapeln sich Stühle, Tische, Matten, Elemente, mit denen sich jede Gruppe den Raum konfigurieren kann, wie sie will.

Die Gestalter des „Design-Labs“ an der Aalto-Universität haben versucht, was die Wiener Innovationsagentur „The Living Core“ seit sechs Jahren versucht: Innovationen wahrscheinlicher zu machen. „Enabling Spaces“ heißt das Konzept, das Mitgründer Thomas Fundneider gemeinsam mit Markus Peschl gerne auf den Tisch legt. Am Anfang des „Change“-Prozesses von Unternehmen und Organisationen stehen qualitative Interviews, wie Fundneider erzählt. Mit ihrer Hilfe schaufeln sie die Kernprozesse wieder frei, die Gewohnheit und Betriebsblindheit längst verschüttet haben. Dazu kommt intensive Beobachtung der Unternehmenskultur und der Kommunikationsstrukturen. Daraus leiten sich „Design-Patterns“ ab, die als Grundlage dienen für jene, die schließlich die Räume gestalten – Architekten und Designer. Und das funktioniert in jeder Dimension: vom Messestand über Büroarchitektur und Universitäten bis hin zu jenen Räumen, die zwischen den Häusern liegen – in ganzen Stadtvierteln.

Innovationen folgen keinem Plan. Obwohl die meisten Manager noch immer daran glauben, wie auch daran, sie ihrem Unternehmen als Allheilmitteln verschreiben zu können. Doch für die „Enabling Spaces“ gibt es eine Anleitung, selbst wenn sie für jede individuelle Aufgabe eine andere sein muss. Das Ziel seien in jedem Fall „radikale Innovationen“, erzählt Fundneider, „Dienstleistungen und Geschäftsmodelle, die gänzlich neu aufgesetzt werden“. Nicht halbherzige Innovationsabteilungen, die man sich wie eine Kantine oder Werbeabteilung als Zusatzmodul leistet. Die Innovation müsse aus dem Kern des Unternehmens wachsen, meint Peschl. „Dieser muss immer die Quelle und der Treiber sein.“ Dort im Kern schlummern oft „hoch fragile, unsichtbare Dinge“, die man vor allem in der Eigenwahrnehmung gerne übersieht.

„Wir verfolgen bei unserer Arbeit auch einen partizipativen Ansatz“, sagt Fundneider. Im Gespräch mit einer Bibliothekarin wurde etwa plötzlich klar, wie die neue Bibliothek der Zeppelin-Privatuniversität in Friedrichshafen aussehen müsste. Durch den ganzen Neubau soll sie sich ziehen und ganz unterschiedliche Räume für unterschiedliche Nutzergruppen bieten. Denn die Studierenden, je nachdem, was sie tun, haben ganz unterschiedliche Lärmtoleranzen. Was fehlte im Neubaukonzept waren obendrein Projekträume, die sich Projektgruppen so richten, wie sie es brauchen. Dazwischen sollten auch Literatur und Bildhauerei ihre räumlichen Nischen finden. Schließlich sieht sich die Universität am Schnittpunkt zwischen Kultur, Politik und Wirtschaft. Zurzeit arbeiten Fundneider und Peschl an größerem Dingen: einem „Creative Settlement“, das sich ein russischer Unternehmer in den Kopf gesetzt hat. Auf einer Fläche von 20 Hektar unweit von Moskau.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2012)

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