US-Ökonom Sachs: Unis sollen Problemlöser werden

Die Unis sehen sich als elitäre Bildungsinstitutionen und mischen sich zu wenig in globale Herausforderungen, kritisiert Jeffrey Sachs.

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Jeffrey Sachs – (c) Katharina Roßboth

Die Universitäten sollen sich viel stärker einmischen, was globale ökologische und soziale Herausforderungen angeht. Das fordert der US-amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs. „Wenn man sich die großen Herausforderungen ansieht – wie die Energiewende, den Kampf gegen Armut, den Klimawandel oder den Zugang zur Bildung –, finde ich: Darauf sollten wir uns konzentrieren. Die Unis sollten nach vorne treten und sagen: Wir sind Teil der Lösung.“

In den meisten Teilen der Welt würden die Universitäten nicht diese Rolle der aktiven Problemlöser spielen, wie Sachs im Gespräch mit der „Presse“ kritisiert. In den USA und in Europa sei das zwar eher der Fall als in vielen anderen Weltgegenden. „Aber auch in unseren eigenen Ländern verstehen sich Universitäten manchmal einfach als Eliteinstitutionen für höhere Bildung – und das ist ein Fehler“, sagt Sachs. „Es ist weder für die Universitäten selbst noch für die Gesellschaft gut, wenn sie zu weit weg sind von den drängenden praktischen Fragen.“

Für Sachs – der das Earth Institute an der New Yorker Columbia University leitet und seit mehr als zehn Jahren die Vereinten Nationen bei ihren Entwicklungszielen berät – ist klar: „Die Universitäten sollen sich aktiv engagieren, was die Lösung dieser Probleme angeht – und zwar ganz besonders vor dem Hintergrund der neuen Ziele für nachhaltige Entwicklung, zu denen sich die UNO-Staaten im September bekennen werden.“

Uni-Expertise für Nachhaltigkeit

Bei diesen 17 Zielen, die die Nachfolger der „Millennium Development Goals“ der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2000 sind, geht es unter anderem darum, Armut zu beenden, gute Bildung zu garantieren, Ungleichheit zu verringern, den Frieden zu fördern und den Klimawandel zu bekämpfen. „Das sind sehr komplexe Ziele“, sagt Sachs. „Wenn es darum geht, sie in die Praxis umzusetzen, sollten die Universitäten eine wichtige Rolle spielen. Und das ist eine Rolle, die sie derzeit nicht genug wahrnehmen.“

Das „Sustainable Development Solutions Network“, über das Sachs heute Abend in seiner „Special Lecture“ in Alpbach sprechen wird (siehe Faktenkasten), setzt genau hier an: An die 400 Universitäten gehören dem Netzwerk an, das wissenschaftliche und technische Expertise aus der akademischen Welt mobilisieren will. „Der Kern davon ist, dass die Universitäten die Führung übernehmen, wenn es darum geht, globale Probleme zu lösen“, sagt Sachs.
Was heißt es in der Praxis, wenn sich Universitäten hier einmischen – etwa im österreichischen Kontext? Sachs erklärt das am Beispiel des Kampfs gegen den Klimawandel. Europa habe sich verpflichtet, den Ausstoß von CO2 zu minimieren. „Was ist die Antwort Österreichs auf diese Frage? Die Universitäten können hier helfen, sowohl bei technischen als auch bei politischen Fragen. Sie sollen die Regierung unterstützen, einen Weg zu finden.“

Dass es nicht immer ganz einfach ist, das an einer Universität umzusetzen, weiß Sachs aus eigener Erfahrung: „Ich habe an der Columbia University in den vergangenen 13 Jahren gesehen, was die Vorteile sind, wenn sich eine Universität sozialen Problemen widmet – aber auch, welche Herausforderungen das mit sich bringt.“ Nicht zuletzt, weil die Idee, dass eine Universität sich dem Thema widmet, per se umstritten ist. Eine Frage ist etwa: „Wie schafft man es, wissenschaftliche Exzellenz aufrecht zu erhalten – und sich gleichzeitig mit diesen chaotischen praktischen Fragen zu befassen?“ Eine andere Frage sei die, wie es mit dem ethischen Anspruch der Universitäten aussieht.

Debatte über Uni-Stiftungen

An manchen US-amerikanischen Hochschulen werde etwa diskutiert, wie die Uni-eigenen Stiftungen mit ihren Finanzanlagen umgehen sollten, sagt Sachs. Wenn es etwa um die Erdölindustrie gehe, seien manche der Meinung: Die Universitäten sollten primär die Gewinne maximieren, damit sie ein gutes Bildungsangebot machen können – Umwelt hin oder her. „Ich sehe das ganz anders“, sagt der Ökonom: „Auch die Uni-Stiftungen sollten einen Ansatz verfolgen, der auf Nachhaltigkeit abzielt.“

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