Wie wäre es mit einer Entschuldigung?

Leitartikel Österreich hat seinen ersten prominenten #Metoo-Fall. Peter Pilz geht – und zwar zu Recht. Beifall soll man ihm bitte nicht zollen. Trotzdem hat er Maßstäbe für andere gesetzt.

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Peter Pilz – (c) Clemens Fabry (Presse)

Wenn Pilz das Wort Entschuldigung benutzt hat, dann war es nicht sehr laut zu hören. Vielmehr gab Pilz bei seinem letzten Auftritt das erste Opfer – von rachsüchtigen Grünen und einer karrieregeilen Mitarbeiterin – und inszenierte sich dann als Saubermann. Einer, der so streng zu sich ist, dass er sogar wegen eines Vorfalls geht, an den er sich nicht erinnern kann, einer, der maximal missverstanden wurde – wie es den „ älteren – gerade noch – mächtigen Männern“ eben passiert. Wenn Pilz diesen rät, sie müssten bedenken, wie ihre Handlungen bei Schwächeren, oft Frauen, ankämen, klingt das nach Einsicht. Heißt aber: Alles subjektiv, halt eine Frage der Empfindlichkeit.

Angesichts der plastischen Vorwürfe ist der einstige Chefankläger da zu sich allzu milde. Konkret sind es zwei. Laut „Falter“ hat Pilz 2013 beim Europäischen Forum Alpbach eine Frau aggressiv begrapscht. Pilz selbst will sich daran nicht erinnern. Davor berichtete „Die Presse“ vom Vorwurf, dass er eine Mitarbeiterin in seiner Funktion als gewählter Volksvertreter beharrlich belästigt haben soll. Detailliert dokumentiert wurde das bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft, laut Grünen liegen Beweise vor. Pilz bestreitet das. Weil die Frau – wie so viele in ähnlicher Lage – kein Verfahren wollte, konnten die Vorwürfe gerichtlich nicht geklärt werden. Das ist ärgerlich, aber aus ihrer Sicht nicht gänzlich unverständlich. Ein Prozess gegen Peter Pilz ist kein Zuckerschlecken.

Auch die Grünen haben auf Wunsch der Frau die Sache nicht aktiv öffentlich gemacht – weder im Wahlkampf noch jetzt (auch wenn die Implosion der Liste Pilz wohl kein unwillkommener Nebeneffekt ist). Denn wie Pilz auch richtig anmerkte, bringt all das auch die Grünen in ein strategisches Dilemma. Kannte man die Vorwürfe und hielt sie für wahr, warum versuchte man dann, Pilz zu halten und sogar zu einem Vorzugsstimmenwahlkampf zu bewegen? Und wenn nun plötzlich kryptische #Metoo-Postings von Grün-Politikerinnen auf Twitter aufpoppen, hat das auch einen seltsamen Beigeschmack. Denn das kommt etwas spät.

Wobei: Wenn es da etwas zu sagen gibt, sollte man das spät, aber doch offen tun – und sich nicht länger hinter Gerüchten verstecken.

Bitte kein Schade-Chor. Apropos Nägel mit Köpfen machen: Pilz hat – beabsichtigt oder nicht – so etwas wie einen Präzedenzfall geschaffen. Wer sexuell belästigt, wird künftig gehen müssen – und zwar nicht nur Ex-Grüne, die sich selbst zum Programm gemacht haben. Und das ist gut so, denn nur wenn die Folgen unangenehm genug sind, ändert sich lang toleriertes Verhalten. Wir alle, egal, ob Täter oder Opfer, stellen Kosten-Nutzen-Analysen an. Bislang war bei sexueller Belästigung das Risiko unfair verteilt: Die Opfer schwiegen aus Angst vor den Reaktionen meist peinlich berührt. Die Täter konnten sich darauf verlassen.

Und da wir sozusagen gerade bei den Verdiensten von Pilz sind. Ein Schade-Schade-Chor zum Rückzug ist unangebracht: Ja, Pilz war politisch wichtig und hatte große Erfolge. Aber, nein, Talent ist keine Entschuldigung. Weder in Hollywood noch in Wien.

E-Mails an: ulrike.weiser@ diepresse.com

("Presse am Sonntag", Print-Ausgabe, 05.11.2017)

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