Schwache Regionen: Die Schrumpfung akzeptieren

Raumwissenschaftlerin Gerlind Weber fordert von ländlichen Gemeinden, ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen.

„Wir dürfen nicht immer nur auf Wachstum drängen“, sagt Gerlind Weber, Universitätsprofessorin für Raumforschung und Raumplanung an der Universität für Bodenkultur in Wien. Die Raumordnungspolitik Österreichs stehe seit Jahrzehnten vor einem Paradigma: Man habe sich immer den Kampf für das Idealbild einer gleichen Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben, dieses aber nie erreicht. Und trotzdem halte man Großteils weiter an derselben unfruchtbaren Wachstumsstrategie fest. Dabei sei es ein nicht zu leugnendes Faktum: „Starke Regionen werden durch die neoliberale Globalisierung immer stärker, schwache immer schwächer.“ Die sture Forderung nach mehr Wachstum in peripheren Gegenden laufe ins Leere, so Weber.

„Ich war die Erste in Österreich, die statt eines verstärkten Wachstums eine Begleitung und Gestaltung der Schrumpfungen in ländlichen Regionen forderte.“ Mit dieser Forderung wird Weber auch im Rahmen der heutigen Baukulturgespräche auftreten. Neben anderen Experten aus den Sozialwissenschaften und der Raumplanung wird sie zum Thema „Was soll und bewirkt Raumordnung?“ die Möglichkeiten und Grenzen des Fachs aufzeigen.

Widerstand in den Köpfen

Ihr Konzept einer geregelten Schrumpfung ist in ländlichen Gegenden erwartungsgemäß unbeliebt. Eine kürzlich von ihr durchgeführte Studie zeigt: Der Widerstand beginnt bereits in den Köpfen der Landbevölkerung. Genauer gesagt bei dem Begriff „Schrumpfung“. „Der geht vielen zu sehr mit Aufgeben, Versagen, Sterbebegleitung einher.“ Niemand wolle das absehbare „Wenigerwerden“ – auf diese abgeschwächte Bezeichnung greift die Raumwissenschaftlerin mittlerweile zurück – wahrhaben. Es brauche hier zuallererst eine Entstigmatisierung des Begriffs, um eine anschließende fundierte Auseinandersetzung mit dem „ständigen Aderlass an Arbeitsplätzen und –kräften“ zu eröffnen.

Das grundlegende Problem sieht Weber darin, dass die Gemeinden immer auf eine Lösung von außen warteten, anstatt ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen. „Das Land oder ein ominöser Investor müssen etwas tun“, erschalle gerne der Ruf. Dabei würden die Lösungskapazitäten im Ort selbst übersehen. Als Beispiele nennt sie hier ungenützte Leerstände im Ortskern, die zugunsten von „Neubauten auf der grünen Wiese“ nicht revitalisiert werden. Weber fasst ihre Lösungsansätze in drei Fragen zusammen, die sich jede Gemeinde stellen müsse: Wie können wir kooperieren, sparen und auf Qualität statt Quantität setzen?

„Da wo's wirklich brennt, das sind nach wie vor die Regionen entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs an der Ostgrenze Österreichs sowie eine Zunge, die sich entlang des Alpenhauptkamms von Osttirol bis ins südliche Niederösterreich zieht.“ Vor allem in diesen kränkelnden Regionen müsse sich eine Kehrtwende im Denken vollziehen.

Die Alten bleiben zurück

„Viele dieser Gemeinden glauben, sie sind aus dem Schneider, wenn ihre Bevölkerungszahlen nicht schrumpfen, sondern nur stagnieren. Dabei vergessen sie aber die demografische Umschichtung.“ Sprich: die Jungen flüchten, die Alten bleiben zurück. Eine Austarierung der Bevölkerungszahlen durch Zuwanderung ist laut Weber nicht leicht umsetzbar. „60 Prozent der österreichischen Gemeinden haben noch gar keine Asylsuchenden aufgenommen.“ Auch würde es die Asylwerber in die Ballungszentren ziehen, wo sie sich bessere Arbeits- und Wohnungschancen und mehr Akzeptanz erhofften. Damit bestehe das Verteilungsproblem fort.

„Wie gelingt es, die jungen Leute in der Gemeinde zu halten?“, wird Weber oft von verzweifelten Bürgermeistern gefragt. Ihre Antwort: Heutzutage lässt sich niemand mehr in seinem Heimatort festnageln. Statt die Leute festhalten zu wollen, sollte man mit ihnen in Kontakt bleiben. „Gemeinden brauchen eine Art Außenminister.“ Dieser müsse die jungen, gut ausgebildeten Abwanderer in den Großstädten erreichen und Jobperspektiven im Heimatort in Erinnerung rufen. (loan)

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