„Macht ist weder gut noch schlecht“

Management. Die Philosophin Rebekka Reinhard will die Macht von ihrem furchtbaren Image befreien. Wer mächtig ist, kann vor allem gestalten und verändern. Das können Frauen ebenso tun wie Männer.

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Rebekka Reinhard – Katharina Roßboth

In unserer stetig komplexer werdenden Welt gibt es die unterschiedlichsten Wege, sich Unterstützung zu holen. Rebekka Reinhard, zum Beispiel, bietet mit ihrer philosophischen Lebensberatung etwas an, was zwar brandneu wirkt, aber doch Jahrtausende alte Tradition hat: Schon Philosophen wie die Stoiker oder Epikureer wollten Menschen mit ihren Thesen neue Sichtweisen verschaffen, gewissermaßen das Leben erleichtern. Rebekka Reinhard geht es, egal, wen sie berät, darum „den Menschen zum Selbstdenken im Sinne von Kant zu bringen. Dinge zu hinterfragen, das Hirn einzuschalten. Es kann ein unglaublicher Trost sein, den eigenen Gedanken zuzuhören, nicht immer außer sich, sondern bei sich zu sein.“ Sie nennt das, was sie ihren Klienten beibringen will, „die westliche Form der Mediation“.

In den vergangenen Jahren hat sich die Münchnerin mit dem Begriff „Macht“ und unreflektierten sexistischen Stereotypen in Unternehmen auseinander gesetzt. Im Rahmen der Wirtschaftsgespräche diskutierte sie an der Seite u. a. von Harald Katzmair (FAS-Research) und T-Mobile-Geschäftsführerin Maria Zesch über „Konflikt und Kooperation zwischen Mann und Frau in der Wirtschaft“. Reinhard hat im Zuge der Recherche für ihr jüngstes Buch „Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)“ belegt, dass der Großteil der Frauen unter Macht immer noch etwas Negatives versteht. „Es wird mit Militärmacht, mit Putin oder Google in Verbindung gebracht, aber selten mit einem selbst.“ Zu diesem „negativen, männlich konnotierten“ Machtbegriff habe sich in jüngster Zeit zwar eine neue „sanfte, weibliche Macht“ gesellt. Doch Reinhard ist der Meinung, dass beide Blickwinkel auf die Macht falsch und klischeehaft sind. Für sie ist Macht „weder gut noch böse. Macht kommt von Machen und Können. Mächtig sein heißt, etwas gestalten, beeinflussen und verändern zu können, aber auch selbstverantwortlich und autonom durch das Leben zu navigieren“. Was daran soll schlecht sein? Vor allem Frauen würden dazu neigen, Macht mit Zwang oder Unterdrückung zu verwechseln. Dabei seien das unterschiedliche Dinge.

Deswegen ermutigt Reinhard Frauen, sich zu ermächtigen, den Mund aufzumachen und sich Präsenz zu verschaffen. Aber auch dazu, dass sich Frauen und Männer gegenseitig ermächtigen. Doch da gibt es ein großes Hindernis: Frauen wollen gemocht werden. Männer vermutlich auch, aber bei Frauen sei dieser Wunsch immer noch viel stärker ausgeprägt. Tradierte Geschlechterstereotypen und die uns von Geburt an zugeschriebene soziale Position „Mega-Rolle Mann oder Frau“ (ein Begriff, den die US-Philosophin Charlotte Witt geprägt hat), stehen oft in einer Diskrepanz zu neuen Rollenbildern. Ein Beispiel: Eine Frau kann zwar in den Vorstand berufen werden und dort respektiert und anerkannt sein. „Aber sie kann nicht erwarten, dass sie gemocht wird“, sagt Reinhard. „Bei Männern besteht diese Diskrepanz nicht.“

„Ich bin für die Quote“

Das erinnert an einen Satz von Hannah Arendt. In einem legendären Fernsehinterview mit Günter Gaus sagte die sonst in vielen Bereichen so fortschrittlich denkende Philosophin: „Es sieht nicht gut aus, wenn eine Frau Befehle erteilt.“ Das war 1964 – Rebekka Reinhard sagt, dieser Satz habe bis heute Geltung behalten.

Welche Wege führen aus diesem Dilemma? Rebekka Reinhard glaubt an eine Mischung aus klaren Regeln („Ich bin für die Quote in Unternehmen“) und einer natürlichen Veränderung des Systems. „Ein Vorstand kann zwar moderne Rollenbilder vorleben, aber das System wird er allein nicht verändern.“ Deshalb müsse man innerhalb eines Unternehmens Männern wie Frauen immer wieder klarmachen, dass sie tagtäglich mit Vorurteilen operieren. Aufzeigen, wenn Männer Frauen unterbrechen oder in Sitzungen gewissermaßen „über-reden“. Solange man diese Erwartungen, die wir bewusst oder unbewusst an die Geschlechter haben, nicht verändere oder aufbreche, werde sich das System nicht ändern. Ein Schlüssel zur Lösung liege schon in der Erziehung. Eltern sollten versuchen, den naheliegenden Geschlechterstereotypen zu entkommen; Kindern stattdessen mitgeben, vernünftig, selbstbestimmt und mit Herzensbildung durch das Leben zu gehen.

Wobei Rebekka Reinhard eines klar stellt: „Frauen sind nicht das bessere, moralischere Geschlecht. Die Welt wird nicht automatisch besser, weil wir mehr Frauen in die Unternehmen bekommen.“ Aber Frauen sollten begreifen, wie erfüllend es sein kann, Macht auszuüben.


[NT64W]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2017)

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