Stinger-Wunderwaffen für Syriens Rebellen

In der Türkei soll eine Lieferung der legendären Luftabwehrraketen bereitliegen. Die Aufständischen wollen so die Lage zu ihren Gunsten kippen. Doch Terroristen könnten damit Zivilflugzeuge attackieren.

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(c) REUTERS (GORAN TOMASEVIC)

Die MiG-23 dreht nach dem ersten Angriff eine Schleife, um erneut mit ihrer Bordkanone Stellungen der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA) zu beschießen. Kaum hat die Maschine zum Tiefflug angesetzt, rattern 14,5-Millimeter-Flakgeschütze. Der Pilot versucht abzudrehen – zu spät. Die MiG fängt Feuer und stürzt ab. „Gott ist groß! Gott ist groß!“, rufen die Schützen der FSA. Zum ersten Mal gelang es den Rebellen, einen Jagdbomber der Luftwaffe abzuschießen.

Seit die Rebellen am 20. Juli Teile von Aleppo erobert haben, intensivierte das Regime den Einsatz seiner Kampfflugzeuge – mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung, aber auch für die FSA. Sie steht den Luftangriffen bisher hilflos gegenüber. Sollte sich am militärischen Ungleichgewicht nichts ändern, droht die Rückeroberung Aleppos durch die Regimetruppen von Machthaber Bashar al-Assad. Dies würden den seit mittlerweile 18 Monate andauernden Aufstand, der längst zum Bürgerkrieg geworden ist, auf unbestimmte Zeit verlängern.

„Wir brauchen nicht mehr Kämpfer, sondern moderne Waffen“, klagte Abu Ali, ein bekannter Bataillonskommandant der FSA: „Nur so gewinnen wir den Krieg in Aleppo und in ganz Syrien“, sagte der 25-Jährige, der zur Heldenfigur avancierte. Trotz einer Beinverletzung und Krücken dirigiert er seine Kämpfer an der Front. Auf der Wunschliste der FSA stehen Panzerabwehrraketen, vor allen Dingen jedoch effiziente Waffen gegen Flugzeuge und Helikopter.

 

„Mutter aller Schlachten“

Mit dem Beginn der „Mutter aller Schlachten in Aleppo“ mehrten sich Spekulationen über die Lieferung moderner Waffensysteme. Und nun scheint sich tatsächlich etwas getan zu haben. „Seit Langem arbeiten wir hart, das Nötige aus dem Ausland zu bekommen“, erklärt Mahmoud Sheik-Elzour, einer der einflussreichsten FSA-Leute: „Und nun ist es soweit. Panzerabwehrwaffen und vor allem ,Stinger‘-Raketen liegen in der Türkei für uns bereit.“

Stingers sind tragbare, infrarot-gesteuerte Bodenluftraketen des US-Herstellers Raytheon, die von der Schulter gestartet werden. Sie finden ihr Ziel über die Hitzeentwicklung des Objekts. Eine beliebte Waffe auch bei Terroristen, da sie neben Kampffliegern auch Passagiermaschinen vom Himmel holen kann. In Afghanistan trug sie entscheidend zum Ende der sowjetischen Besatzung (1979–1989) bei.

„In Syrien wird es nicht anders sein“, glaubt Sheik-Elzour. Nach 25 Jahren im Exil in den USA, wo er es zum wohlhabenden Geschäftsmann gebracht hatte. Der 52-Jährige mit Universitätsabschluss hat an vielen Gefechten teilgenommen, aber er kämpft gleichzeitig an einer nicht weniger wichtigen anderen Front: Im Hintergrund sucht er über stille Kanäle nach Waffen und Geld. „Ach, nach London muss ich bald fahren“, sagt er lapidar. „Großbritannien gibt fünf Millionen Pfund (etwa 6,4 Mio. Euro) und will wissen, an wen es geht – und wofür.“

 

USA müssen Erlaubnis geben

Woher die Stinger kommen, will er nicht verraten. „Sie sind da, wurden bezahlt und Katar hat damit zu tun“, sagt er geheimnisvoll. Viel mehr braucht der FSA-Mann nicht zu sagen. Die Türkei hat zusammen mit Saudiarabien und Katar eine Kommandozentrale in Adana in der Türkei eingerichtet, um die FSA zu unterstützen. Die Türkei produziert unter US-Lizenz Stinger. Offiziell braucht es das Plazet aus Washington, um sie an Dritte abzugeben. Die Türkei soll im Besitz von insgesamt 850 Stück dieser begehrten Waffe sein.

Im Grenzgebiet zu Syrien drückt die Türkei sämtliche Augen zu. Das Gebiet ist Nachschubbasis und Rückzugsgebiet der FSA. „Zwei-, dreimal die Woche passieren Lkw und Kleintransporter voll mit Waffen die Grenze“, berichtet ein Augenzeuge, der anonym bleiben will: „Und das türkische Militär eskortiert den Konvoi.“

 

Albtraum: Stinger für Jihadisten

Wenn Sheik-Elzour über die Haltung westlicher Länder spricht, kommt er in Rage: „Wie viele tausende Zivilisten müssen noch sterben, bis man endlich handelt?“ Die offizielle Richtlinie der USA besagt: technisches Gerät für die Rebellen ja, aber keine „tödliche Unterstützung“. Aufgebracht zeigt Sheik-Elzour auf seinem Laptop eine E-Mail von Robert Ford, US-Botschafter in Syrien: „Das ist doch ein Hohn“, ruft der FSA-Unterhändler und liest Passagen aus dem Brief des US-Diplomaten vor: „Wir unterstützen nur eine nicht gewalttätige Opposition.“

Den Stinger-Coup habe man im Alleingang eingefädelt, erklärt Sheik-Elzour. „Man kann nicht immer warten und sich auf andere verlassen.“ Die Übergabe der Luftabwehrraketen sei jedoch an Bedingungen geknüpft. Die Lieferanten wollen sichergehen, dass die Stinger nicht in falsche Hände gelangen. Wie in Afghanistan: Nach dem Abzug der Sowjets mussten die USA sie zu einem Vielfachen des Preises zurückkaufen. Viele der Raketen blieben jedoch verschwunden. Dass diese Waffen in Syrien in die Hände al-Qaida-naher Gruppen fallen, will man um jeden Preis verhindern. Es wäre ein Albtraumszenario.

Auf einen Blick

Der Bürgerkrieg in Syrien kostete seit März 2011 laut Schätzungen der UNO schon mindestens 17.000 Menschen das Leben. Oppositionsgruppen sprechen sogar von mehr als 20.000 Toten. Die Zahl der Flüchtlinge steigt täglich, allein im Nachbarland Türkei sollen es inzwischen mehr als 61.000 sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2012)

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