Afghanistan: "Hier herrscht Krieg gegen Frauen"

Die Situation für die weibliche Bevölkerung verschlimmert sich zusehends. Nicht nur die islamistische Taliban-Bewegung, sondern auch der Staat missachtet ihre Rechte.

Afghanistan Hier herrscht Krieg
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Burka – (c) Clemens Fabry

Es sind Bilder, die an die Zeit der Taliban-Herrschaft in Afghanistan erinnern: Eine mit einer Burka verhüllte Frau kauert auf dem staubigen Boden, hinter ihr steht ein Mann mit einer Automatikwaffe, er eröffnet das Feuer, schießt weiter, als sie schon reglos daliegt. Im Hintergrund haben sich etwa 150 Dorfbewohner versammelt, sie klatschen und jubeln, einer sagt: „Es ist Allahs Befehl, dass sie hingerichtet wird.“ Der Mord, er geschah Anfang Juli, wurde gefilmt. Der Vorwurf: Die mit einem Taliban-Kämpfer verheiratete 22-Jährige soll eine Affäre mit einem anderen Taliban gehabt haben. Nach der Hinrichtung der mutmaßlichen „Ehebrecherin“ behauptete die Provinzregierung, das Dorf – nur eine Autostunde von Kabul entfernt – wäre zum Tatzeitpunkt unter Kontrolle der Taliban gestanden. Doch diese bestritten, in die Tat verwickelt zu sein.

„Die Hinrichtung war ein symbolischer Akt der Verachtung der Frau und der westlichen Staatengemeinschaft“, sagt Edit Schlaffer, Gründerin und Direktorin der Organisation „Frauen ohne Grenzen“. Die Hinrichtung fand nur wenige Tage vor dem Auftakt einer Afghanistan-Konferenz in Tokio statt. Kurz nachdem die Gebernationen verkündet hatten, Afghanistan bis 2015 mit mehr als 16 Milliarden Dollar zu unterstützen, tauchte im Internet das Video von der Hinrichtung auf.

 

Taliban verbrennen Schulen

„Die Situation der Frauen im Land hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verschlimmert“, sagt Schlaffer. Von Frauenrechtsgruppen wie der Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (Rawa), die selbst unter der Taliban-Herrschaft im Untergrund aktiv waren, sei heute wenig übrig. „Die Frauen haben Angst, sie sind sehr vorsichtig geworden.“ Wo sich die Aktivistinnen gerade aufhalten, weiß Schlaffer nicht, sie hat den Kontakt verloren.

Auch heute noch verbrennen die Taliban Schulen, in denen Mädchen unterrichtet werden. Nach wie vor wird mit kleinen Mädchen gehandelt, sie werden gezwungen, viel ältere Männer zu heiraten. „Unter den Russen war die Situation für Frauen nicht viel schlechter als heute, zumindest war die Schulbildung für Mädchen obligatorisch“, sagt Schlaffer. In den urbanen Zentren werden zwar auch Mädchen ausgebildet, auf dem Land dürfte es aber anders aussehen: „Wir wissen es nicht, es gibt keine Statistiken.“ Solange Frauen gezwungen werden, ihre Vergewaltiger zu heiraten, könne man ohnehin nicht davon sprechen, dass Bildung der Schlüssel zur Selbstermächtigung sei.

 

Gleichbehandlung nur auf Papier

Nach dem Sturz der Taliban 2001 sei es zu einem hoffnungsvollen Aufschwung gekommen, sagt Schlaffer, „aber jetzt ist das Land zu einem Spielfeld für internationale Interessen geworden“. Durch Korruption und Fehlplanung sei die Glaubwürdigkeit der Politik verloren gegangen. Man habe sich darauf konzentriert, die Taliban militärisch zu besiegen, anstatt die Zivilgesellschaft aufzubauen und Frauenrechte zu stärken. Zwar ist die Gleichbehandlung in der Verfassung Afghanistans verankert, aber „nur auf dem Papier, um dem Westen zu gefallen“, sagt Schlaffer.

In der Realität schützt das Recht den Stärkeren. Um etwa einen Ehebruch zu beweisen, benötigt man vier Zeugen, diese könnten aber nur Männer mobilisieren. Frauen, die sich auf der Flucht vor häuslicher Gewalt an die Polizei wenden, werde geraten, besser zu schweigen. „In Afghanistan“, sagt Schlaffer „herrscht ein Krieg gegen Frauen.“

Der Mord an der Frau zu Monatsbeginn war kein Einzelfall, immer wieder kommt es zu öffentlichen Übergriffen. Viele blicken einem Abzug der internationalen Truppen mit Angst entgegen, weil sie fürchten, dass die Weltöffentlichkeit Afghanistan dann aus den Augen verliert. „Die Regierung ist sehr schwach, Präsident Hamid Karzai hat überhaupt keine Macht jenseits von Kabul“, sagt Schlaffer. Und die Taliban sind immer noch mächtig. „Sie sind umschmeichelte Verhandlungspartner. In einem politischen Deal gibt es keinen Weg um sie herum.“

 

60 Mrd. Dollar an Hilfsgeldern

Seit der Militärintervention zum Sturz der Taliban unter Führung der USA Ende 2001 sind geschätzte 47 bis 60Milliarden Dollar an Hilfsgeldern nach Afghanistan geflossen. „Wenn man schon interveniert“, kritisiert Schlaffer, „dann sollte man das auch auf der gesellschaftlichen Ebene tun.“ Es reiche nicht, Resolutionen zu erstellen. Bevor Geld fließe, müsse man echte Bedingungen stellen.

„Die Frauen waren ein willkommener Vorwand, um in das Land einzumarschieren“, sagt die Chefin von „Frauen ohne Grenzen“, „jetzt scheinen sie aber leider keine Relevanz mehr zu haben.“

Die öffentliche Hinrichtung einer jungen Frau rund hundert Kilometer nördlich von Kabul hat international für Empörung gesorgt.
Auf einem Video ist zu sehen, wie die junge Frau unter den Anfeuerungsrufen Dutzender Männer erschossen wird. Ihr war vorgeworfen worden, ihren Ehemann, einen Taliban-Kämpfer, mit einem Taliban-Kommandanten betrogen zu haben. Die Taliban selbst stritten eine Verwicklung in die Hinrichtung ab.

Die Lage der Frauen in Afghanistan wird insgesamt immer dramatischer, warnt Edit Schlaffer von „Frauen ohne Grenzen“.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.frauen-ohne-grenzen.org

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)

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