Der Geist von Alpbach: Wie alles begann

Vor 72 Jahren, exakt am 25. August 1945, trafen in der Tiroler Gemeinde Alpbach erstmals Wissenschaftler und Studierende zusammen, um gemeinsam den „Geist von Europa“ zu suchen, zu diskutieren und über die Grenzen zu tragen. Waren es anfangs gerade an die 80 Vortragende und Zuhöhrer, so wuchs das Forum im Laufe der Jahre zu einer Veranstaltung mit rund 4500 Teilnehmern an. Ein Rückblick.

(von Hellin Jankowski)

(c) Europäisches Forum Alpbach

Die Idee zu den „Internationalen Hochschulwochen“ in Alpbach kam dem Wiener Studenten Otto Molden sowie dem Tiroler Dozenten der Philosophie Simon Moser. In die Tat setzten sie ihr Vorhaben im Sommer 1945 um – konkret fand die erste Veranstaltung von 25. August bis 10 September statt. Eingeladen waren Interessenten aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz, den USA und Österreich.

(Bild: Robert Muth, 1945 in Alpbach) (c) Europäisches Forum Alpbach

Der Ablauf beruhte auf Improvisation: Die Teilnehmer wurden zu sieben Arbeitskreisen zusammengefasst, in denen sie über Themen der Philosophie, über Staat und Recht, Antike und Gegenwart, moderne Literatur, neuere Geschichte und Kunst diskutierten.

(Bild: Arbeitsgemeinschaft Arnold Herdliczka, 1946)(c) Europäisches Forum Alpbach

1949 wurden die Hochschulwochen in „Europäisches Forum“ umbenannt – damit einher ging auch eine Verlagerung des Fokus der Veranstaltung: War zunächst die Diskussion zwischen Wissenschaftlern zentral, wurden alsbald zusätzliche Programmpunkte im „Dorf der Denker“ ergänzt. So etablierten sich etwa die „Europäischen Gespräche“, an denen vor allem Vertreter der Politik, Wirtschaft und des Kulturbereichs beteiligt waren.

(Bild: Fritz Hansen-Loeve und Gertrud Pfaundler, 1955)(c) Europäisches Forum Alpbach

Einen weiteren Schub in Richtung Vermittlung zwischen Wissenschaft und Praxis brachte die Reduzierung der Einzelvorträge sowie der Einbezug der heimischen Universitäten. Unter ihrer Schirmherrschaft wurden „College-Gemeinschaften“ gegründet, in denen Studenten und Professoren auch über das Jahr hinweg Debatten pflegten. Der erste derartige Zusammenschluss ergab sich 1946 an der Universität in Innsbruck.

(Bild: Tischtennis, 1948)(c) Europäisches Forum Alpbach

Bald folgten Linz und Wien dem Beispiel – vor allem in der Bundeshauptstadt erlangte der sogenannte „Kraft Kreis“ Bedeutung, dem von 1949 bis 1953 der Philosoph Viktor Kraft vorstand - ein Mitglied des „Wiener Kreises“ der 1930er-Jahre. In der Gemeinschaft auf sich aufmerksam machte auch der Philosoph Paul Feyerabend, der später unter anderem in Berlin und Zürich lehrte und sich als Kritiker der Wissenschaftstheorie einen Namen machte.

(Bild: Arbeitsgemeinschaft, 1968)(c) Europäisches Forum Alpbach

Im Laufe der Jahre fanden sich weitere (frühere oder spätere) Berühmtheiten in dem 2600-Seelen Dorf ein: So debattierten der Psychiater Viktor von Weizsäcker mit dem Philosophen Herbert Marcuse, während sich Philosoph Ernst Bloch und Physiker Werner Heisenberg die Hände schütteln konnten. Auch die Philosophen Karl Popper und Theodor W. Adorno gaben sich die Ehre, ebenso wie der Soziologe Theodor Geiger.

2014 wird die Liste der prominenten Redner um EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton, den ehemaligen WTO-Chef Pascal Lamy und den Verhüllungskünstler Christo erweitert.(c) Europäisches Forum Alpbach

Bis 1994 schafften es zudem neun Nobelpreisträger in das versteckte Bergdorf: James Buchanan (Wirtschaftswissenschaften), Ernest B. Chain (Physiologie und Medizin), Renato Dulbecco (Medizin), Sir John Eccles (Physiologie und Medizin), Manfred Eigen (Chemie), Friedrich A. Von Hayek (Wirtschaftswissenschaften), Werner K. Heisenberg (Physik), Konrad Lorenz (Physiologie und Medizin) sowie Erwin Schrödinger (Physik, Bild).(c) Europäisches Forum Alpbach

Während Molden Präsident des Vereins „Österreichisches College“ wurde, der als Trägerorganisation der Alpbacher Veranstaltung fungierte, wurde Moser dessen Vize. Einig waren sich die beiden jedoch längst nicht in allen Punkten – begonnen bei der Grundidee ihrer Tagung. So forderte Molden „den Einsatz des ganzen Menschen“. Er wollte all jene zusammenbringen, die sich den Prinzipien der „Geistigkeit, Lebendigkeit, Universalität und Toleranz“ verschrieben hatten und frei von Vorurteilen jeder Art handelten. Mosers Ziel war demgegenüber eine Erneuerung auf dem Gebiet der Universitäten.

(Bild: Interview Simon Moser und Herbert Bozas von ''Radio Tirol'', 1945)(c) Europäisches Forum Alpbach

Bis 1992 stand Molden – mit einer Unterbrechung von 1960 bis 1971 – dem College vor, und beobachtete damit aus erster Reihe die zunehmende Beliebtheit der Veranstaltung: Schon zu Beginn der 1950er-Jahre war sie zum „jährlichen Mittelpunkt übernationaler und interfakultativer intellektueller Auseinandersetzung auf höchstem Niveau“ geworden, wie Alexander Auer in seinem Sammelband „Das Forum Alpbach“ festhält.

(Bild: Teilnehmer des Forums, 1968)(c) Europäisches Forum Alpbach

Nach Moldens Abschied, übernahm der damalige österreichische Botschafter in den Niederlanden, Heinrich Pfusterschmid-Hardtenstein, dessen Amt. Der gebürtige Steirer war schon als Student im Jahr 1947 bei dem Forum dabei gewesen. Moser hielt es kürzer in seiner Position: Nach einer Berufung als ordentlicher Professor an die Universität Karlsruhe blieb er bis 1974 Vizepräsident und wissenschaftlicher Leiter des College.

(Bild: Sherpa Pasang Dawa Lama mit Frau, 1955)(c) Europäisches Forum Alpbach

Heute ist das Präsidium des Forums fünfköpfig: Als Präsident fungiert der frühere EU-Kommissar Franz Fischler (Bild), den Posten seines Vizes teilen sich Ex-Innenminister Caspar Einem, die Professorin Sonja Puntscher-Riekmann, Nationalbank-Präsident Claus Raidl und Ursula Schmidt-Erfurth, die der Universitätsklinik für Augenheilkunde vorsteht.EPA
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