Banken

„Ich konnte das Testosteron riechen“

Erst Investmentbanker, dann Doku-Filmstar: Rainer Voss kritisiert das Finanzsystem aus der Innenperspektive. Regulierung könne Krisen nicht verhindern, es brauche einen Wertewandel.

Für Bankenrebell Voss ist das Finanzsystem auf die schiefe Bahn geraten.
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Für Bankenrebell Voss ist das Finanzsystem auf die schiefe Bahn geraten.
Für Bankenrebell Voss ist das Finanzsystem auf die schiefe Bahn geraten. – Katharina Roßboth

Viele Gäste beim Forum Alpbach fühlen sich hier wie die Made im Speck. Rainer Voss müsste sich eher wie ein Stachel im Fleisch vorkommen. Auf den Finanzmarktgesprächen wirft der frühere Investmentbanker einen Blick zurück im Zorn: Trader „sind ganz arme Figuren“, die man am besten mit „verhaltensauffälligen Kindern“ vergleichen kann. Voss selbst war einer von ihnen, bevor er in der Finanzkrise ausstieg und 2014 durch den preisgekrönten Dokumentarfilm „Masters of the Universe“ zu cineastischen Ehren kam. Aber seltsam: So erfolgreich der Streifen war, so bekannt „Der Banker“ (wie der Fernsehtitel lautete) dadurch wurde – von früheren Kollegen kam „null Reaktion“. Vielleicht weichen sie einer Diskussion aus, die sie dazu zwingen würde, „sich selbst in Frage zu stellen“ und danach zu handeln.

Zwei Jahrzehnte lang hat der Deutsche im Investmentbanking gearbeitet: „Ich konnte das Testosteron am Handelstisch riechen“. Der Beruf ziehe keine gefestigten Charaktere an, sondern „schwache Menschen“, die ihre einzige Stütze im Berufsleben finden und deshalb im Job „unendlich leidensfähig“ sind. Schnell verdienen sie viel mehr Geld, als sie ausgeben können. Aber darum geht es gar nicht, mehr um die Selbstbestätigung: „Einen Blick auf den Bildschirm zeigt ihnen ihren Wert“.

Nun ist dieser Befund nicht ganz neu. Nach der Finanzkrise hat er sich auch außerhalb von New York, London und Frankfurt herumgesprochen. Die originelle Volte von Voss: Mit mehr Regulierung lasse sich das Finanzsystem nicht auf Dauer stabilisieren. Strengere Aufsicht, höhere Kapitalquoten und mehr Governance-Vorschriften: Das alles sei zwar „aus taktischer Sicht“ gut und wichtig. Aber neue Krisen können wir aus seiner Sicht nur verhindern, wenn sich die Einstellung der Akteure ändert. Voss denkt dabei nicht nur an Banker. Auch der Dieselskandal und das Doping im Sport lassen ihn fragen: „Was ist da in unserer Gesellschaft passiert?“ Nur vage zeichnet er einen Weg zurück zum verlorenen Wertekanon vor. Er ginge über mehr „Menschenbildung“ an den Universitäten und mehr „glaubhafte Führungspersönlichkeiten“ an der Spitze von Konzernen.

Kein Werk Gottes

Aber ist es wirklich wahr, dass erfolgreiche Banker auf das Gemeinwohl pfeifen? Wenn Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein noch 2009 sagte, er verrichte „Gottes Werk“, so meinte er das ja nicht zynisch, sondern ernst. Die Idee dahinter: Nur ein gut geölter, sehr liquider Finanzmarkt mit vielen Produkten und Akteuren könne in einer hoch entwickelten Realwirtschaft für steigenden Wohlstand sorgen. „Wunderschön, aber realitätsfremd“ seien diese Theorien der Ökonomen, findet Voss – und hält doch nur seine eigene Erfahrung dagegen: das Gefühl der Ohnmacht, wenn alles zusammenbricht, wenn er als Händler beim Ausbruch einer Krise um jeden Preis verkaufen musste.

Aber Voss lässt sich nicht so leicht in die Schublade der apokalyptischen Fundamentalkritiker stecken. Er lobt etwa die Bankenunion in der EU: „Ich hätte nie geglaubt, dass die das schaffen“. Freilich: die neue Form der Abwicklung (dass bei einer Pleite nicht den Steuerzahler, sondern zuerst die Investoren zur Kassa gebeten werden) sei schon bei den ersten Anlassfällen in Italien am Widerstand aus Rom gescheitert. Apropos: Nicht mehr hören kann Voss auch das „Gesülze der Politiker“, die Banken müssten wieder der Realwirtschaft dienen, dann werde alles gut. Dem hält er entgegen: Die drei maroden italienischen Institute sind nicht an wilden Spekulationen gescheitert, sondern daran, „dass sie der Realwirtschaft zu intensiv gedient haben“ – durch Kredite an Firmen, die nicht mehr lebensfähig waren. Auch hier lauern also Gefahren.

Nächste Krise von außen

Was sonst noch schief lief seit der Krise: Das Volumen der Hedgefonds sei weltweit um 30 Prozent gestiegen. Schattenbanken machten sich in China breit. Die Konzentration nehme vor allem in den USA zu, die Riesen seien so weiter gewachsen – und damit mehr denn je „too big to fail“. Insgesamt aber hätte sich Amerika durch die temporäre Verstaatlichung und Zwangskapitalisierung seiner Großbanken besser aus der Affäre gezogen als Europa. Für künftige Krisen erwartet der 58-Jährige, dass die Staaten bald „die Schnauze voll haben“ und Banken dauerhaft verstaatlichen werden. Was vielleicht gar nicht so schlimm wäre, stünden dann nicht womöglich Populisten an der Spitze – als Folge der Wut der Bürger.

Aber woher könnte die nächste Krise kommen? Gar nicht direkt aus dem System, vermutet Voss, sondern von außen. Ob ein Erdbeben in San Francisco oder ein Ausbruch der Vogelgrippe in Hongkong: In einer so eng vernetzen und verflochtenen Welt könnte manch kleine Glut einen Flächenbrand auslösen. Eben deshalb hält Voss aber auch populäre Forderungen, man solle doch eine Großbank oder Griechenland einfach pleite gehen lassen, für „unverantwortlichen Schwachsinn“. Wenn es etwa gelte, die Deutsche Bank (einer seiner früheren Arbeitgeber) vor dem Zusammenbruch zu retten, und sei es mit Steuermitteln: Voss würde das gutheißen, „auch wenn ich dabei kotzen müsste“.

Zur Person

Rainer Voss wurde 1959 in Wuppertal geboren und arbeitete bis 2008 als Wertpapierhändler bei mehreren deutschen Banken. Bekannt wurde er 2013 durch den preisgekrönten Dokumentarfilm „Master of the Universe“ von Marc Bauder, ein langes Interview, in dem der Ex-Banker „auspackt“. Heute lebt er mit seiner Familie in Frankfurt und Spanien.

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