Wenn die Welt zur Stadt wird

Der ungebrochene Run auf die Städte erfordert neue Visionen der Stadtplanung. Urbanist Paul Rajakovics will diese mit seiner Methode „Direkter Urbanismus“ entwickeln.

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Paul Rajakovics – (c) Katharina Fröschl-Roßboth

Es zieht die Menschen in die Städte: 1950 lebten gerade einmal 30 Prozent der globalen Bevölkerung in Städten, 2050 werden es Prognosen zufolge etwa 70 Prozent sein. Während die Urbanisierung in Asien, Lateinamerika und Afrika gerade auf ihren Höhepunkt zusteuert, ist sie in den westlichen Ländern bereits weit fortgeschritten. In Deutschland leben schon mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in Städten. In Österreich leben an die 60 Prozent der Menschen in Städten mit mehr als 5000 Einwohnern. Und: In Wien, der einzigen Großstadt, bleibt der Zuzug ungebrochen – nicht zuletzt befeuert durch die Hoffnung von Zuwanderern aus osteuropäischen Staaten und Flüchtlingen. Wien ist die am schnellsten wachsende Stadt im deutschsprachigen Raum.

Visionen gesucht

Damit boomende Städte mit der rasanten Entwicklung Schritt halten können, brauche es eine neue Vision für die Planung und Nutzung von urbanen Räumen – davon ist Paul Rajakovics überzeugt. Er ist Urbanist und Architekt an der Technischen Universität Wien. „Stadtplanung von oben, wie wir sie bisher hatten, funktioniert nicht mehr,“, sagt er im Gespräch mit der „Presse“. Eine entwickelte Demokratie, eine heterogene Bevölkerung sowie ein hoher Standard der Lebensqualität haben zu sehr individuellen Bedürfnissen und Anforderungen der Bevölkerung an die Stadt geführt. Die Zeit der One-Idea-fits-All-Masterpläne, bei denen großflächige neue Stadtteile aus dem Boden gestampft werden, müsse vorbei sein, sagt Rajakovics.

Auch in Wien seien vielfach ganze Stadtviertel auf frei gewordenen Flächen wie Fremdkörper in die Stadt hineingepflanzt worden. Eine Auseinandersetzung damit, was die schon bestehenden umliegenden Viertel ausmache, wie diese historisch gewachsen sind, wie die Bevölkerungsstruktur aussehe, was diese vielleicht brauche und was neue Stadtteile leisten könnten, sei vielerorts verabsäumt worden.

„Wenn man funktionierende neue Stadtteile haben will, muss man einen Kontext erarbeiten, Neues mit Altem und das Große mit dem Kleinen verknüpfen“, sagt Rajakovics. An- und Weiterbau statt Abriss und Neubau bestimmen einen Paradigmenwechsel in der Planungsstrategie. Heute entwickeln Stadtplaner und Architekten Pläne für den Umgang mit dem Bestand, statt wie bislang alles wegzureißen. Ehemalige Hafen- und Fabrikareale werden zu Wohnquartieren. Nachverdichtungen, das heißt auch Bauen auf dem, was schon da ist. „Obwohl ich gegen den Verdichtungswahn bin, der derzeit die Stadtplanung bestimmt. Das muss mit Maß und Ziel eingesetzt werden“, sagt Rajakovics, „sonst geht es auf Kosten der Lebensqualität.“

Die inklusive Stadt

Eine Stadt ist ein hochkomplexes Gebilde aus unterschiedlichen Schichten und Strukturen, die miteinander verwoben sind und sich gegenseitig bedingen. Sie bestimmen die Urbanität und Lebensqualität. „Es ist oft schwierig herauszufinden, was einen Ortsteil lebendig macht, oft liegt es unter der Oberfläche“, sagt Rajakovics.

Es sei eben nicht genug, Straßen zu verkehrsberuhigen und auf Plätze Cafés zu eröffnen – und dann zu hoffen, dass somit Leben auf der Straße stattfinde. Um die Dichotomie zwischen Planung und urbaner Handlung aufzuheben, zu finden, was Stadtteilen fehlt, hat Rajakovics eine Methode entwickelt, die er „direkten Urbanismus“ nennt. Er versucht etwa, mithilfe von künstlerischer Intervention unter Einbindung von Forschung neue Praktiken im Umgang mit der Aneignung und Entwicklung von urbanen Räumen zu finden. Es ginge etwa darum, die Wünsche der Bewohner einzusammeln, künstlerisch zu kuratieren und dann in konkreten Projekten umzusetzen. Wenn man eine lebendige Stadt haben wolle, müsse man auf das Gemeinsame und Direkte setzen. „Lebensqualität ist für mich vor allem eine Qualität des Zusammenlebens – es geht darum, dass wir gut miteinander umgehen können, mit allen Konflikten, die es gibt“, sagt Rajakovics. „Diese Lösungen kann man nicht stadtplanerisch im Großen erarbeiten, es braucht eine Planung von unten.“

Das sei auch wichtig, wenn es um den Zuzug der Flüchtlinge in Städte geht: „Es kann nicht nur um Menschenlagerungen gehen. Es geht darum, Wohnräume zu schaffen, die Qualität haben. Wir haben in Paris gesehen, wie es zu Radikalisierung kommt – das ist dann, wenn man verabsäumt, Räume zu erarbeiten, wo es Austausch und gutes Zusammenleben geben kann.“ Für Lokalpolitiker hat Rajakovics einen Rat: „Man muss sich gegen Populismus in der Stadtplanung wehren, egal von welcher Richtung er kommt. Traut euch, unkonventionelle Lösungen zu finden.“

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