„Das Hochschulsystem ist nicht so ungerecht“

Man weiß viel zu wenig über die soziale Zusammensetzung der Maturanten, sagt IHS-Forscher Martin Unger. Reformbedarf gibt es beim Umgang mit arbeitenden Studenten.

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Martin Unger – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Auf einer Skala von eins bis zehn, wenn eins das ungerechteste ist: Wie gerecht ist das heimische Hochschulsystem?
Martin Unger: Sieben oder acht.

Das ist viel, wenn mehr als 50 Prozent der Kinder aus Akademikerfamilien eine Hochschule abschließen, aber nur 6,6 Prozent jener, deren Eltern nur einen Pflichtschulabschluss haben.
Das Hochschulsystem ist aber nicht das eigentlich ungerechte. Entscheidend ist der Kindergarten, die Schule und die Frage, wer eine Matura schafft und wer nicht.

Wo müsste man ansetzen?
Wenn man sich andere Länder anschaut, hat der Besuch des Kindergartens den größten Hebel, sofern der Kindergarten mehr ist als eine Aufbewahrungsanstalt. Und dann die Schule – und dort vor allen Dingen die frühe Trennung.

Sind Debatten über die Selektivität des Hochschulsystems dann nur Scheindiskussionen?
Nun: Schule und Hochschule sind zwei Bausteine, die in Österreich kaum zusammen gedacht werden – auch wegen der zwei Ministerien. Und wir wissen überhaupt nicht, wie die soziale Zusammensetzung unserer Maturanten aussieht. Wir sind da eigentlich im Blindflug.

Wir bräuchten hier also zuallererst mehr Informationen?
Ja. Dann könnte man sagen, wer an der Schnittstelle zwischen Matura und Hochschule verloren geht – und dann, wie selektiv das Hochschulsystem wirklich ist. Jetzt vergleichen wir zwangsweise die Studienanfänger mit der Geburtenkohorte. Und das Schulsystem ist eine Blackbox dazwischen.

Wo zeigt sich denn nun, dass das Hochschulsystem gar nicht so ungerecht ist?
Wir haben einen relativ hohen Anteil an Studienanfängern, die bereits älter sind. Die gearbeitet haben und später ein Studium aufnehmen. Diese kommen ganz stark aus bildungsfernen Schichten und retten uns sozusagen. Würden wir nur die anschauen, die direkt nach der Matura an die Uni gehen, würde es viel selektiver aussehen.

Was gilt es da zu tun?
Man muss sich bewusst machen, dass es diese Gruppe gibt. Das sind 20 bis 25 Prozent aller Studienanfänger, sie sind in hohem Ausmaß erwerbstätig und vor allem deswegen an den Universitäten abbruchgefährdet. Weil ein Uni-Studium insbesondere in den ersten Jahren nicht wirklich mit einer intensiven Erwerbstätigkeit vereinbar ist.

Da bräuchte es also ein anderes Angebot für diese Studierenden.
Sie bräuchten genau wie an den Fachhochschulen ein berufsbegleitendes Studium, das sich mit einer Erwerbstätigkeit vereinbaren lässt. Und ein anderer Punkt: Es gibt die Befürchtung, dass genau diese Studenten mit der Ausweitung der Aufnahmeverfahren jetzt wegbleiben. Da gibt es erste Indizien in den Daten für die neu beschränkten Fächer Architektur, Biologie, Informatik, Pharmazie und Wirtschaft.

Wenn ältere Studierende eher aus bildungsfernen Haushalten kommen, läuft das wieder auf soziale Selektion hinaus – oder?
In den Daten spiegelt sich das noch nicht wider. Mittelfristig würde ich aber befürchten, dass wir sozusagen hintenrum sehr wohl soziale Auswirkungen sehen. Wobei die älteren Studierenden aber eben nicht deshalb wegbleiben, weil sie aus bildungsferner Schicht kommen – sondern weil sie viel arbeiten. Bei den Jüngeren sieht man kaum Veränderungen.

Ob Beschränkungen sozial selektiv sind oder nicht, lässt sich also nicht so einfach beantworten.
Sie sind es in Medizin und in Veterinärmedizin. In der Psychologie ist das nicht nachweisbar, in der Publizistik schwankt es von Jahr zu Jahr. Und in den neu beschränkten Fächern sieht man das noch nicht.

Wie sieht es denn mit dem Stipendiensystem aus? Manche kritisieren es fast als schrecklich.
Im internationalen Vergleich ist es nicht so schrecklich. Ein Problem ist, dass die Beträge lange nicht erhöht worden sind und dass die Bezugsdauer – vor allem für Uni-Studenten – zu kurz ist. Ein Best-Practice-Modell ist das Selbsterhalterstipendium. Das gab es bei uns schon in den 1960er Jahren – Deutschland hat es vor fünf Jahren eingeführt. Auch das verliert aber an Attraktivität, weil die Leute nicht das Geld bekommen, das sie bräuchten. Was wieder mit ein Grund dafür ist, dass die Studierenden ihre Erwerbstätigkeit nicht mehr reduzieren.

Tun die Universitäten genug – und wenn: Tun sie das Richtige?
Sie müssten zuerst einmal anerkennen, dass es sehr viele berufstätige Menschen gibt, die ein Studium betreiben – und dass es noch mehr gibt, die das gerne tun würden. Das wollen sie aber nicht hören, weil sie berechtigterweise sagen: Wenn man es auch noch berufsbegleitend anbieten würde, kostet das. Das müsste der Staat extra finanzieren.

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