Wenn nervöse Roboter und radioaktive Strahlen Kunst machen

Die interaktive Schau „Best of Art and Science“ versammelt Arbeiten, bei denen sich Kunst und Technologie vermischen.

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(c) Katharina Fröschl-Roßboth

Der Roboter ist nervös. Seine Handschrift sieht aus wie die eines ziemlich alten Menschen, mit fahrigen Bewegungen setzt er kleine Kringel auf das Papier, die nur nach und nach – und mit einem gewissen Grad an Abstraktion – das Bild der jungen Frau ergeben, die vor dem Roboter Modell sitzt. Ein weiterer, gleich daneben, zeichnet die Frau mit schnellen Strichen und ist als Erster fertig: Er setzt seine Signatur unter die Zeichnung und rollt sich wieder ein.

„Er hat ein Problem mit Kleidung“, sagt Sabina Tupan, die daneben steht und interessierten Zuschauern gerne Auskunft über die Persönlichkeit und die künstlerischen Macken der Roboter gibt. Tupan ist die Assistentin des französischen Künstlers Patrick Tresset, der die insgesamt drei Zeichenroboter gebaut und programmiert hat. Früher zeichnete er selbst, dann hatte er eine künstlerische Blockade und machte sich seine Programmierkenntnisse zunutze. „Er hat versucht, sich selbst zu ersetzen“, erzählt Tupan.

Die Roboter hätten durchaus ihre Eigenheiten, die ihnen freilich von Tresset programmiert wurden. Der eine zeichnet das akkurateste Bild der Frau, mit wenigen, schlichten Linien, die er bedächtig auf das Papier setzt. Der zweite ist der nervöse: Seine Augen, ergo seine Kamera, wechseln ständig den Blick zwischen dem Modell und seiner Zeichnung, als müsste er kontrollieren, ob er die Frau gut getroffen hat. Der dritte hat eben ein Problem mit Kleidung: Wo die kleingemusterte Bluse des Modells sein sollte, hat er eine wirre Kritzelei hinterlassen.

Die Software der drei Zeichner, die auf alte Schultische montiert sind und einen Kugelschreiber im Greifarm halten (und damit trotz ihrer technischen Raffiniertheit einen nostalgischen Retro-Look haben), ist weitgehend die gleiche, nur Unterschiede im Code machen die verschiedenen Zeichenstile aus. „Sie imitieren menschliches Verhalten“, sagt Tupan. „Und ja, sie haben per Design auch Fehler!“

Tanzende Fliegen

In Alpbach sind sie noch bis Samstag als Teil der Ausstellung „Best of Art and Science“ zu sehen. Die Schau, die in Zusammenarbeit mit der Linzer Ars Electronica verwirklicht wurde, will die Schnittstellen zwischen technologischen Entwicklungen und künstlerischer Kreativität aufzeigen. Am eindrücklichsten gelingt das in einigen interaktiven Installationen: Da gibt es die Fliegenporträts von Laurent Mignonneau und Christa Sommerer: Auf einem großen Bildschirm ordnen sich virtuell modellierte Insekten ständig neu an – und bilden dabei ab, was die darüber montierte Kamera gerade einfängt. Wer macht hier die Kunst, der Entwickler, der Betrachter, die Technik oder der Zufall, fragt man sich – auch bei Soichiro Miharas „Bell“: Unter einer Glasglocke hängt eine Art Windspiel, das aber nicht von Luftströmen, sondern geringsten Mengen radioaktiver Strahlung bewegt wird.

Es fasziniert, wie mühelos die Technik in die Kunst eingreift. Ob das auch umgekehrt klappt, wird am Samstag erörtert: Die Kunstchefin des CERN, Monica Bello, die DIY-Forscherin Silvia Lindtner und MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein diskutieren, wie Kunst als Katalysator für Innovationsprozesse fungieren kann (Elisabeth-Herz-Kremenak-Saal, 9 Uhr).

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