Der Landarzt könnte schon bald aussterben

Der teils dramatische Ärztemangel im ländlichen Raum könnte in ein paar Jahren zu einer Versorgungslücke führen. Der deutsche Volkswirt Boris Augurszky rät zu raschen und umfassenden Maßnahmen.

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Boris Augurszky zufolge wird sich der Ärztemangel im ländlichen Raum weiter verschärfen. – (c) Katharina Fröschl-Roßboth

Es ist ein Phänomen, das nicht nur Österreich, sondern ganz Europa betrifft – der immer stärker werdende Ärztemangel im ländlichen Raum. Kassenordinationen können trotz mehrmaliger Ausschreibung nicht nachbesetzt werden, zudem steht ab 2020 eine große Pensionierungswelle bevor. Effektive Lösungen sind keine in Sicht.

Dementsprechend ernüchternd fällt das Urteil von Boris Augurszky, dem Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, aus: „Aus der Nummer kommen wir nicht heraus. Der Fachkräftemangel ist zu groß.“ Er nahm am Dienstag bei den Gesundheitsgesprächen an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Smarte Gesundheitstechnologien – die Zukunft des Patientenmanagements“ teil und leitete auch einen Workshop dazu.

Lieber Klinik als Bergdorf

Dass Medizinabsolventen nicht mehr Landarzt werden wollen, führt Augurszky auf diverse Faktoren zurück. Der Hauptgrund dürfte die Wahlfreiheit sein. Im gesamten deutschsprachigen Raum gibt es einen mehr oder weniger dramatischen Ärztemangel, die Mediziner wählen lieber prestigeträchtige Stellen in Krankenhäusern und Universitätskliniken, in denen sie auch forschen und sich laufend fortbilden können. „Vor 30, 40 Jahren war das noch ganz anders, damals gab es zu viele Ärzte und viele von ihnen mussten nehmen, was sie kriegten“, sagt Augurszky. „Und ihre Ehepartner gingen für gewöhnlich mit.“ Auch, wenn sie dort keinen Job fanden und zu Hause bleiben mussten. Was auch schon das nächste Problem sei. Denn anders als früher habe die jetzige Generation an jungen Ärzten Ehepartner, die zumeist ebenfalls ein Hochschulstudium absolviert hätten und für die es keine Option sei, nicht zu arbeiten.

„Damit verdoppelt sich das Problem“, sagt Augurszky. „Man muss nicht nur dem Arzt, der Ärztin, sondern auch seinem bzw. ihrem Ehepartner eine Stelle anbieten.“ Was auf dem Land beinahe unmöglich sei. Der Luxus der Wahlfreiheit habe auch zur Folge, dass die Ärzte größeren Wert auf ihre Work-Live-Balance legen würden und „auch einmal Feierabend haben“ wollten. Landärzte haben meist keine geregelten Arbeitszeiten und müssen im Notfall de facto rund um die Uhr erreichbar sein, da in manchen Gegenden das nächste Krankenhaus zu weit weg ist. Insbesondere bei Frauen ist der Beruf einer praktischen Ärztin auf dem Land sehr unattraktiv.

Selbst fahrende Autos als Lösung

Augurszky plädiert dafür, diesem Trend jetzt schon konsequent entgegenzuwirken, bevor sich die Situation ab 2020 durch die Pensionierungen der Babyboomer noch verschärft und es noch schwieriger wird, Lösungen zu finden. Eine – legitime – Möglichkeit seien natürlich monetäre Anreize, die allerdings ihre Grenzen hätten, schließlich müsse das System finanzierbar bleiben.

Grundsätzlich denkbar sei auch eine Verpflichtung von Ärzten, einige Jahre auf dem Land zu praktizieren – als Gegenleistung für ein kostenloses Studium. Augurszky: „Wer weiß, vielleicht finden einige Gefallen daran und bleiben länger.“ Diese Idee wird derzeit in Tirol diskutiert, wo die Landesregierung plant, an einer Privatuniversität kostenlos Ärzte auszubilden, die sich bereit erklären, anschließend einige Jahre in Tirol zu bleiben – je nach Bedarf entweder als praktischer Arzt oder in einem Bezirkskrankenhaus in der Peripherie. Denkbar sind fünf bis zehn Jahre. Die ersten 100 Studenten könnten im günstigsten Fall 2018, realistischerweise aber erst 2020 ihr Studium beginnen.

Als dritte und vielleicht wirksamste Lösung bringt Augurszky technische Möglichkeiten ins Spiel – etwa die Telemedikation. Ärzte würden bei Hausbesuchen ihrer Patienten zu viel Zeit verlieren. Dabei könnte die erste Anamnese auch eine Pflegekraft per Tablet durchführen und „den Arzt erst bei Bedarf auf den Bildschirm holen“. In weiterer Folge seien auch selbstfahrende Autos und sogar Helikopter ohne Pilot vorstellbar, die Patienten abholen und zum Arzt bringen. Augurszky: „Gerade im ländlichen Bereich wäre ein selbstfliegender Hubschrauber schon von enormem Vorteil.“

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