Entwicklungshilfe: Prothesen aus dem 3D-Drucker

Im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien entsteht gerade ein Fab Lab: Kriegsverletzte Flüchtlinge können sich ihre Prothesen dort selbst bauen.

Kilian Kleinschmidt
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Kilian Kleinschmidt
(c) Katharina Roßboth

Fragt man Kilian Kleinschmidt, dann ist Zaatari kein Flüchtlingslager, sondern eine Flüchtlingsstadt. Im Norden von Jordanien und nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt gelegen, ist es eines der größten Flüchtlingslager der Welt: Rund 80.000 Menschen leben derzeit dort, zwischenzeitlich waren es schon über 200.000. Kleinschmidt war bis Oktober letzten Jahres so etwas wie der Bürgermeister dieser Stadt. Während seiner „Amtszeit“ als Manager entwickelte sich das chaotische UN-Lager, in dem eine Mafia die Kontrolle hatte und Schmuggel und Schattenwirtschaft florierten, zu einer Stadt mit Geschäftsstraßen, Restaurants und unterschiedlichen Nachbarschaften.

Jetzt soll Zaatari als erstes Flüchtlingslager der Welt auch ein Fab Lab bekommen, eine offene Werkstätte mit modernen Geräten wie 3D-Druckern und Laser-Cuttern, die jeder mitbenutzen kann. In Westeuropa und Amerika werden Fab Labs gerne von Künstlern, Technikern und Startups genutzt, die sich ihre Prototypen so einzeln und unkompliziert anfertigen können. In Krisenregionen könnten solche Labors helfen, existenziellere Probleme zu lösen: Insgesamt 200.000 Syrer haben im Krieg Gliedmaßen verloren. In Fab Labs könnten sie nach kurzer Einschulung mit 3D-Druckern quasi auf Knopfdruck Prothesen fabrizieren – was vor allem für Kinder spannend ist, die ihre Prothesen aufgrund des Wachstums ständig erneuern müssen.

„Refugee Open Ware“ (ROW) nennt sich das Projekt, das dies ermöglichen will. „Wir sind noch in der Pilotphase“, sagt Kleinschmidt. Er lebt seit seinem Abschied als Manager von Zaatari in Wien und hat hier die „Innovation and Planning Agency“ gegründet, einen gemeinnützigen Verein, der Initiativen wie ROW miteinander vernetzt und als „Katalysator“ unterstützt. Bis jetzt wurde vor allem getestet, Techniker mussten ausgebildet und Unterstützer gefunden werden. Einen prominenten fand man in Abdullah II, dem König von Jordanien: Der sei ein „Technologie-Geek“, und dass neben dem Fab Lab in Zaatari auch ein Innovations-center und ein Gesundheits-Innovationslabor in Amman entstehen sollen, käme auch dem Land selbst zugute, so Kleinschmidt. Dank des Königs Hilfe würden gerade die Genehmigungen für das Fab Lab in Zaatari erteilt, Ende des Jahres soll die „Do-it-yourself-Fabrik“ dann stehen.

Flüchtlinge als Ressource

In informellen Schulungen sollen die Bewohner des Flüchtlingslagers dann an die digitalen Produktionsmittel herangeführt werden, damit sie selbst herstellen können, „was sie eben so brauchen“: Das können elektronische Teile, Elemente für den Hausbau, Haushaltsgeräte und Kommunikationssysteme genau so sein wie eben Prothesen. Für Kleinschmidt, der 25 Jahre lang in der Entwicklungshilfe arbeitete und u.?a. im Sudan, Kongo, in Kenia, im Kosovo und in Pakistan im Einsatz war, bedeutet das Projekt eine Revolution: „Die Technologie des 21.?Jahrhunderts gehört nicht mehr nur den reichen Kids aus Europa und Amerika.“ Und er erzählt von einem jungen Syrer, der in der Pilotphase des Projekts als Techniker eingeschult wurde: Im Krieg hatte er ein Bein verloren, sein bester Freund musste ihn über die jordanische Grenze tragen. „Mithilfe von 3D-Technologien kann er sich seine Prothesen jetzt selbst herstellen.“

Dass das funktioniert, ist vor allem dem großen Open-Source-Netzwerk geschuldet, das hinter der Fab-Lab-Bewegung steht. „Da sitzen tausende Menschen in allen Ländern“, erklärt Kleinschmidt. „Man trägt ein Problem in die Datenbank ein und irgendwo sagt jemand: Ich mach's!“ So habe etwa ein freier Designer in Amsterdam eine Prothese entwickelt, die dann in Amman praktisch nur noch ausgedruckt werden musste. Dabei käme es aber auch zu kulturellen Schwierigkeiten: Die roboterähnlichen Handprothesen, die dabei meist entworfen werden, würden von den Menschen im Nahen Osten nur schwer akzeptiert werden, sie seien es gewöhnt, „fleischähnliche“ Prothesen zu sehen.

Kleinschmidt selbst ist durch Zufall in die Entwicklungshilfe gerutscht, in jungen Jahren arbeitete er als Dachdecker und Ziegenhirte. „Ich bin einer dieser Menschen, die sich ohne Universitäts- oder Berufsdiplom durch die Welt geschlagen haben“, sagt er. Als Leiter von Zaatari bemühte er sich, den Selbstwert und die Würde der Flüchtlinge wiederherzustellen – indem er etwa Supermärkte errichtete und Wertgutscheine anstelle von Hilfspaketen austeilte. Nach 20 Monaten in Zaatari und 25 Jahren in der Entwicklungshilfe wurde er müde. „Ich habe gemerkt, dass die UNO und die großen Hilfsorganisationen veränderungsresistent sind“, sagt er. Der humanitäre Bereich habe seine Grenzen erreicht: Er könne erste Hilfe leisten und Leben retten, „aber um langfristig zu arbeiten, reicht das Know-How meist nicht“. Die Entwicklungshilfe müsse ihre Berührungsängste vor der Privatwirtschaft und der modernen Forschung verlieren – und die internationale Gemeinschaft beginnen, Flüchtlinge nicht als Last, sondern als Ressource wahrzunehmen. „Das ist alles, was die wollen.“

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