Damit aus Städten keine "Katastrophen" werden

Eine Mischung aus öffentlichen und privaten Bereichen in ein und demselben Gebäude, gepaart mit „kleinräumigen“ Strukturen: Vier Wohnraum-Experten diskutierten darüber, ob und wie man Städte „teilen“ könnte.

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Orna Rosenfeld – (c) Philipp Naderer

Finanzkrise, Asylkrise, Wohnungskrise. „Das Wort Krise ist allgegenwärtig, dabei trifft es nicht immer zu“, ist Orna Rosenfeld, langjährige Beraterin der UN-Wirtschaftskommission für Europa in Fragen des Wohnungswesens, überzeugt. Gerade im Bereich der Stadtentwicklung sollte eher der Begriff Herausforderung herangezogen werden, meinte Rosenfeld am Donnerstag bei der Diskussion über „Sharing the City“ im Congress Centrum. Er vermittle nämlich die Botschaft, dass man gemeinsam etwas schaffen könne, sofern an den richtigen Schrauben gedreht werde.

Eine dieser Schrauben sei es, die Frage der Kosten und der Verfügbarkeit von Wohnraum nicht stets nur mit Blick auf die in Europa ankommenden Flüchtlinge zu stellen. „In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der Personen, die ihr Geburtsland verlassen haben, um 40 Prozent gestiegen. Das sind umgerechnet 244 Millionen Menschen – und hier handelt es sich nur zu einem geringen Teil um Flüchtlinge.“ Vielmehr würden diese Personen Jobangebote in anderen Staaten bekommen oder die Aussicht auf eine höhere Lebensqualität. Der Aufruf müsse daher sein, Städte so zu formen, dass sie grundsätzlich lebenswerter werden.

Ähnlich sah das auch Thomas Ritt von der Arbeiterkammer Wien. „Die Frage, die sich stellt, ist nicht, wie wir eine Stadt teilen können, das passiert von ganz alleine“, sagte er und verwies auf die britische Hauptstadt London. „Hier leben die, die es sich leisten können, in der Innenstadt und der Rest pendelt eine Stunde, bis er Teile davon sieht.“ Die Frage sei folglich: „Wie fair-teilen wir eine Stadt?“ Um sie zu beantworten, zog er Wien heran. „Wien ist seit 2013 um die Größe von Linz gewachsen und wird bis 2029 vermutlich um Graz wachsen“, prognostizierte er. Das Problem dabei: Es wachse seit Jahren nur die Bevölkerungszahl, aber nicht die Fläche der Bundeshauptstadt.

Ritt schlägt daher vor, mehr gemeinnützigen Wohnbau zu betreiben und privat-öffentliche Räume zu schaffen. Konkret: „Wenn ein neues Hochhaus gebaut wird, warum sagen wir dann nicht: Die ersten zehn Meter gehören der Stadt und damit der Öffentlichkeit?“ Dieser Bereich könnte dann als Einkaufszentrum oder als Spielfläche für Kinder, gewissermaßen als Begegnungszone, genutzt werden.

„Kleinräumig“ zur Integration

Der Architekt Andreas Postner vermisste bei der Debatte um leistbaren und gut genutzten Wohnraum hingegen den Blick auf die Peripherie. „Integration funktioniert nur, wenn wir kleinräumig denken“, sagte der Initiator des Vorarlberger Projektes „Transfer – Wohnraum für Flüchtlinge“. Und: „Wenn wir das Land nicht vergessen.“ Seiner Ansicht nach könnte beispielsweise Wien der Wohnungsnot, die durch die ankommenden Flüchtlinge verstärkt werde, nicht alleine Herr werden. „Es suchen nicht nur die Neuankömmlinge nach Wohnraum, sondern auch Ortsansässige – so ist das auch in Vorarlberg.“

Er habe der Regierung des westlichsten Bundeslandes daher vorgeschlagen, kleine Wohneinheiten zu bauen, in denen nicht nur Asylwerber, sondern auch wohnungssuchende Vorarlberger untergebracht werden sollten. „Diese Häuser sind kleiner und lassen sich daher leichter in bestehende Ortschaften eingliedern. Würden wir hingegen nur große Wohnblöcke bauen, müssten wir diese am Ortsrand platzieren.“ Und das könnte wiederum zur Ghettoisierung führen, anstatt zu einem Miteinander. In Postners Worten: „Das wäre Katastrophenarchitektur.“
Zu klein, warnte kurz darauf Christine Hohenbüchler von der Technischen Universität Wien, dürfe es dennoch nicht werden. „Wir müssen uns immer die Frage vor Augen halten: Wie wenig Platz ist zumutbar?“, sagte sie.

Postner ließ diesen Einwand von Zainab Murtazawi beantworten. Die Afghanin war im Vorjahr mit ihrer vierköpfigen Familie nach Österreich geflohen und lebt nun seit rund acht Monaten in einem von der Caritas betreuten Flüchtlingsheim in Vorarlberg. Dort, so erzählte sie im Erwin-Schrödinger-Saal, seien zwölf Familien in nebeneinander aufgereihten Kojen untergebracht. „Pro Familie ist es ein Raum, der keine Decke hat“, sagte Murtazawi, man teile sich also denselben „Luftraum“, weshalb Gespräche anderer ebenso mitgehört werden müssten wie das Kindergeschrei.

Hinzu komme, dass sich die zwölf Familien zwei Toiletten und zwei Duschen teilen müssten und das Gebäude nur zu bestimmten Tageszeiten verlassen dürften. Das sei bedrückend und eng, räumte sie ein. Und natürlich würde sie sich mehr Platz und Privatheit für ihre Familie wünschen. Doch es gebe Wichtigeres: „Wir leben hier in Sicherheit und nicht mehr im Krieg.“ Sie hoffe, dass es gelinge, diesen Frieden zu bewahren – damit aus den hiesigen Städten nicht auch Katastrophen würden.

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