Lieber Personen statt Projekte fördern

Seit einiger Zeit wird in Österreich über mehr Risiko bei der Forschungsförderung diskutiert. Eine neue Studie zeigt wegweisende internationale Beispiele und könnte als Grundlage für neue Förderungsstrategien dienen.

Andrei Pungovschi
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Der Druck, Innovationen zu liefern, ist enorm. Von den Unternehmen, von der Politik und von den Fördergebern. Mit dem Ergebnis, dass jede Idee als großer Wurf verkauft wird. Dabei lautet der Befund von Wissenschaftsministerium (BMWFW) und Rat für Forschung und technologische Entwicklung (RFTE), dass Österreichs Forschungs- und Innovationslandschaft in den Unternehmen durch überwiegend inkrementelle Innovationen geprägt ist. Also eben keine großen Würfe, sondern kleine und kontinuierliche Verbesserungen von bestehenden Produkten und Prozessen.

BMWFW und RFTE gaben daher die Studie „Radikale Innovationen – Mehr Freiraum für innovative und risikobehaftete Forschung“ in Auftrag, um neue Wege für die Förderung zu finden. Aufgezeigt werden in der Studie unter anderem internationale Beispiele. Diese werden im Rahmen des Arbeitskreises „Radikale Innovationen: Mehr Mut zum Risiko“ heute Freitag vorgestellt und diskutiert:

► Etwa das britische „Transformative Research Scheme“: Ein Pilotprogramm zur Förderung von besonders innovativen Forschungsprojekten mit einem neuen, teilweise experimentellen Auswahlmechanismus (Pitch-to-Peers). Dabei gelingt es, das Potenzial jeder einzelnen Bewerbung zu erörtern, so dass neue Akteure mit neuen Ideen eine reale Chance auf Entwicklung ihrer Forschungsprojekte haben.

► Ein weiteres Beispiel ist das „Idea Lab“, das in Anlehnung an die in Großbritannien entwickelte Sandpit-Methode in Norwegen eingeführt wurde: Bewerber kommen in einem mehrtägigen Workshop zusammen, präsentieren ihre Projektideen, entwickeln sie gemeinsam weiter, bevor die Förderentscheidung getroffen wird.

„Erfolglose“ Ideen wertvoll

Die Sinnhaftigkeit „klassischer“ Forschungsförderung sieht Sabine Pohoryles-Drexel vom BMWFW durch die Ergebnisse der Studie nicht grundsätzlich infrage gestellt. Sie zeigte aber, dass etablierte Mechanismen die Förderung „konservativer“ machten als erwünscht. Damit sind in erster Linie Auswahlmechanismen und Erfolgskriterien gemeint. Denn auch „erfolglose“ Ideen können wichtige Bausteine sein, sagen die beiden Arbeitskreis-Vortragenden Thomas Wallner (Michigan Technological University) und Stefanie Lindstaedt (TU Graz) und sollten deshalb nicht systematisch als Misserfolg des Projekts oder der Person bewertet werden.

Nach Jahren, in denen im Rahmen von „Public Management“ Projekte und ihre Organisation im Mittelpunkt standen, verschiebe sich der Fokus heute, sagt Stefan Kubicek von der Akademie der Wissenschaften: „Um gerade den innovativsten Wissenschaftlern möglichst viel Forschungsfreiraum zu geben, wäre es wünschenswert, vermehrt Personen statt Projekte zu fördern.“

„Unternehmerstaat“ gefordert

Bleibt die Frage, welche Rolle der Staat spielt und wie er Mut zum forscherischen Risiko unterstützt. Mariana Mazzucato, Professorin für Innovationsökonomie an der University of Sussex, wies während der Hochschulgespräche in Alpbach darauf hin, dass die Rolle des Staates bei Innovationen komplett unterschätzt werde. Er sollte daher wie ein „Unternehmerstaat“ auftreten, als „tollkühner und hungriger Innovator“.

Mazzucatos Erklärung: „Die meisten radikalen Erneuerungen des Industriezeitalters – Eisenbahn, Raumfahrt, Atomkraftwerke, Computer, Internet oder Nanotechnologie – verdanken ihre Existenz nicht finanzstarken Risikokapitalgebern der Privatwirtschaft, sondern der langen Hand des Staates. Ohne massive Investitionen in die Grundlagenforschung hätten es diese Erfindungen niemals in die Praxis geschafft.“

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